„Wir wollen eine Marke setzen, die es in diesem Jahr noch nicht gegeben hat“, sagt Peter Hausmann, Verhandlungsführer der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), der Frankfurter Rundschau. Damit ist klar, dass sie auch den RWE-Abschluss von 3,4 Prozent übertreffen will. Vermutlich peilt sie eine Vier vor dem Komma an.
Der Abschluss für die Telekom-Servicesparte, den Verdi als 5,15-Zuschlag verkauft, taugt dabei nicht als Vergleichsmarke. Dort sind die Gehälter Anfang des Jahres zunächst um 2,17 Prozent gesunken, es bleibt also ein Plus von lediglich drei Prozent ab April.
In der Chemieindustrie sind die Chancen für einen höheren Zuschlag gut: Nach der Krise ist der Umsatz rasant gestiegen, das Vorkrisenniveau ist wieder erreicht. „Der Aufschwung ist überall spürbar“, sagt Gewerkschaftsführer Hausmann. Dies gelte nicht nur für große Chemie-Konzerne, auch Autozulieferer und Kunststoff-Produzenten seien „bis oben hin ausgelastet“.
Auch der Industrieverband VCI erwartet, dass es weiter aufwärts geht. „Die deutsche Chemie bleibt auf dem Wachstumspfad“, schreibt die Unternehmerlobby in ihrem Quartalsbericht und prophezeit für dieses Jahr ein Umsatzwachstum von vier Prozent.
Angesichts der guten Lage und günstigen Perspektiven ist die IG BCE mit einer Lohnforderung von sieben Prozent in die Tarifrunde gestartet. Jetzt ist die Zeit reif für einen Abschluss, meint Hausmann. „Wir streben ein Ergebnis an“, betont der Verhandlungsführer mit Blick auf die zweite bundesweite Verhandlungsrunde am kommenden Mittwoch und Donnerstag. Die Arbeitgeber sollten endlich ein Angebot unterbreiten: „Sie müssen jetzt eine Zahl auf den Tisch legen.“
Die Gewerkschaft hat in den vergangenen Tagen Tausende Beschäftigte zu Demonstrationen aufgerufen, um ihrer Lohnforderung Nachdruck zu verleihen. In Städten wie Ludwigshafen, Dormagen und Leverkusen hätten bislang rund 20.000 Menschen demonstriert. Bis Mitte dieser Woche dürfte die Zahl auf mindestens 30.000 Teilnehmer steigen, prophezeit Hausmann.
„Grobe Worte“
Für die moderate IG BCE sind solche massiven Proteste ungewöhnlich, traditionell laufen die Chemie-Tarifrunden eher ruhig ab, der vorerst letzte große Streik liegt 40 Jahre zurück. Die Arbeitgeber seien bislang besonders stur, darum mache man jetzt Druck, lautet die Begründung.
Der Chemie-Arbeitgeberverband BAVC reagiert pikiert: Die Gewerkschaft habe die „Atmosphäre mit groben Worten und starker Mobilisierung eingetrübt“, klagt der Verband in einem Informationsbrief an Führungskräfte. Die Gewerkschaft stehe vor einer Richtungsentscheidung: Sie müsse klären, „ob sie künftig polarisieren oder wie bisher pragmatisch bleiben will“.
Ob die Proteste den Einigungswillen der Arbeitgeber fördern, bleibt abzuwarten. Noch sei ungewiss ob man ein Angebot vorlege, sagte ein Sprecher.
Am Ende dürften die Unternehmen um einen spürbaren Zuschlag nicht herumkommen. Es spreche einiges dafür, dass in der Chemieindustrie einer der höchsten Lohnabschlüsse dieses Jahres vereinbart wird, betont der Tarifexperte Reinhard Bispinck von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. In Branchen wie dem Bau, der Druckindustrie oder dem Einzelhandel, wo in diesem Jahr ebenfalls verhandelt wird, dürfte es schwierig werden, mehr Geld als in der Chemiesparte herauszuholen.
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