Turin. "Das ist ein historischer Moment für die Fiat-Gruppe und für die italienische Industrie. Die Operation bedeutet eine konstruktive und wichtige Lösung von Problemen, die seit einigen Jahren nicht nur Chrysler, sondern die ganze globale Autoindustrie betrifft."
Mit diesen Worten kommentierte Fiat-Chef Sergio Marchionne, den zwischen Fiat und Chrysler unterzeichneten und von US-Präsident Barak Obama gutgeheißenen Partnerschaftsvertrag zwischen den beiden Autobauern.
Auch Regierungschef Silvio Berlusconi strahlt: "Italien kann stolz sein über das Abkommen, das die industriellen Fähigkeiten und die technologische Innovationskraft von Fiat belegt."
Konkret sollen die werthaltigen Teile von Chrysler in eine "Newco" - ein neues Unternehmen - eingebracht werden. Fiat wird dann - zum Nulltarif - zunächst 20 Prozent der "neuen Chrysler" übernehmen und kann den Anteil später schrittweise bis auf 35 Prozent aufstocken. Zudem erhalten die Turiner eine Option auf 16 Prozent, die von 2013 bis 2016 ausgeübt werden kann - wenn bis dann alle Staatshilfen der US-Regierung von Chrysler zurückgezahlt sind. Damit würde der Fiat-Anteil auf 51 Prozent steigen - die Italiener würden Chrysler vollständig kontrollieren.
Zunächst erhalten aber die Gewerkschaften mit 55 Prozent die Aktienmehrheit an der neuen Chrysler. Damit werden ihre Renten- und Gesundheitsversicherungsguthaben abgesichert. Der Anteil der Gewerkschaften wird vom US-Schatzamt verwaltet. Dennoch muss die hohe Beteiligung als revolutionärer Vorgang in den USA gewertet werden. Laut Fiat wird das US-Schatzamt insgesamt mehrere Milliarden Dollar in die Newco einschießen. Im Gegenzug stellt Fiat Chrysler sein Know-how beim Bau sparsamer Kleinwagen zur Verfügung.
Doch es geht Marchionne um mehr: "Nun müssen wir uns auf Opel konzentrieren. Sie sind unser perfekter Partner", sagte der Fiat-Boss der Zeitung La Stampa. Dass der Fiat-Konzern durch seinem Einstieg bei Chrysler noch stärker an Opel interessiert sein könnte, glaubt auch Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer. "Fiat wird jetzt aggressiv die Opel-Linie verfolgen, um an die 3,3 Milliarden Euro Staatsgeld heranzukommen und den Chrysler-Deal abzufedern", sagte Dudenhöffer dpa. Die Bundesregierung müsse daher sorgfältig prüfen, ob Fiat nicht übertriebene Zusagen mache, um den Zuschlag für Opel zu bekommen.
Dudenhöffer, Professor an der Universität Duisburg-Essen, sieht im Autozulieferer Magna den deutlich besseren Partner für Opel. Das österreichisch-kanadische Unternehmen sei vertrauenswürdig und hocheffizient und habe für Opel eine tragfähige Lösung. Mit der erwarteten Beteiligung russischer Magna-Partner wäre Opel unter anderem auch in einer besseren Position, um sich mit Russland einen Zukunftsmarkt zu erschließen.
Die Allianz von Chrysler und Fiat sei, so der Professor, für beide Seiten von Nutzen: "In den USA können die Chrysler-Kapazitäten in der Produktion und bei Händlern mit Modellen von Fiat und Alfa Romeo ausgelastet werden. In Europa kann Fiat mehr Fahrzeuge bauen, weil sie im US-Markt angeboten werden können."
Opel-Betriebsratschef Klaus Franz zeigt sich derweil optimistisch über eine Rettung des deutschen Autobauers. "Wir haben interessante Investoren, nicht nur die, die in den letzten Tagen in der Presse gehandelt wurden, sondern auch ganz andere", sagte Franz. Er sei zuversichtlich, dass eine Lösung gefunden werde. "Es gibt noch andere schöne Bräute, man schaut sich um", betonte er.
Franz bekräftigte zugleich sein Nein zu einem Einstieg des italienischen Konkurrenten Fiat, der neben Magna Interesse an der General-Motors-Tochter angemeldet hat. Der Gesamtbetriebsratschef erwartet erhebliche Einschnitte, wenn Fiat parallel zur Partnerschaft mit dem insolventen US-Konzern Chrysler auch noch nach Opel greift. mit rtr/dpa
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