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18. Mai 2012

Dallmayr: Dallmayr boykottiert Kaweri-Kaffee

 Von Tobias Schwab
Arbeit auf einer Kaffeeplantage.  Foto: REUTERS

Wegen der Vertreibung von Kleinbauern in Uganda steht das Kaffee-Unternehmen Neumann in der Kritik - ein Zulieferer von Dallmayr. Der Feinkosthändler nimmt nun die Bohnen der Neumann-Gruppe aus dem Sortiment.

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Die Beteiligten

Die Neumann Kaffee Gruppe aus Hamburg ist einer der weltweit führenden Rohkaffee-Konzerne mit 47 Unternehmen in 28 Ländern. Ihr Marktanteil an der globalen Kaffee-Nachfrage liegt bei zehn Prozent.

Die Kaweri Coffee Plantation im ugandischen Distrikt Mubende ist eine Neumann-Tochter. Für die Kaweri-Plantage ließ Ugandas Regierung 2001 rund 400 Kleinbauern-Familien vertreiben.

Dallmayr ist eine der bekanntesten Kaffeemarken Deutschlands. Populäre Produktlinien der Münchener sind zum Beispiel Prodomo, Crema d’Oro, Ethiopia und Grand Cru Café, in der Kaweri-Kaffee vermarktet wird.

Der Landkonflikt der Kaffee-Neumann-Gruppe mit ugandischen Kleinbauern hat für den Hamburger Konzern jetzt auch wirtschaftliche Konsequenzen. Als Reaktion auf einen Bericht der Frankfurter Rundschau über die gewaltsame Vertreibung von rund 400 Kaffeefarmern hat der Münchner Delikatessen-Händler Dallmayr nun den Bezug von Rohkaffee von Neumanns Kaweri-Plantage eingestellt. „Das Unternehmen reagiert damit auf die aktuell diskutierten Vorwürfe gegen die Neumann-Gruppe“, erklärte Dallmayr der FR.

Die „Vorwürfe“ beziehen sich auf die Errichtung der Kaweri-Plantage in Mubende (Zentral-Uganda) im Jahr 2001. Um Platz für die 2500 Hektar große Farm zu schaffen, ließ Ugandas Präsident Yoweri Museveni damals rund 400 Kleinbauern-Familien vom Militär vertreiben. Die Soldaten knüppelten, zerstörten Hütten wie Felder, damit Konzern-Chef Michael R. Neumann wenig später mit Museveni den Grundstein der Plantage legen konnte.

Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Fian (Food First Informations- und Aktions-Netzwerk) haben die Bauern bis heute keine Entschädigung erhalten. Viele der insgesamt 2000 Menschen könnten sich seither nicht mehr ausreichend ernähren. Seit 2002 prozessieren die Farmer deshalb gegen den ugandischen Staat und die Neumann-Tochter Kaweri. Das Verfahren zieht sich hin. Mehrfach wechselten Richter. Neumann ließ Verhandlungstermine platzen.

Dallmayr fürchtet Imageverlust

Dallmayr bezog nach eigenen Angaben seit 2009 gewaschene Robusta-Bohnen von der Kaweri-Plantage und vermarktete den Kaffee unter dem Namen „Turaco“ in seiner Premiumlinie „Grand Cru“. Werbeslogan: „Turaco bringt die dunkle Seele Afrikas in die Espresso-Tasse.“
Nach dem jüngsten FR-Bericht über den Landkonflikt beschwerten sich offenbar auch Kunden bei Dallmayr und forderten eine Erklärung des Münchner Unternehmens. „Wir können Ihre Verunsicherung nachvollziehen“, heißt es in einer Antwort auf eine Kundenanfrage. Neumann, so Dallmayr, weise zwar alle Anschuldigungen zurück, dennoch werde man den Bezug von Kaffee vorerst einstellen. Nur die Lagerbestände sollen jetzt noch verkauft werden, weshalb das Münchner Unternehmen „Turaco“-Kaffee zurzeit noch auf seiner Homepage bewirbt.

Kaffeehändler Neumann wollte die Reaktion Dallmayrs auf Anfrage nicht kommentieren. Der Hamburger Konzern sieht sich nach wie vor zu Unrecht an den Pranger gestellt und weist als Pächter der Flächen jede Verantwortung für die Vertreibung von sich. Für den ugandischen Anwalt der Kleinbauern, Joseph Balikuddembe, trägt Neumann eindeutig eine Mitverantwortung von Neumann. „Arbeiter der Neumann-Plantage haben das Zerstörungswerk der Armee zu Ende gebracht“, sagte Balikuddembe im Jahr 2009 der FR. „Erst haben Soldaten die Menschen mit Knüppeln weggejagt, ihre Häuser dem Erdboden gleichgemacht. Und dann haben Neumann-Leute die Bananen-Plantagen, Kaffee-Bäume und Kasava-Planzen der Kleinbauern zerstört. Zu einem Zeitpunkt, als Neumann de jure noch gar nicht Pächter des Landes war.“

Dallmayr jedenfalls will als Neumann-Kunde mit der Vertreibungsgeschichte von Mubende nicht länger in Verbindung gebracht werden und zog wegen eines drohenden Imageverlustes vorerst die Konsequenzen. „Wir werden die weitere Entwicklung des Sachverhalts mit großer Aufmerksamkeit verfolgen“, erklärte Dallmayr-Sprecherin Simone Werle.

Neumann weist Verantwortung zurück

Bis zur Klärung der Vorwürfe könnten allerdings noch Jahre ins Land gehen. Erst im April hat der Oberste Gerichtshof Ugandas einen gerade neu eingesetzten Richter abgezogen, nachdem Unregelmäßigkeiten gegen ihn bekannt geworden waren. Der Fall werde wieder aufgenommen, sobald die personellen Engpässe am Gerichtshof behoben seien, heißt es in einer Mitteilung an Kaweri und Rechtsanwalt Balikuddembe.

Anfang Mai scheiterte der Versuch der Kleinbauern, Land vermessen zu lassen, das Kaweri für sich beansprucht. Die Polizei verweigerte dem Sprecher der klagenden Kleinbauern, Peter Kayiira, und Mitarbeiten eines beauftragten Ingenieurbüros den Zutritt zu dem Gelände. In einem Schreiben, das der FR vorliegt, hatte Kaweri-Geschäftsführer Etienne Steyn zuvor die lokalen Behörden aufgefordert, die Vermessung von Kaweri-Gelände unter allen Umständen zu verhindern.

Die Neumann-Tochter argumentiert, das Plantagen-Gelände sei rechtmäßiges Eigentum der Uganda Investment Authority (UAI). Und diese habe es für 99 Jahre an Kaweri verpachtet. Doch von „Rechtmäßigkeit“ kann nach Ansicht der vertriebenen Kleinbauern keine Rede sein. Die Regierung, so der Vorwurf, habe nicht nur das in Uganda verbriefte Gewohnheitsrecht der Kaffeefarmer missachtet, die ihre Parzellen meist seit vielen Jahren bewirtschafteten. Eine der betroffenen Bäuerinnen könne sogar einen Landtitel vorweisen. Der Grundbuchauszug, den die FR einsehen konnte, weist die fast 80-jährige Bäuerin Anna Nandyose Katende als Eigentümerin einer Parzelle aus, die jetzt zur Kaweri-Plantage gehört. Die von den Kleinbauern in Auftrag gegebene Landvermessung sollte das beweisen.

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