Die Mail, die am Mittwoch, 21. Oktober 2009, Punkt 8.59 Uhr, auf dem iPhone von Fritz Teufel (Name geändert) erscheint, lässt ihn nichts Gutes ahnen. "Bezüglich Ihrer Mastercard bitten wir zwecks Umsatzabstimmung dringend um ihren Rückruf", heißt es da. Und weiter: "Vorsorglich weisen wir Sie darauf hin, dass wir aus Sicherheitsgründen Ihre Kreditkarte mit einer Rückrufsperre versehen haben."
Als Teufel mit seiner Bank telefoniert, wird schnell klar, dass der junge Mann aus Frankfurt beinahe Opfer von Daten-Dieben geworden wäre. In einer Bar in Spanien sei versucht worden, eine Rechnung in Höhe von 1800 Euro mit seiner Karte zu bezahlen, erläutert Teufels Gesprächspartnerin aus dem Kreditinstitut. Teufels jüngster Spanien-Urlaub liegt jedoch gut ein Jahr zurück.
Zuletzt bereiste er Italien und gönnte sich einen Städte-Trip nach New York. Der reiselustige Enddreißiger kann froh darüber sein, dass das ausgeklügelte technische Sicherheitssystem der Kreditkartenfirma richtig reagierte und die Zahlung verweigerte.
Teufel ist kein Einzelfall und seine Geschichte womöglich ein Beleg dafür, dass nicht nur Spanien-Urlauber Gefahr laufen, zum Opfer organisierter Daten-Diebe zu werden. Damit könnte die Kreditkartenaffäre, die nur nach und nach öffentlich wird, eine neue Dimension erreichen.
Bislang war die Finanzbranche davon ausgegangen, dass der Fall auf sonnenhungrige Iberia-Touristen begrenzt bleibt. Dort sollen bei einer Firma, die Kreditkartenzahlungen abwickelt, Kundendaten kopiert worden sein, so der Verdacht der Ermittler.
Details sind noch nicht bekannt. Nun bestätigte ein Sprecher von Mastercard der Frankfurter Rundschau jedoch, dass ein ausländischer Prozessor auch als Bindeglied bei rein innerdeutschen Geschäften fungieren könnte. Mit anderen Worten: In Spanien laufen auch Kreditkartendaten ein, wenn mit dem Plastikgeld bei einem Einzelhändler in Deutschland gezahlt wurde.
Zur Größenordnung dieses grenzüberschreitenden Geschäfts konnte der Agentur-Sprecher jedoch nichts sagen. Diese neuen Erkenntnisse könnten eine Erklärung dafür sein, dass Fritz Teufel auf dem Alarmschirm seiner Bank auftauchte - obwohl er 2009 zu keiner Zeit spanischen Boden betreten hatte.
Deutschlands Banken und Sparkassen nehmen die neue Kreditkartenaffäre offenbar sehr ernst. Um nicht im großen Stil organisiertem Datenklau aufzusitzen, tauschen sie nun schon seit Tagen die Kreditkarten ihrer Kunden aus. Insgesamt dürften weit mehr als 100000 Karteninhaber von dem größten Kartentausch betroffen sein, der jemals in Deutschland stattgefunden hat. "Die Austauschaktion betrifft alle
Banken in Deutschland gleichermaßen", sagte ein Sprecher des Zentralen Kreditausschusses (ZKA), der Dachorganisation der Banken. Er sprach von einer reinen Vorsorgemaßnahme.
Visa und Mastercard hatten deutsche Geldhäuser bereits im Oktober davor gewarnt, dass wegen eines Datendiebstahls Unheil drohe. Sie rieten mit Nachdruck zu einem Umtausch der Karten. Andernfalls wäre die Gefahr eines Vertrauensverlustes in die Kreditkarte konkret geworden. Bankkunden müssen zwar nicht für den Schaden haften, sofern sie innerhalb der jeweiligen Fristen der Banken und Sparkassen auf Ungereimtheiten auf der Kreditkartenabrechnung aufmerksam machen, doch ein Zwischenfall wie dieser kratzt am Image, wenn er ausgesessen wird. Da sind geschätzte Investitionen in Höhe von maximal einer Million Euro für den Kartentausch das kleinere Übel.
Nun drücken die Institute aufs Tempo. Allein die Volks- und Raiffeisenbanken zogen bereits 60000 Karten aus dem Verkehr, wie ein Sprecher des genossenschaftlichen Bankenverbands BVR mitteilte. "Jetzt besteht keine Gefahr mehr", sagt er der FR. Bei der Rücknahmeaktion wurde nicht jede Karte von Spanien-Urlaubern eingesammelt. Offenbar ist der heiße Datensatz eingrenzbar. Die Volks- und Raiffeisenbanken haben insgesamt 2,4 Millionen Kreditkarten ausgegeben, rund zehn Prozent des in Deutschland kursierenden Plastikgelds.
Die Sparkassen tauschen ebenfalls im großen Stil aus, konnten gestern aber noch keine genauen Zahlen nennen. Bei der Commerzbank und der Deutschen Bank hieß es nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters, mehr Karten als üblich seien ausgewechselt worden. Die Hypo-Vereinsbank erklärte, bis zu 300 Karten seien bereits aus dem Verkehr gezogen worden, weitere 3000 sollen folgen. Die Karstadt-Quelle-Bank hatte bereits im Oktober Tausende Kreditkarten ihrer Kunden ausgetauscht. Die Lufthansa zog einige tausend Miles&More-Karten mit Bezahlfunktion ein, und auch Barclays-Kunden sind von der Aktion betroffen.
Ein Sprecher des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes versucht besorgte Kunden wie Fritz Teufel zu beruhigen. Gerade die Umtauschaktion zeige doch, dass die Kreditkarte ein sicheres Zahlungsmittel sei. "Die Alarmsysteme funktionieren", sagt er der FR. "Es gibt bei uns keinen Schadensfall."
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