Heinz Masper und seine Kollegen sind sauer auf ihren neuen Arbeitgeber, die Deutsche Bahn (DB). "Man hat uns richtig hereingelegt, wir fühlen uns betrogen", klagt der Familienvater, dessen richtiger Name der Redaktion bekannt ist. Das Pseudonym soll Masper schützen. Dem angehenden Lokführer drohen hohe Schadenersatzforderungen. 40 000 Euro für seine Qualifizierung muss Masper der DB erstatten, wenn er sich nicht mindestens zwei Jahre bei einer DB-Zeitarbeitsfirma zum Niedriglohn verpflichtet - und damit die Kosten seiner Umschulung abarbeitet.
Für Masper und seine Kollegen steht fest: Die DB-Spitze um Vorstandschef Hartmut Mehdorn versucht mit den fragwürdigen Knebelverträgen, die dieser Redaktion vorliegen, geltende Tarifvereinbarungen zu unterlaufen - und so Kosten zu drücken, um beim anstehenden Börsengang bessere Zahlen präsentieren zu können.
In wenigen Wochen sollen Masper und Kollegen im Ruhrgebiet als neue Triebfahrzeugführer jeden Tag Hunderte Fahrgäste im Regionalverkehr sicher ans Ziel bringen. Sie gehören zu den ersten Zeitarbeitern, die der Konzern künftig nach einer neunmonatigen Umschulung an wechselnden Orten bundesweit einsetzen will.
Eine verantwortungsvolle Aufgabe, die auch Masper gereizt hat. Mehr als 10 000 Leute haben sich bei der Zeitarbeitsfirma DB Service um tausend neue Lokführerstellen beworben. Rund 800 künftige Lokführer absolvieren bereits Lehrgänge. Erst 74 Teilnehmer jedoch wurden eingestellt. Vielerorts gibt es Ärger. Die Arbeitsverträge nämlich, die Absolventen unterzeichnen sollen, sehen ganz anders aus als versprochen. Mit 32 000 Euro Einstiegslohn hatte der Konzern geworben. "Doch auf bestenfalls 21 000 Euro im Jahr werde ich inklusive aller Zulagen kommen", hat Masper ausgerechnet. Bei monatlich 156 Arbeitstunden mit Schicht- und Nachtdienst sowie wechselnden Einsatzorten betrage der Grundlohn gerade mal 7,50 Euro pro Stunde.
Erst vergangene Wochen hat die DB die Arbeitsverträge den Ausbildungsgruppen präsentiert. Viele Betroffene schwanken seither zwischen Enttäuschung und Widerstand. "Mindestens drei aus meiner Gruppe kommen bei solchen Hungerlöhnen mit ihrer Familie nicht über die Runden und müssen zusätzlich staatliche Hilfsleistungen beantragen", klagt Masper. Der Facharbeiter hatte wie alle Kollegen zuvor einen sicheren Job und verdiente rund 25 000 Euro. So kündigte er seine Stelle, als die DB ihn auswählte. "Natürlich im guten Glauben, dass die Zusagen auch eingehalten werden".
Doch Masper und seine Kollegen scheinen nun späte Opfer des heftigen Tarifkampfs bei der Bahn zu werden - und des massiven Sparkurses, den Mehdorn nach der Niederlage gegen GDL-Chef Manfred Schell ankündigte und einleitete. Offiziell gibt sich der Bahnchef dazu auffällig einsilbig. "Eine Fülle von mehr als hundert Einzelmaßnahmen" umfasse das Kostensenkungsprogramm, sagt Mehdorn knapp auf Nachfragen.
Einen Anfangslohn von gut 17 Euro für Lokführer hatte die GDL mit den bisher schwersten Streiks in der Bahngeschichte durchgesetzt. Mit maximal zwölf Euro erhalten die neuen Zeitarbeiter nun ein Drittel weniger - inklusive aller Zulagen. "Das ist ein Stück aus dem Tollhaus", schimpft GDL-Vize Sven Grünwoldt. "Die DB versucht mit allen Mitteln, unseren Lokführertarifvertrag zu unterlaufen."
Die konkurrierenden Bahngewerkschaften Transnet und GDBA, die anders als die GDL den umstrittenen Börsengang unterstützen, helfen dabei kräftig mit. Erst kürzlich hat das Duo mit der DB einen Flächentarifvertrag für Zeitarbeiter abgeschlossen, der von Oktober an lediglich acht Euro Grundlohn vorsieht. Darauf beruft sich nun der Konzern.
Masper und seine Kollegen werden deshalb nicht als Lokführer nach dem GDL-Tarif eingestellt, sondern als "Arbeitnehmer mit eisenbahnspezifischer Ausrichtung" nach dem Billigtarif von Transnet. "Damit entsteht im Konzern dauerhaft eine Zweiklassengesellschaft", sagt Grünwoldt.
Der Konzern weist die Vorwürfe zurück. Nach der zweijährigen Bindungsfrist an die DB Bahnservice könne sich jeder Zeitarbeiter im konzerninternen Arbeitsmarkt auf Stellen bewerben, sagt ein Sprecher. Zudem sei geregelt, dass nach zwei Jahren Tätigkeit an einem Arbeitsplatz der Zeitarbeiter dort so bezahlt werde wie fest angestellte Kollegen.
Das halten Betroffene wie Masper für Augenwischerei. "Die neuen Lokführer sollen überall da eingesetzt werden, wo gerade Personal knapp ist", sagt er. "Dass man zwei Jahre auf einer Stelle bleibt, ist doch total unwahrscheinlich."
Masper und seine Kollegen in den Qualifikationskursen versuchen nun auf ihre Art, der Zwickmühle und den Knebelverträgen zu entkommen. "Viele fallen einfach bewusst durch die Abschlussprüfungen, andere besorgen sich Atteste." So können sie der DB den Rücken kehren, ohne dass Schadenersatzforderungen des Konzerns drohen oder eine Sperre für staatliche Hilfen vom Arbeitsamt.
Die einstige Vorfreude auf eine Zukunft als Lokführer ist Masper vergangen. "Die Motivation vieler Kollegen ist auf dem Nullpunkt", berichtet er. Viele bereuten ihre Entscheidung, zur DB zu gehen. Andere suchten schon Zweitjobs, um über die Runden zu kommen.
Konzernchef Mehdorn liegen Beschwerdescheiben ganzer Ausbildungskurse vor. Eine ausweichende Antwort kam nur von untergeordneten Stellen. So wächst die Wut an der Basis. In Internetforen lassen Betroffene inzwischen ihrem Frust über die Methoden des Staatskonzerns und seiner "Bahnditos" freien Lauf.
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