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16. November 2012

DDR-Zwangsarbeit für Ikea: Die Opfer sind nur bedingt zufrieden

 Von Markus Decker
Lässt viele Fragen unbeantwortet: Möbelgigant Ikea.  Foto: dpa

Möbelgigant Ikea ließ politische Häftlinge und Strafgefangene in der DDR Möbel bauen. Wer sich weigerte, wurde ans Bett gekettet. Das bestätigt eine Untersuchung, die aber längst nicht alle Fragen beantwortet.

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Möbelgigant Ikea ließ politische Häftlinge und Strafgefangene in der DDR Möbel bauen. Wer sich weigerte, wurde ans Bett gekettet. Das bestätigt eine Untersuchung, die aber längst nicht alle Fragen beantwortet.

Die Opfer saßen in der ersten Reihe. Sie saßen in der zweiten und auch noch in der dritten. Weiter hinten kamen dann die Journalisten. Das war Absicht. Denn die Opfer sollten im Vordergrund stehen bei der Vorstellung des Berichts über Zwangsarbeit in der DDR im Interesse von Ikea.

Als die Zuhörer im Bildungszentrum der Stasi-Unterlagen-Behörde Fragen stellen konnten, meldete sich Alexander Arnold. Er hatte in den Achtzigerjahren Zwangsarbeit für Ikea leisten müssen – und zwar als politischer Häftling in Naumburg. Mit bebender Stimme erinnerte Arnold daran, dass er und seinesgleichen mit Händen und Füßen an ihre Betten gefesselt wurden, wenn sie die Arbeit verweigerten. Einzelarrest, so der Zeitzeuge weiter, sei auch dann fällig gewesen, wenn einer nicht mindestens 80 Prozent der Norm erreichte. Er war nicht der Einzige, der es noch genau weiß – und der wohl nur bedingt befriedigt nach Hause ging.

Zwar gestand der Geschäftsführer von Ikea Deutschland, Peter Betzel, in der am Freitag vorgestellten Untersuchung ein, dass das Unternehmen seit Beginn der Sechzigerjahre mit der DDR kooperierte. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young hatte die Untersuchung gemacht – und nicht unabhängige Historiker, wie Kritiker beklagen. Der Kontakt sei zum Schluss über neun Außenhandelsbetriebe der DDR gelaufen und nicht direkt über die Produktionsstätten, so Betzel. Auf Seite vier der schriftlichen Zusammenfassung stehen die entscheidenden Sätze: „Ikea missbilligte möglicherweise ab dem Jahre 1978, spätestens aber ab dem Jahr 1981, den möglichen Einsatz von politischen Gefangenen in einzelnen der für das Unternehmen relevanten Produktionsstandorten der DDR.“ Zudem habe man „möglicherweise“ ab 1978, spätestens aber ab 1981, Schritte eingeleitet, um den Einsatz politischer Gefangener für Ikea auszuschließen. Welche Schritte das waren, blieb jedoch im Dunkeln – auch weil die komplette Studie aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht veröffentlicht wird.

Fertigung auch in China

Betzel betonte mehrmals, sein Arbeitgeber akzeptiere den Einsatz von politischen Gefangenen zu seinen Gunsten definitiv nicht. Das gelte für die DDR. Das gelte aber auch für andere Länder wie beispielsweise China, wo Ikea heute fertigen lässt. Entschädigungen stellte er freilich nicht in Aussicht. Stattdessen sagte er Zuschüsse für die weitere wissenschaftliche Untersuchung von Zwangsarbeit in der DDR zu, über Ikea hinaus. Die Ausführungen blieben nicht unwidersprochen.

Der Vorsitzende der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG), Rainer Wagner, betonte zwar: „Ikea hat eine Vorreiterrolle übernommen. Dafür sind wir dankbar.“

Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, fand das ebenfalls „lobenswert“. Er fügte aber hinzu, ob die Untersuchung zur Aufklärung oder zur Verklärung beitrage, das müsse am Ende die Öffentlichkeit entscheiden. Die Veranstaltung fand im Bildungszentrum der Stasi-Unterlagen-Behörde statt. Und die kritische Bewertung der Untersuchung setzte bereits an Ort und Stelle ein. Des Öfteren musste Ikea die Antwort schuldig bleiben.

So wurde gefragt, welche Historiker Ernst & Young als Auftragnehmer Ikeas konsultiert habe. Es stellte sich heraus, dass es keine externen Historiker waren, sondern angeblich solche, die Angestellte der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft sind. Ein Mann wollte wissen, wie viel Geld Ikea diese Produktion in der DDR gebracht habe. Das lasse sich nicht nachvollziehen, erwiderte Geschäftsführer Betzel.

Ein anderer stellte fest, wenn das Unternehmen doch angeblich darauf gedrängt habe, den Einsatz politischer Gefangener zu stoppen, dies aber nicht vermocht habe – dann wäre es doch naheliegend gewesen zu sagen: „Wir kappen die Leine.“ Überdies könne die nun sowohl von der UOKG als auch von Ikea angestrebte wissenschaftliche Untersuchung des Gesamtphänomens Zwangsarbeit in der DDR sowie etwaiger Entschädigungszahlungen nicht auf die lange Bank geschoben werden, denn: „Die Opfer sterben weg.“ Betzel ließ in dem Zusammenhang leise anklingen, dass andere Unternehmen keine Untersuchungen in Auftrag gegeben hätten. Ikea könne seines Erachtens als Beispiel dienen.

So ging es munter hin und her. Die Opfer in den ersten Reihen zeigten sich einerseits zufrieden damit, dass hier ein Anfang gemacht wurde und sie selbst öffentlich zu Wort kommen. Andererseits reichten ihnen die bisherigen Auskünfte bei Weitem nicht aus.

Auch der Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde drückte sein Unbehagen zum Abschluss noch einmal aus. Jahn sagte: „Wir dürfen nicht vergessen: Es geht um Menschen, und nicht um Möbel.“

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