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23. November 2012

Debatte um Wohlstand: Zweifel am Wachstumscredo

 Von Karin Billanitsch
Auch die berühmte Comicfigur Dagobert Duck fühlt sich dem ewigen Wachstum verpflichtet. Außerhalb der Welt von Entenhausen macht eine solche Wirtschaftsauffassung jedoch wenig Sinn.  Foto: dpa

Die Entwicklung des Bruttosozialproduktes ist die zentrale Messgröße der wirtschaftlichen Entwicklung. Doch viele Menschen halten die einseitige Fixierung auf das Wachstum für überholt.

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Berlin –  

Es ist ein Ritual: Wenn das statistische Bundesamt die neuesten Wachstumszahlen veröffentlicht, warten Politiker, Ökonomen und Medien gespannt auf die Ergebnisse. Das Bruttosozialprodukt ist die zentrale Messgröße der wirtschaftlichen Entwicklung. Doch immer mehr Menschen halten die Fixierung auf das Wachstum für überholt. So hat Margot Käßmann, die Reformationsbotschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), unlängst zu einem Umdenken beim Wirtschaftswachstum aufgefordert. „Wachstum an sich ist kein Wert, es geht vielmehr um die Frage, wie wir wachsen wollen“, sagte die Theologin unlängst bei einem Gottesdienst zum Thema „Anders wachsen“ in Leipzig. Gleichzeitig plädierte sie für eine „Ethik des Genug“. Jeder Einzelne könne dazu beitragen, etwa durch die Wahl seiner Geldanlage oder in dem er sein Auto abschaffe.

"Ringen um die Grenzen"

Der Streit um die Grenzen des Wachstums entbrannte auch in der Öffentlichkeit stärker vor vierzig Jahren mit dem Bericht des "Club of Rome." Vereinfacht gesagt kommt der Bericht zu dem Ergebnis, angesichts der Endlichkeit der Rohstoffe und Ressourcen sei auch Wirtschaftswachstum endlich. "Um diese Grenzen gilt es immer noch zu ringen", stellt Margot Käßmann fest. Sie unterstützt den Initiativkreis „anders wachsen“, der auf dem vergangenen Deutschen Evangelischen Kirchentag die Resolution "Wirtschaft braucht Alternativen zum Wachstum“, eingebracht hat. Mittlerweile haben nach Angaben der Initiatoren etwa 2500 Menschen die Resolution unterzeichnet.

Die Diskussion die Grenzen des Wachstums ist heute, angesichts der Finanz- und Staatsschuldenkrise, aktueller denn je. Sie ist nicht mehr nur rein akademischer Natur, sondern betrifft den Kern der Gesellschaft. "Der Begriff des Wachstums ist ein Fetisch geworden", sagte Professor Hans Diefenbacher am Donnerstag Abend während einer Veranstaltung an der Technischen Universität (TU) in Berlin. Die Politik sei eindeutig fixiert auf einen engen Begriff des Wachstums. Die Kooperationsstelle Wissenschaft und Arbeitswelt der TU Berlin bietet in Kooperation mit dem Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes aktuell eine Ringvorlesung zum Thema "Wohlstand ohne Wachstum" an.

Defizite des BIP

Die Last der Pflege von Alten liegt in Deutschland überwiegend auf den Schultern der Familien. Kindererziehung, Ehrenamt, Hausarbeit: All diese Tätigkeiten schlagen sich nicht im Bruttosozialprodukt nieder, merkt Diefenbacher an. Bei der Messung des BIP geht es nur um über den Markt gehandelte Transaktionen, um die Messung des Wirtschaftswachstums. "Auch ein Verkehrsunfall erhöht das BIP". In einem waren sich die Referenten, Hans Diefenbacher von der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft in Heidelberg, und Gustav Horn, der wissenschaftliche Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung, einig: "Das BIP ist blind", es führt in die Irre.

Änderung des realen, bedarfsgewichteten Nettoeinkommens in Deutschland von 2000 bis 2009. Foto: Hans-Böckler-Stiftung 2012, Quelle: Anselmann, Krämer 2012 auf Basis SOEP, Recherche: pw

Diefenbacher forscht schon seit Jahren zum Thema und fordert eine Neuorientierung: "Betrachtet man die Entwicklung der Einkommen in den vergangenen Jahren, so erkennt man, dass das BIP steigt, aber bei 50 Prozent der Bevölkerung nicht ankommt." Diefenbacher hat einen nationalen Wohlfahrtsindex entwickelt, in dem Wohlstand und Glück einer Nation besser erfasst werden sollen. Danach geht es mit Deutschland - anders als das BIP signalisiert - bergab.

Wachstumskritikern hält Wirtschaftswissenschaftler Michael Hüther, Direktor des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft Köln, häufig entgegen, dass die seinerzeit aus Modellen abgeleiteten Prognosen des Club of Rome sich so nicht bestätigt haben, wie er zuletzt in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung formulierte. Dabei räumt er allerdings ein, dass die Kritik "wichtige Impulse für eine ressourcenorientierte Ökonomik und eine verantwortliche Wirtschaftspolitik gegeben" haben. Er ist aber davon überzeugt, dass eine Absage an das Wirtschaftswachstum Innovationsprozesse unterbindet.

Ohne Wachstum keine Arbeit - auch dieser Satzfällt häufig in der Wachstumsdebatte. Gustav Horn hält in seinem Vortag an der Berliner TU Wohlstand ohne Wachstum "prinzipiell für möglich, aber auch für unwahrscheinlich." Wenn das Wachstum stagniere, bleibe für die Schwächeren weniger zur Verteilung übrig. Auch zeigte er auf, dass bei steigendem Wirtschaftswachstum in den vergangenen Jahren die Arbeitslosigkeit gesunken ist. Er sieht einen engen Zusammenhang zwischen geringem Wachstum und steigender Arbeitslosigkeit.

Foto: Hans-Böckler-Stiftung 2011

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