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Gastbeitrag Arundhati Roy

Das schwindende Licht der Demokratie

... oder von der Freiheit der Eliten, die Machtlosen zu unterdrücken. Eine Generalkritik der indischen Schrifstellerin Arundhati Roy.

Arundhati Roy, geboren 1961 in Shillong im indischen Bundesstaat Meghalaya, wurde 1997 mit ihrem Romandebüt Der Gott der kleinen Dinge weltweit bekannt.
Arundhati Roy, geboren 1961 in Shillong im indischen Bundesstaat Meghalaya, wurde 1997 mit ihrem Romandebüt "Der Gott der kleinen Dinge" weltweit bekannt.
Foto: ddp

Noch streiten wir, ob es ein Leben nach dem Tod gibt, doch sollten wir uns eine weitere Frage stellen: Gibt es ein Leben nach der Demokratie? Und wie wird es aussehen? Demokratie meint dabei nicht ein Ideal oder eine Hoffnung. Vielmehr geht es um das Arbeitsmodell: die westliche, liberale Demokratie, ihre Varianten und ihre Realität. Nun denn: Gibt es ein Leben nach der Demokratie?

Ein beliebter Weg der Annäherung an dieses Thema ist der Vergleich unterschiedlicher Regierungssysteme, ein Versuch, der regelmäßig in eine eher holprige Vorwärtsverteidigung der Demokratie mündet. Man argumentiert, die Demokratie habe Schwächen, sie sei jedoch besser, als alle anderen Optionen, die sich bieten. Nur selten wird die Debatte geführt, ohne dass jemand sagt: "Afghanistan, Pakistan, Saudi Arabien, Somalia . . . Ist es das, was wir wollen?"

Zur Person

Arundhati Roy, geboren 1961 in Shillong im indischen Bundesstaat Meghalaya, wurde 1997 mit ihrem Romandebüt "Der Gott der kleinen Dinge" weltweit bekannt. Roy erzählt darin von ihrer Kindheit und Jugend in einer christlichen Familie aus der indischen Oberschicht und setzt sich u.a. mit den Zwängen im Kastensystem und der Rolle der Frau in der indischen Gesellschaft auseinander.

Als starke gesellschaftskritische Stimme erweist sie sich auch in ihren zahlreichen Essays, in denen sie die politischen und wirtschaftlichen Eliten ihres Heimatlandes und auch der westlichen Demokratien faktenreich attackiert. Für ihr Egagement gegen atomare Aufrüstung, Nationalismus, Diskriminierung und vor allem gegen eine ausbeuterische Lobbypolitik wurde sie mit mehreren Preisen geehrt.

Auch ihr neues, im März bei Fischer erscheinendes Buch beschäftigt sich mit den Seilschaften im globalisierten Markt, voraussichtlicher Titel: "Aus der Werkstatt der Demokratie".

Mit der hier abgedruckten, leicht gekürzten Rede eröffnete Arundhati Roy das 9. Literaturfestival in Berlin. Bis zum 20. September werden Autoren aus vielen Ländern vorgestellt und aus ihren Werken vorlesen bzw. von Schauspielern vorlesen lassen. Hauptveranstaltungsort ist das Haus der Berliner Festspiele.

Jedoch geht es heute nicht um das Thema der Demokratie als Utopie, die alle "sich entwickelnden" Gesellschaften anstreben sollten - wenngleich ich der Meinung bin, dass die Dynamik ihrer frühen, idealistischen Phase durchaus Charme hat. Vielmehr richtet sich die Frage nach dem Leben nach der Demokratie an diejenigen von uns, die in demokratischen Gesellschaften leben, oder in Ländern, die vorgeben, demokratisch zu sein, und sie impliziert keineswegs den Rückgriff auf ältere, zweifelhafte Modelle totalitärer oder autoritärer Herrschaft. Allerdings verweist sie auf die Notwendigkeit einer gewissen strukturellen Anpassung des Systems repräsentativer Demokratie, in dem es zu viel Repräsentanz und zu wenig Demokratie gibt.

Es mag Demokratiekritik unangemessen erscheinen vor Schriftstellern aus Ländern, deren Völker nie Demokratie hatten oder deren totalitäre Regimes ihnen die Grundrechte seit Jahrzehnten verweigern. Doch nicht nur das globale Kapital, auch die politischen Systeme der Welt sind miteinander vernetzt. Oft sind es gerade die großen, demokratischen Nationen, die - versteckt hinter der Maske des Hüters der Moral und im Habitus des Retters der Menschheit - Militärdiktaturen und totalitäre Regimes unterstützen und stärken. Die Kriege in Irak und Afghanistan, in denen hunderttausende Menschen starben und ganze Städte dem Erdboden gleichgemacht worden sind, wurden im Namen der Demokratie geführt. Vorgeblich demokratische Länder verantworten militärische Okkupation in aller Welt, nicht zuletzt in Palästina, Irak, Afghanistan und Kaschmir.

Die Frage lautet also: Was haben wir der Demokratie angetan? Zu was haben wir sie gemacht? Was geschieht, wenn sie aufgebraucht, wenn sie hohl und sinnentleert geworden ist? Was folgt, wenn ihre Institutionen als gefährliche Krebsgeschwüre wuchern? Wie wirkt die Fusion von Demokratie und freiem Markt, ihre Verschmelzung zu einem einzigen, räuberischen Organismus, in dem eine abgemagerte, beschränkte Vorstellungskraft nur noch Gewinnmaximierung kennt? Ist dieser Prozess umkehrbar? Lässt sich die Mutation zurückbilden? Kann Demokratie wieder zu dem werden, was sie einst war?

Ohne eine langfristige Vision kann unser Planet nicht überleben. Dürfen wir diese aber von Regierungen erwarten, deren eigene Existenz vom unmittelbaren und kurzfristigen Profit abhängt? Ist die Demokratie-Erfüllung unserer Hoffnung, Wiege unserer individuellen Freiheit, Ziel unserer ambitionierten Träume, nur noch das Finale im Spiel des Lebens? Begeistert sich der Mensch der Moderne vielleicht gerade deshalb für sie, weil sie unserem größten Wahn - unserer Kurzsichtigkeit - den Spiegel vorhält? Der Mensch kann niemals ganz und gar in der Gegenwart leben, doch der Blick in die Zukunft ist ihm verwehrt. Damit wird er zu einem seltsamen Zwischengänger, weder Bestie noch Prophet, ausgestattet mit faszinierender Intelligenz, doch nicht mehr über einen Überlebenstrieb verfügend. Der Mensch plündert die Erde und hofft zugleich, dass die Akkumulation von materiellem Mehrwert das Profunde und Unermessliche, das er verloren hat, wettmacht.

Ich habe mein ganzes Leben in Indien verbracht, dem Land, das sich als die größte Demokratie der Welt vermarktet. (Die Selbstbezeichnung "die größte" ist der Tatsache geschuldet, dass andere Adjektive, wie die "großartigste" oder "älteste" bereits vergeben sind.) Bitte sehen Sie mir nach, dass ich meine Kritik an der Demokratie daher heute aus dieser Perspektive vorbringen möchte. Vor ein paar Wochen verkündete die indische Regierung, sie wolle 26 000 paramilitärische Sicherheitskräfte in den Kampf gegen maoistische "Terroristen" in den dichten, an Bodenschätzen reichen Wäldern Zentral-Indiens schicken. Die Armee ist seit Jahrzehnten bereits in den Bundesstaaten Nagaland, Manipur, Assam und Kaschmir stationiert, wo die Menschen um ihre Unabhängigkeit kämpfen. Die offene Ankündigung der Militarisierung des indischen Kernlandes durch die Regierung bedeutet die offizielle Anerkennung des Bürgerkriegs.

Die Operation - so werden Kriege heute ja genannt - soll im Oktober beginnen, wenn der Monsunregen endet, die Flüsse weniger reißend und das Terrain besser zugänglich sind. Die Bewohner der Wälder, darunter die Maoisten, die sich als im Krieg gegen den Staat Indien begreifen, sind Stammesvölker, die Ärmsten der Armen im Land. Sie leben dort seit Jahrhunderten, ohne Schulen, Krankenhäuser, Straßen, fließendes Wasser. Sie leben, und auch das ist ihr Vergehen, auf Land, das reich an Eisenerz, Bauxit, Uran und Zinn ist. Diese Rohstoffe sind es, an denen die großen Bergbauunternehmen Tata, Vedanta, Essar, Sterlite und andere, hochinteressiert sind. Die Regierung stehe, so der Premierminister in einer Erklärung, in der Pflicht, den Mineralienreichtum Indiens auszubeuten, um die boomende Wirtschaft anzukurbeln. Die Maoisten nennt er die "größte interne Sicherheitsbedrohung Indiens". "Ausrotten" und "vernichten" sind die Begriffe, mit denen die Wirtschaft in diesem Zusammenhang operiert. Wie die Sicherheitskräfte in den Wäldern zwischen Maoisten, Sympathisanten und Unbeteiligten unterscheiden sollen, weiß niemand.

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Datum: 9 | 9 | 2009
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