Herr Laue, die Regierung macht gerade Politik zugunsten der privaten Krankenversicherungen (PKV). Die Opposition spricht von einer „Vitaminspritze“. Ist die PKV krank?
Sicher nicht! Wir haben keine Vitaminspritze nötig, unser Geschäftsmodell funktioniert. Mit der Verkürzung der Frist für den Wechsel von der gesetzlichen Krankenversicherung in die private Krankenversicherung von drei Jahren auf ein Jahr macht die Regierung nur einen Fehler der schwarz-roten Regierung rückgängig. Und dass die Rabatte bei Arzneimitteln künftig nicht nur für gesetzlich Versicherte, sondern auch für Privatversicherte gelten, das halte ich für eine zwingend notwendige Gleichberechtigung.
Finanzminister Schäuble plant zudem Steuererleichterungen. Es entsteht der Eindruck, dass die private Krankenversicherung gepäppelt werden muss…
Wir müssen nicht gepäppelt werden. Die Debeka erbringt seit 30 Jahren mehr Leistungen, als die Menschen an Beiträgen bezahlen. Im vergangenen Jahr lag die Leistungsquote bei 103,0 Prozent der Beitragseinnahmen. Das gelingt uns, weil wir das Geld unserer Mitglieder anlegen und dafür Zinsen erhalten. Wir sind solide aufgestellt.
Aber Sie haben sich doch bestimmt gefreut, dass der Minister der gesetzlichen Krankenversicherung verbieten will, Wahlleistungen wie Auslandsreiseversicherungen anzubieten?
Natürlich haben wir uns gefreut! Es geht hier um die Trennung der Systeme. Zusatztarife haben nichts mit der gesetzlichen Krankenversicherung zu tun. Das war immer Aufgabe der privaten Krankenversicherung.
Was stört Sie daran, bei Zusatzleistungen gegen die Krankenkassen zu konkurrieren? Da könnten Sie doch beweisen, dass sie besser sind.
Dazu bedarf es gleichlanger Spieße. Gesetzliche Krankenkassen haben ein Adressmonopol, müssen keine Steuern bezahlen und sind auch nicht verpflichtet, Risikokapital zu bilden. Erst wenn das gleichgezogen wäre, könnte man von echtem Wettbewerb sprechen, den wir natürlich nicht scheuen.
Wie viele Menschen sind überhaupt bereit, private Zusatztarife abzuschließen?
Ich sehe bei Zusatztarifen ein großes Wachstumspotenzial. Die gesamte private Krankenversicherung führt heute 22 Millionen Verträge mit Zusatzversicherungen. 50 Millionen Menschen haben weder eine private Voll- noch eine Zusatzversicherung. Aber die Versorgungslücken sind da. Am stärksten im Bereich der Pflege. Das wird das zentrale Wachstumsfeld der kommenden Jahre. Aber auch eine Auslandsreiseversicherung, Zahnersatz oder Chefarztbehandlung sind kein Luxusschutz.
Uwe Laue, 53, ist seit 2002 Vorstandsvorsitzender der Debeka. Der Manager hat sich von ganz unten an die Unternehmensspitze gearbeitet. Im Jahr 1973 begann Laue seine Laufbahn bei der Debeka mit einer Lehre zum Versicherungskaufmann. Die Debeka mit Sitz in Koblenz ist mit 2,1 Millionen Vollversicherten die wichtigste private Krankenversicherung (PKV) in Deutschland.
Nur eine Minderheit der Bürger, nämlich neun Millionen Menschen, ist privat krankenversichert. Alle anderen gehören der gesetzlichen Krankenversicherung an. In der PKV können sich Menschen versichern, für die keine Versicherungspflicht besteht. Das sind Angestellte, die in diesem Jahr mehr als 4162,50 Euro pro Monat verdienen, Beamte, Selbstständige und Freiberufler. Anders als in der gesetzlichen Krankenversicherung ist der Versicherungsbeitrag abhängig von Geschlecht, Alter, Gesundheitszustand, Einkommen und Beruf.
Eine Studie des IGES-Institut im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums kam unlängst zu dem Schluss, dass die Leistungsausgaben der PKV deutlich schneller steigen als bei den Krankenkassen.
Die Debeka ist einer von 19 Versicherungsvereinen auf Gegenseitigkeit und hat keine Gewinnerzielungsabsicht. Anders ist das bei den 25 Aktiengesellschaften, die in Deutschland private Krankenversicherungen anbieten. (dba)
Erwarten Sie, dass 2011 mehr Menschen in die private Krankenversicherung wechseln?
Ich glaube nicht, dass es im kommenden Jahr einen Run auf die private Krankenversicherung geben wird. Dafür hätte man den Wechsel in die private Krankenversicherung noch stärker erleichtern müssen. Der richtige Weg wäre gewesen, die Versicherungspflichtgrenze zu halbieren. So wird sich das Geschäft 2011 auf demselben Niveau wie 2010 und 2009 entwickeln.
Diese Zurückhaltung überrascht. Die Kombination aus steigenden Beitragssätzen für Krankenkassenmitglieder und dem leichteren Übertritt in die PKV ist doch ein Konjunkturprogramm für die Privaten.
Ich bin nicht zurückhaltend. Ich bin Realist. An eine Explosion glaube ich nicht. Das hängt auch damit zusammen, dass in den nächsten Jahren einige Fehlentwicklungen im Angebot der Branche korrigiert werden. Die unsäglichen Billigtarife werden aus dem Angebot der Versicherer verschwinden. Ich habe mich seit Jahren darüber aufgeregt, wenn im Radio Versicherungen für 72 Euro im Monat angeboten wurden. Für 72 Euro kriegt man keinen vernünftigen privaten Krankenversicherungsschutz.
Sondern?
Für mindestens 150 Euro. Alles andere sind Produkte, bei denen der Beitrag im Alter explodiert, weil 72 Euro zu wenig waren, um ausreichend Alterungsrückstellungen zu bilden. Manche Unternehmen haben mit diesen Billigtarifen einen großen Teil ihres Neugeschäfts bestritten. Aber dadurch, dass man den Kunden ihren Versicherungsschutz jetzt nicht mehr einfach kündigen kann, wenn sie die explodierenden Beiträge nicht mehr bezahlen können, glaube ich, dass viele Unternehmen umdenken werden.
Wie hoch sind die Beitragsrückstände von Mitgliedern, die nicht mehr bezahlen?
Branchenweit haben wir derzeit einen Beitragsrückstand von 300 Millionen Euro. Bis Ende des Jahres wird er sich auf 400 Millionen summieren. Das ist außerordentlich viel. Die Debeka hatte früher zwei Millionen Euro Rückstand pro Jahr. Ende dieses Jahres werden es rund 20 Millionen Euro sein. Das bringt uns nicht um. Aber das Geld muss von den anderen Mitgliedern bezahlt werden, und das ist nicht in Ordnung.
Wie werden sich denn die Beiträge im kommenden Jahr entwickeln?
Wir werden im Hauptgeschäftsfeld, im Beamtenfeld, keine Beitragsanpassung haben. Wir haben aber außerhalb des öffentlichen Dienstes Anpassungen. Bei den Frauen steigen die Beiträge im Schnitt um zehn Prozent. Das ist die erste Anpassung seit fünf Jahren. Bei den Männern um fünf Prozent, nach einem Anstieg um sieben Prozent Anfang dieses Jahres. Die Anhebung wird aber bei vielen dadurch kompensiert, dass wir bei den 170000 Pflegezusatzversicherungen eine Beitragssenkung von etwa 25 Prozent haben, weil die kalkulierten Pflegewahrscheinlichkeiten zurückgegangen sind.
Die Beiträge in der privaten Krankenversicherung steigen jährlich um sieben bis sechs Prozent. Die Leistungserbringer greifen bei Privatversicherten gerne zu. Wird die PKV geplündert?
Es ist richtig, dass im Bereich der Kliniken, der Arzneimittel und der Laborleistungen die Kosten für Privatpatienten deutlich über denen für gesetzlich Versicherte liegen. Wir stehen ja auch dazu, dass die Behandlung von Privatversicherten besser honoriert wird. Wir pochen aber auf Verhältnismäßigkeit. Bei Arzneimitteln zur Krebsbehandlung waren die Kosten, die bei der PKV angefallen sind, teilweise um ein Vielfaches höher als in der gesetzlichen Krankenversicherung. Da ist die Verhältnismäßigkeit verrutscht. Über solche Fehlentwicklungen müssen wir mit den Leistungserbringern reden. Privater Krankenversicherungsschutz muss auch in Zukunft bezahlbar sein. Eine private Krankenversicherung, die sich keiner mehr leisten kann, bringt auch den Leistungserbringern nichts.
Muss die PKV darüber reden, welche Leistungen künftig noch bezahlt werden?
Nein. Im Gegensatz zur gesetzlichen Krankenversicherung garantieren wir die bei Vertragsabschluss festgelegten Leistungen ein Leben lang. Aber wir müssen mit den Leistungserbringern über die Kosten reden. Im Bereich der ambulanten Versorgung müssen einige Fehlentwicklungen korrigiert werden. Die Labormedizin ist zum Beispiel viel zu teuer geworden. Manche Untersuchungen werden dreimal so hoch abgerechnet wie in der Schweiz. Da wird es in der neuen Gebührenordnung für Ärzte also Abstriche geben. Dagegen wollen wir die sprechende Medizin fördern und verhindern, dass eine Übertherapierung und Überdiagnostizierung stattfindet. Was wir gerne haben möchten, ist eine Abrechnung über Fallpauschalen, wie es in den Kliniken üblich ist. Das heißt, für ein bestimmtes Krankheitsbild gibt es eine festgelegte Summe, die dann reichen muss, um den Patienten gesundheitlich wieder herzustellen.
Der übliche Regelsatz für Privatpatienten liegt derzeit beim 2,3-Fachen der Gebührenordnung. Wie hoch soll er in Zukunft sein?
Ein Regelsatz von knapp unter dem Zweifachen der dann neuen Gebührenordnung wäre in Ordnung.
Ist der Eindruck richtig, dass für Sie die Versorgungssteuerung wichtiger wird und dass Sie mehr mitreden wollen, welche Leistungen ihre Mitglieder erhalten?
Richtig. Wir wollen mehr mitreden, welche Leistungen unsere Mitglieder erhalten. Wir versuchen heute schon, bei gewissen Diagnosen steuernd auf die Behandlung hinzuwirken. Das wollen wir ausbauen.
Gibt es den mündigen Patienten?
Ja, mehr als wir alle glauben.
Aber Mündigkeit setzt Informiertheit und Transparenz voraus. Im Bereich der privaten Krankenversicherung wird aber viel mehr behandelt als eigentlich nötig. Das zeigt doch, dass der Patient nicht einschätzen kann, welche medizinischen Leistungen er braucht.
Das sehe ich anders. Der Patient ist heute viel besser informiert als früher. Es ist nicht mehr so, dass der Arzt allein bestimmt, was passiert.
Interview: Daniel Baumann
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