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16. Dezember 2012

Demografie: Der Mythos von der Überalterung

 Von Stefan Sauer
Vorhersagen über die Bevölkerungsentwicklung sind äußerst unsicher.  Foto: dpa

Politiker warnen seit Jahren vor der drohenden Vergreisung Deutschlands. Doch ist diese wirklich unumgänglich? Experten weisen nun darauf hin, dass Prognosen zur Entwicklung der Bevölkerung alles andere als sicher sind.

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Deutschland verzeichnet in diesem Jahr die höchste Zuwanderung seit Jahrzehnten. Der Einwanderungsüberschuss wird etwa 390.000 Personen betragen. Und für 2013 bis 2017 rechnen die Bevölkerungswissenschaftler des Wirtschaftsforschungsinstituts Kiel Economics mit einem positiven Saldo von 2,2 Millionen Menschen. Experten sprechen von der größten Einwanderungswelle seit Generationen. Wenn die Zuwanderung bis 2060 auf diesem Niveau verharrt, bleibt die in Deutschland lebende Bevölkerung stabil. Und alle Kassandrarufe zur alternden Gesellschaft und den darauf fußenden Prognosen wären Makulatur.

Bernard Braun zieht die Nachrichten zur Zuwanderung als Beispiel dafür heran, auf welch tönernen Füßen die Vorhersagen der Statistiker stehen. Der Wissenschaftler vom Zentrum für Sozialpolitik an der Uni Bremen müht sich seit Jahren, die scheinbar unverrückbare Alterung der deutschen Gesellschaft als das zu kennzeichnen, was sie ist: Eine Prognose, die auf keineswegs sicheren Annahmen beruht. Dass die „Mythen und Wahrheiten zum demografischen Wandel“ tiefgreifende politische Auswirkungen haben, verdeutlichte Braun auf einer Konferenz, zu der das Diakonische Werk Ende letzter Woche nach Berlin eingeladen hatte.

Braun zitierte den ehemaligen SPD-Vorsitzenden und Arbeitsminister Franz Müntefering, der 2003 die Reformen der Agenda 2010 als „Antwort auf die drohende Überalterung der Gesellschaft“ bezeichnete. Diese mache den „Umbau unserer Sozialsysteme zwingend notwendig", so Müntefering damals.

Verzögerter Alterungsprozess

Zwingend? Nun ja. „Wir wissen nicht einmal, welche Entwicklungen in den nächsten fünf Monaten eintreten. Prognosen für die kommenden fünf Jahrzehnte sind daher nicht verlässlich“, sagt Braun. Es handle sich vielmehr um „Mythen zur Demografie“. So liege der größte Teil der steigenden Lebenserwartung bereits hinter uns. Allein im 20. Jahrhundert sei die durchschnittliche Lebenserwartung der deutschen Bevölkerung um 30 Jahre gewachsen. Dagegen nehme sich der bis 2050 vorhergesagte Anstieg um weitere sechs Jahre „vergleichsweise gering“ aus.

Zweitens fehle jeder Beleg für die verbreitete Annahme, dass ein längeres Leben automatisch längere Erkrankungszeiträume und damit steigende Gesundheitsausgaben verursache. Parallel zu den Lebensjahren nehme nämlich auch die Zahl der gesund verbrachten Jahre im etwa gleichen Umfang zu.

Langzeitstudien in Japan, Schweden und den USA belegten einen „kontinuierlich später einsetzenden Alterungsprozess“ von Frauen mit entsprechend verzögert beobachteten gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Bisher vorliegende Daten zeigten sogar, dass das Risiko für zahlreiche Erkrankungen wie etwa Darm- oder Brustkrebs mit steigendem Alter abnehme. Nach Prognosen des Statistischen Bundesamtes werde die steigende Lebenserwartung bis 2030 zu nur geringfügig höheren Krankenhausausgaben von 0,2 bis 0,6 Prozent pro Jahr führen. Die Wahrscheinlichkeit, eines Tages pflegebedürftig zu werden, sei für deutsche Männer zwischen 2000 und 2008 um acht, für Frauen um 25 Prozent gesunken.

Drittens hängen die gesundheitlichen Folgen des Alterns vom sozio-ökonomischen Status ab. Nach Umfragen ist die Zahl der gesund verbrachten Lebensjahre in dem Fünftel der Bevölkerung mit dem höchsten Bildungsniveau um ein Siebtel höher als im Fünftel mit der schlechtesten Bildung.

Keine Naturkonstante

Noch ausschlaggebender ist das Einkommen: Der Unterschied der gesund erlebten Jahre liegt zwischen dem wohlhabendsten und dem ärmsten Fünftel der Bevölkerung bei 23 Prozent. „Beim gesunden Altern handelt es sich nicht um eine Naturkonstante, sondern um ein beeinflussbares Geschehen“, sagt Braun. Das trifft auch auf die künftige Bevölkerungs- und Erwerbspersonenzahl zu. Die Prognosen des Statistischen Bundesamt für das Jahr 2060 variieren um rund 15 Millionen Menschen, abhängig von der Zahl der Zuwanderer, der Geburten pro Frau und der Lebenserwartung. Hinzu kommt: Sollte die Arbeitsproduktivität in Deutschland bis 2050 zwischen 84 und 140 Prozent steigen, würden selbst deutlich weniger Menschen noch immer mehr Güter und Dienstleistungen erbringen als heute.

Zum Jahresausklang hält Braun tröstliche Botschaft bereit. „Zu apokalyptischen Katastrophenszenarien besteht kein Anlass.“

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