Die rentable Anlage neuer Kundengelder fällt deutschen Versicherern zunehmend schwer. Warum er die Lebensversicherung dennoch weiter als attraktiv erachtet, erklärt Maximilian Zimmerer, Chef der Allianz Leben.
Herr Zimmerer, Allianz Leben tätigt täglich Neuanlagen in Höhe von 100 Millionen Euro am Kapitalmarkt. Was machen Sie mit dem Geld in diesen turbulenten Tagen?
Maximilian Zimmerer (53) ist seit 2006 Vorstandschef der Allianz Lebensversicherungs-AG und Vorstand der Allianz Deutschland. Der promovierte Jurist kam 1988 zum Konzern.
Mit Kapitalanlagen von rund 150 Milliarden Euro gehört die Allianz Lebensversicherungs-AG mit Sitz in Stuttgart zu den größten institutionellen Anlegern in Deutschland.
Die Situation ist schwierig. Für uns als Lebensversicherer, die wir Garantien geben, erst recht. Zehnjährige Bundesanleihen rentieren unter zwei Prozent. Das ist zu wenig. Denn unsere durchschnittliche Garantierendite liegt bei 3,3 Prozent.
Und? Warten Sie ab, verkaufen Sie gar Aktien?
Wir investieren weiter breit gestreut in festverzinsliche Anlagen, Immobilien und Aktien. Aktien stocken wir gegenwärtig nicht auf, dafür sind die Schwankungen zu stark. Aber wir verkaufen auch nicht. Warum auch? Der Markt übertreibt maßlos. Die Niveaus am Aktienmarkt lassen sich nur rechtfertigen, wenn man fünf Jahre Rezession erwartet.
Und was kaufen Sie?
Wir mischen Pfandbriefe, unsere wichtigste Anlageklasse, mit Unternehmensanleihen. Den Unternehmen geht es gut, sie haben ihre Hausaufgaben gemacht. Und Anleihen schwanken nun mal nicht so stark wie Aktien.
Kaufen Sie auch europäische Staatsanleihen?
Klar. Wir halten uns allerdings zurück bei Griechenland, Portugal oder Irland. Genauso wenig stehen zur Zeit Bundesanleihen auf der Einkaufsliste, denn die Zinsen erscheinen hier im Vergleich zu Frankreich oder den Niederlanden unnatürlich niedrig. Was im Übrigen völlig übertrieben ist, zumal Deutschland an allen Euro-Rettungsaktionen mit circa einem Viertel beteiligt ist.
Und wie halten Sie es mit Italien?
Italienische Staatsanleihen kaufen wir, bauen aber die Position nicht aus, sondern halten das Gewicht in unserem wachsenden Portfolio. Die Zinsen in Italien sind hochattraktiv. Das Land ist reich und hat eine starke Industrie und damit Wirtschaftskraft. Zudem führt es jetzt Sparprogramme durch. Allerdings muss Italien demnächst in größerem Umfang neue Anleihen platzieren. Dies könnte noch einmal zu höheren Zinsen führen.
Spekulieren die großen Anleger nicht auf einen Zerfall der Währungsunion und legen deshalb ihr Geld in Bundesanleihen an, weil sie auf Aufwertungsgewinne hoffen?
Das glaube ich nicht. Laut einer aktuellen Umfrage geht die große Mehrheit der Anleger vom Fortbestand des Euro aus. Selbst die Schweizer koppeln sich jetzt an den Euro. Dies wäre bei der Rückkehr zur D-Mark nicht anders. Die Bundesbank könnte doch auch eine wahnsinnige Aufwertung nicht zulassen, sonst würde die Exportwirtschaft in die Knie gehen. Sie sehen, auch wenn die öffentliche Debatte in Deutschland sehr Euro-skeptisch ist, wirtschaftlich spricht alles für den Euro.
Wie lösen wir dann die Eurokrise?
Es gibt nur einen Weg: Die Staatsverschuldung muss in den Euro-Staaten abgebaut werden.
Wenn alle sparen, wo soll dann das Wachstum herkommen?
Zum wirtschaftlichen Aufschwung gehört der Abschwung. Zyklen sind völlig normal. Nur eine Sanierung der Staatshaushalte schafft Vertrauen.
Kommen wir zu Ihrem Produkt, der Lebensversicherung: Sie haben die Absenkung des Garantiezinses, den jede neue Lebensversicherung mindestens bringen muss, von derzeit 2,25 auf 1,75 Prozent zum 1. Januar 2012 scharf kritisiert. Sind sie jetzt angesichts der Marktentwicklung bei Bundesanleihen geläutert?
Nein, bin ich nicht. Die Frage ist doch: Was soll die Absenkung für ein Jahr bringen? Der niedrigere Garantiezins von 1,75 Prozent gilt nur für das Neugeschäft. Ein Jahr Absenkung um 0,5 Prozentpunkte macht bezogen auf die Garantieverzinsung des Gesamtbestandes 0,015 Prozent aus. Das ist für die Risikotragfähigkeit der Unternehmen ein Non-Event.
Wieso ist die Absenkung auf ein Jahr begrenzt?
Weil 2013 Solvency II eingeführt wird...
…die neuen aufsichtsrechtlichen Regeln in Europa für die Finanzausstattung von Versicherern.
Ja. Und mit ihnen entfällt die Notwendigkeit in Europa, den Unternehmen einen konkreten Garantiezins vorzugeben. Es steht Deutschland frei, wie es das Thema regelt. Falls es keinen Garantiezins mehr festlegt, kann jedes Unternehmen völlig frei gestalten, wie hoch seine Garantien ausfallen.
Das ist doch horrend gefährlich. Unternehmen werben mit immer höheren Garantien, müssen dafür immer größere Risiken eingehen.
Diese Gefahr ist nicht auszuschließen, auch wenn Solvency II eine Unterlegung der Garantien mit Eigenmitteln verlangt. Deshalb bin ich auch dafür, dass es zur Disziplinierung gesetzliche Vorgaben zum Garantiezins geben soll. Rechtlich steht es den Ländern frei, dies zu tun. Die Frage ist nur, wie das neue System aussehen soll.
Irgendwelche Vorschläge?
Ich kann mir gut ein gesplittetes Garantiezinskonzept vorstellen, das für kürzer laufende Verträge einen höheren Garantiezins als für lange Verträge vorsieht. Das ist nachvollziehbar, weil das Risiko, einen Zins über 50 Jahre zu garantieren, viel höher ist, als etwa über 15 Jahre. Auf jeden Fall wird das jetzige System überarbeitet. Warum dann noch ein Jahr vorher eine Neufestlegung des Rechnungszinses? Das führt nur dazu, dass wir jetzt alle Tarife anpassen müssen.
Das müssen Sie doch sowieso: Das Unisex-Urteil des Europäischen Gerichtshofs verlangt, dass Sie die Tarife von Männern und Frauen angleichen. Wie stehen Sie zu dem Urteil?
Dies bedeutet eine erneute Anpassung der Tarife ein Jahr später. Ich halte die Entscheidung des EuGH für sachlich nicht gerechtfertigt. Zumal das Gericht nur aus formalen Gründen die Unterscheidung nach dem Geschlecht ab Ende 2012 für unzulässig erklärt.
Aber gibt es nicht tatsächlich eine Ungleichbehandlung? Bekommen Männer nicht bei der Lebensversicherung eine höhere Rendite, weil sie früher sterben?
Nein. Männer haben nie höhere Renditen bekommen, weil sie immer die Gesamtlaufzeit betrachten müssen. Wenn der Versicherer eine Rente länger zahlt, weil Frauen nun einmal länger leben, ist klar, dass der monatliche Betrag bei den Frauen niedriger ausfällt. Ich kann das Kapital doch nur einmal anlegen. Die längere Lebensdauer der Frauen bewirkt im Übrigen auch, dass sie für eine Todesfallabsicherung etwa 30 Prozent weniger zahlen müssen als die Männer. Das liegt daran, dass Männer früher sterben – das mag auch unfair erscheinen, ist aber nicht zu ändern.
Aber warum wird gerade zwischen Männer und Frauen differenziert? Es gibt doch andere Unterscheidungsmöglichkeiten.
Stimmt. Aber es gibt keinen Zusammenhang, der statistisch so vollkommen valide und unabänderlich ist, wie das Geschlecht. Nehmen Sie etwa arm und reich. Wie wollen sie auf 50 Jahre den Vermögensstatus eines Menschen kalkulieren?
Wie wirkt sich das Urteil für die Versicherten aus?
Das kommt auf die Versicherung an. Bei der Rentenversicherung wird bei Männern die monatliche Rente sinken, bei Frauen steigen. Bei der Krankenversicherung sind die Auswirkungen vom Geschlecht und vom Alter abhängig. Ältere Frauen müssen dann die im Alter rapide ansteigenden Gesundheitskosten der Männer mit bezahlen.
Kommen wir noch einmal auf die Verzinsung der Lebensversicherung zurück. Wie kann man mit einem Zinssatz von 1,75 Prozent noch eine Lebensversicherung verkaufen.
Wenn Sie das aktuelle Zinsniveau betrachten, habe ich so viele Argumente wie nie. Wir haben ja bislang nur über den Garantiezins gesprochen. Die Gesamtverzinsung liegt bei der Allianz in diesem Jahr bei 4,7 Prozent. Das ist im aktuellen Marktumfeld hochattraktiv.
Moment. 4,7 Prozent ist die Rendite vor Kosten, oder?
Richtig. Wir sind eine der ersten Gesellschaften, die inzwischen auch eine Nachkostenrendite ausweist. Bei einem 30-jährigen Vertrag liegen die Kosten pro Jahr bei 1,11 Prozent. Sprich die effektive Rendite, bezogen auf den Beitrag, liegt bei 3,6 Prozent.
Aber passt die Lebensversicherung überhaupt noch in das Lebenskonzept der Menschen? Ist sie nicht viel zu unflexibel?
Unflexibel war gestern. Ein Kunde kann zum Beispiel seine Beiträge zwischendurch aussetzen, wieder aufholen und Zuzahlungen durchführen. Er kann, wenn er Geld braucht, seine eigenen Police beleihen. Und es gibt verschiedene Optionen in der Abrufphase. Wenn der Kunde früher in den Ruhestand gehen möchte, kann er die Rente ohne zusätzliche Kosten fünf Jahre früher nehmen.
Und wie halten Sie es persönlich? Besitzen Sie Lebensversicherungen für die Altersvorsorge?
Meine Ehefrau und ich haben zusammen neun Lebensversicherungen.
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