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07. November 2012

Desertec: Noch ein Schatten

 Von Joachim Wille
Vision: Noch hat das Wüstenprojekt nur am Computer Gestalt angenommen. Foto: Siemens

Das Wüstenstrom-Projekt Desertec in der nordafrikanischen Wüste ist ins Stocken geraten. Wegen der Europäer. Nun bekunden zwei Konzerne aus China Interesse.

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Das Wüstenstrom-Projekt Desertec in der nordafrikanischen Wüste ist ins Stocken geraten. Wegen der Europäer. Nun bekunden zwei Konzerne aus China Interesse.

Eigentlich wollten die Planer des Wüstenstrom-Projekts Desertec am Mittwoch in Berlin den Durchbruch verkünden: ein Abkommen zum Bau von zwei insgesamt 750 Millionen Euro teuren Solarkraftwerken in Marokko sowie Regelungen für den Ökostrom-Import nach Europa. Doch der Abschluss des Abkommens verzögert sich. Der Kooperationspartner Spanien sieht sich offenbar wegen der im Land wütenden Euro-Finanzkrise nicht in der Lage, das Projekt mitzufinanzieren, zumindest noch nicht.

Der Geschäftsführer der Desertec Industrie Initiative (Dii), Paul van Son, gab sich allerdings optimistisch: „Ich bin zuversichtlich, dass die übrigen Verhandlungspartner aus Marokko und den EU-Staaten Spanien schon bald überzeugen können, da Spanien dadurch viel gewinnen wird.“ Geldgeber für die Kraftwerke seien gefunden, erste Fördermittel stünden bereit, und auch die Industrie wolle investieren.

Beim ersten Marokko-Projekt handelt es sich um ein gekoppeltes Photovoltaik- und Wind-Kraftwerk mit 100 Megawatt Leistung, das von einem Konsortium unter Führung des Stromkonzerns RWE gebaut werden soll. Das zweite ist ein solarthermisches Kraftwerk mit 150 MW; hier wird Strom in Turbinen durch solar erhitzten Dampf erzeugt. Die beiden Anlagen würden Elektrizität für mehrere Hunderttausend Haushalte liefern. Insgesamt plant die Desertec-Gesellschaft nach eigenen Angaben derzeit Projekte mit rund 2500 MW. Das entspricht bei voller Sonneneinstrahlung der Leistung von zwei Atomkraftwerken.

Interesse aus China

Desertec-Manager sowie Minister aus Europa, Nordafrika und dem Nahen Osten treffen sich in dieser Woche zur dritten Dii-Konferenz im Auswärtigen Amt in Berlin – sinnigerweise im „Weltsaal“ des Ministeriums. Die Dii hatte hier einen großen Aufschlag geplant, wohl auch, um Zweifel an der schnellen Realisierbarkeit der hochfliegenden Pläne zu zerstreuen. Das Desertec-Projekt war 2009 an den Start gegangen, der Bau von Anlagen verzögerte sich jedoch. Zuletzt hatte der Ausstieg von Siemens die Skepsis verstärkt. Der Münchner Konzern gibt sein Solargeschäft auf, das die Umsatz- und Ertragshoffnungen nicht erfüllt hat, und kappt damit auch das Dii-Engagement. Weiter dabei sind jedoch die restlichen 56 Dii-Partner, darunter mehr als 20 aus Deutschland. So die Stromkonzerne RWE und Eon, die Munich Re und die Deutsche Bank.

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Die Verhandlungen über ein Abkommen zu den ersten Wüstenstrom-Projekten zwischen Marokko, Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien waren offenbar zuletzt schon weit gediehen. Dann allerdings bremste Madrid. Das Engagement Spaniens ist unter anderem wichtig, weil der grüne Strom über das spanische Stromnetz fließen muss. Zwischen Marokko und Spanien existiert bei Gibraltar bereits ein Seekabel, das auch für den Desertec-Strom genutzt werden könnte. Italien, das ebenfalls als Stromnutzer und Transportland in Frage kommt, unterstützt die Dii-Projekte. Pläne für eine Anbindung geplanter Kraftwerksstandorte in Algerien und Tunesien an das italienische Netz würden „eingehend diskutiert“, hieß es.

Heißes Gesprächsthema auf der Berliner Konferenz war auch die Nachricht, wonach zwei Konzerne aus China und den USA Interesse an einer Desertec-Beteiligung bekundet haben – nämlich der Stromnetzbetreiber State Grid Corporation of China (SGCC) und die US-Solarfirma First Solar. Letztere ist bereits assoziiertes Mitglied bei Dii und will nun richtig einsteigen. Das gilt als unproblematisch.

Über die Pläne der Chinesen hingegen sind dem Vernehmen nach nicht alle Dii-Mitglieder begeistert. Manche fürchten, China könne hierdurch in dem neuen Geschäftsfeld eine Dominanz erreichen wie bereits auf dem Photovoltaik-Markt, wo der Preiskampf mehrere europäische Hersteller in die Insolvenz getrieben hat. SGCC betreibt in China bereits Stromtrassen in Gleichstromtechnik, die besonders gut für den Transport über langte Strecken geeignet sind. Diese Technik soll auch bei Desertec genutzt werden.

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