Berlin (ddp) - Der wachsende Außenhandel bringt für den Standort Deutschland inzwischen auch ernste Probleme mit sich. Für eine Nation, die sich gerne als Exportweltmeister bezeichnet, mag dies befremdlich klingen. Doch in den boomenden Seehäfen Hamburg, Bremen und Bremerhaven bestätigt sich die These.
In Hamburg etwa ist der Containerumschlag seit dem Jahr 2000 von 4,3 Millionen TEU (20-Fuss-Standartcontainer) auf zuletzt 9,9 Millionen TEU gestiegen und wird sich nach aktuellen Prognosen bis 2015 auf 18 Millionen TEU nahezu verdoppeln. Die in Containern gelieferten Waren kommen problemlos in den Hafen hinein. Doch der Weitertransport gerät ins Stocken. Weil Politik und Infrastrukturbetreiber falsch geplant haben, ist das Schienennetz dem Ansturm nicht gewachsen. Besonders die Deutsche Bahn, meinen Fachleute, habe daran entscheidenden Anteil.
Der Geschäftsführer der Hafengesellschaft "Hamburg Port Authority", Hans P. Dücker, orakelt: "Im Hafen schaffen wir den Abtransport schon irgendwie. Aber ich fürchte, im Hinterland werden wir steckenbleiben." Der Hamburger Verkehrsfachmann Thomas Rössler befürchtet gar einen "drohenden Kollaps beim Schienenverkehr".
"Beeinträchtigung der Wettbewerbsfähigkeit"
Die stellvertretende Geschäftsführerin der Handelskammer Hamburg, Christine Beine, konstatiert: "Es ist absehbar, dass die Schieneninfrastruktur zu einem Wachstumshindernis für die deutsche Wirtschaft wird." Das Bundesamt für Güterverkehr warnte schon im vergangenen November: Eine zu leistungsschwache Infrastruktur im Hinterland verschlechtere "nicht nur die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Containerhäfen, sondern beeinträchtigt auch die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft insgesamt".
Es droht die Abwanderung von Containerlinien in andere Häfen, der Verlust von Wachstumschancen. Wenn das Gut Schiene zu knapp ist und Unternehmen sich um den Zugang streiten müssen, dürften auch die Verbraucher kaum ungeschoren davonkommen. Davon ist Martin Henke vom Verband Deutscher Verkehrsunternehmen überzeugt: "Am Ende wird der Zugang zu den Schienenwegen versteigert werden. Das wird teuer und letztlich vom Konsumenten bezahlt."
Schnellzüge und Güterverkehr stehen sich im Weg
Sofort nach Verlassen des - ebenfalls enorm überlasteten - Hamburger Hafens wird es am sogenannten Hamburger Knoten eng: Ein dichtes Netz an Nahverkehrslinien belegt hier die Schienen. ICE- oder EC-Züge müssen die Schnittstelle passieren auf ihren Wegen von und nach Kiel, Hamburg, Hannover, Bremen.
Auch die Hinterlandverkehre der Ostseehäfen Lübeck, Wismar, Sassnitz oder Rostock fahren größtenteils über Hamburg. 75 Prozent der 50.000 Güterzüge, die jährlich vom Hafen ab- bzw. dorthin fahren, rollen nach Süden Richtung Bayern und Österreich oder nach Südosten mit Zielen in Polen und Tschechien. Für sie hat ebenso wie für die meisten ICE-Verbindungen die in großen Teilen nur zweigleisige Strecke über Uelzen nach Hannover strategische Bedeutung. Sie ist nach Angaben der Deutschen Bahn stellenweise schon zu 130 Prozent ausgelastet.
Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.
Am 31. Mai diskutiert FR-Redakteur Tobias Schwab mit Fernsehköchin Sarah Wiener und weiteren Gästen das Thema "Wer verdient am Kaffee?"
Die Schuldenkrise hat Europa im Griff: Nachrichten zur Eurokrise, Konjunktur, Eurobonds und Ratingagenturen.