Über Nacht ist Achim Kassow und Rainer Neske die vielleicht spannendste Aufgabe der deutschen Kreditwirtschaft zugefallen. Nach der Übernahme der Dresdner Bank durch die Commerzbank und dem Einstieg der Deutschen Bank bei der Postbank haben die beiden Banker die Jagd auf eine in der Branche bislang wenig beachtete Spezies eröffnet: den Privatkunden.
Und sie sind nicht angetreten, um Zweiter zu werden. Deutschbanker Neske und Commerzbanker Kassow kämpfen um nichts weniger als die Marktführerschaft in Deutschland.
Schon äußerlich ein Unterschied wie Tag und Nacht. Hier der smart wirkende, dunkelhaarige Kassow, der sich gerne im Blitzlicht sonnt. Der bis 2004 als Comdirect-Vorstand Erfolge feierte und bis zuletzt als Anwärter für den Chefposten der Commerzbank galt. Dort der unprätentiöse Neske mit seinem schütterem Haupt, der immer ein bisschen im Schatten der übermächtigen Investmentbanker der Deutschen Bank steht und nur zur zweiten Führungsriege gehört.
Auch die Strategien, mit denen die beiden antreten, könnten kaum unterschiedlicher sein. Die Tinte unter dem Kaufvertrag für die Dresdner Bank war noch nicht getrocknet, da verkündete die Commerzbank bereits, dass es sinnlos sei, zwei Marken weiterzuführen. Spätestens in zwei Jahren soll die Traditionsmarke Dresdner Bank Geschichte sein. Die Kunden, so glaubt Kassows Mannschaft, werden schon bei der Stange bleiben, wenn ihnen nur die lästige Aufgabe erspart bleibt, die Daueraufträge neu auszufüllen. An der dafür notwendigen IT-Lösung wird schon fieberhaft gebastelt.
Selbst wenn Neske es wollte: So rabiat kann die Deutsche Bank bei der Postbank gar nicht vorgehen. Denn um die Mehrheit und damit die unternehmerische Führung der Post-Tochter zu übernehmen, mangelt es dem Institut derzeit an Geld beziehungsweise an der Gunst der Investoren. Schon auf die angekündigte Kapitalerhöhung um rund zwei Milliarden Euro reagierte der Aktienmarkt gestern verschnupft. Nicht auszudenken, was los wäre, wenn die Deutsche Bank die Börse im großen Stil anzapfen wollte.
Aber auch wenn die Deutsche Bank die Mehrheit schon hätte: Neske läge nichts ferner, als die Beschäftigten und die Kunden der Postbank damit zu brüskieren, dass das Logo von den Filialen abgeschraubt wird. "Dafür ist er viel zu konfliktscheu", heißt es in seinem Umfeld. Der gebürtige Westfale kämpft nicht mit offenem Visier. In dieser Hinsicht wird der Diplom-Informatiker, der Anfang Oktober seinen 44. Geburtstag feiert, der Harmoniesucht gerecht, die man den im Sternzeichen der Waage geborenen nachsagt.
Neskes Zaghaftigkeit mag man als persönliche Schwäche auslegen. Doch geschäftlich fährt er damit offenbar ganz gut. Schon als die Deutsche Bank vor zwei Jahren die Norisbank und die Berliner Bank übernahm, blieben die Marken erhalten. "Unter zwei Marken können wir Angebote differenzieren und unterschiedliche Kundengruppen erreichen", gab er damals in einem Interview mit dem Berliner Tagesspiegel zu Protokoll, der sich offensichtlich um die Marke Berliner Bank sorgte.
Und die Rechnung ging offenbar auf. Obwohl der Einstieg der Deutschen Bank mit ihrem Nobel-Image ins Billigsegment von vielen in der Finanzwelt belächelt wurde, hat sich das Privatkundengeschäft seither blendend entwickelt. Wenn überhaupt wäre Kassow durch die Übernahme der Privatkunden der Dresdner Bank nur sehr knapp Marktführer geworden. Und seit gestern steht fest, dass Neske ihm den Titel auch wieder abjagen wird.
Und das ist nicht das einzige Problem, mit dem sich Kassow in den nächsten Monaten herumschlagen darf. Der ambitionierte Manager steht vor der kaum lösbaren Aufgabe, 2200 Jobs in seinem Bereich zu streichen - und die verbliebene Mannschaft zu Höchstleistungen zu animieren. Dass der 42-jährige mit seinem unermüdlichen Kampf für eine Samstagsöffnung der Commerzbank-Filialen die Arbeitnehmervertreter seit Jahren bis aufs Blut reizt, dürfte dabei wenig hilfreich sein.
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