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22. Januar 2013

Die Angst vorm Absturz

 Von Markus Sievers
Seit 1971 trifft sich die Prominenz jährlich in Davos.  Foto: afp/EISELE

Kann Gerechtigkeit die Gesellschaft stabilisieren? Weltwirtschaftsforum in Davos startet

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Privater Treff

Klaus Schwab, 74, ist der Gründer des Weltwirtschaftsforums, das jedes Jahr im Schweizer Skiort Davos stattfindet.
Als Professor für Betriebswirtschaft in Genf wollte er in den 70er-Jahren den Austausch über Strategien für mehr Wettbewerbsfähigkeit fördern.
Das Forum ist trotz seines Namens eine private Veranstaltung. Das Treffen wird organisiert von einer von Schwab gegründeten Stiftung und finanziert von Sponsoren.

Die Veranstalter wollen damit die Debatte über globale Zukunftsfragen vorantreiben. Kritiker sehen die Veranstaltung als das Werk einer kleinen Elite, die ihre politische Linie damit durchsetze und soziale Aspekte ausblende.

Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Donnerstag beim Weltwirtschaftsforum in Davos über ihre Pläne für 2013 spricht, wird sie wie der russische Ministerpräsident Dmitri Medwedew oder Topmanager wie UBS-Chef Axel Weber gegen die Angst anreden. Steht unser Wirtschaftssystem vor dem Kollaps? Diese Frage drängt sich auf, seit Lehman-Pleite, Euro-Krise, Rezession und zuletzt die Furcht vor einer Zahlungsunfähigkeit der USA, hervorgerufen durch politische Blockaden, den Glauben an ein Weiter so erschüttern.

Es geht dabei um weit mehr als Befindlichkeiten, wie die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) in einer aktuellen Analyse feststellt. „Wachsende Unsicherheit lässt Arbeitslosigkeit weltweit erneut steigen“, heißt es darin. Im vergangenen, dem fünften Jahr nach Ausbruch der Finanzkrise sei die Arbeitslosigkeit um weitere vier Millionen auf mehr als 197 Millionen gestiegen. Die weltweite Beschäftigungskrise habe sich nach einer gewissen Erholung zu Beginn des Jahrzehnts wieder verschärft.

Erstaunlicherweise treibt die Eliten von Wirtschaft, Politik und Wissenschaft eine Sorge ganz besonders um. Laut dem kürzlich vom Weltwirtschaftsforum veröffentlichten Risiko-Report ignorieren die Befragten die wachsende Ungleichheit nicht (länger), sondern nennen sie die Gefahr Nummer eins für die Weltwirtschaft. Bei keinem anderen Thema sind sie so sicher, dass es die nächsten zehn Jahre bestimmen wird, wie bei diesem.

Noch schädlicher könnten sich aus Sicht der Eliten eine erneute Finanzkrise auswirken oder zu hohe Staatsschulden oder Kriege durch Wassernot. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass ein Problem die Stabilität auch in Zukunft angreifen dürfte, setzen die Topleute nirgends so hoch an wie bei der Spaltung zwischen Arm und Reich. Schon seit den 1970er-Jahren nimmt laut OECD die Ungleichheit zu. Sollte sich dies also tatsächlich in dieser Dekade fortsetzen, wäre das halbe Jahrhundert voll. Und es müsste konstatiert werden: 50 Jahre lang sorgt unser Wirtschaftssystem für eine zunehmende Spaltung zwischen oben und unten.

In der Nachkriegszeit bauten die Industrieländer die Wohlfahrtsstaaten zunächst aus und forcierten die Umverteilung. Doch laut OECD setzte das Auseinanderdriften der Gesellschaften in den späten 70er-Jahren in englischsprachigen Ländern ein, allen voran in den USA und Großbritannien, aber auch in Israel. Später schlossen sich Nationen an, die bis dahin stolz gewesen waren auf ihre soziale Ausrichtung. Die OECD nennt Schweden, Dänemark und Deutschland .

Mit drei Faktoren erklärt die internationale Organisation reicher Staaten, dass sich die Unterschiede seit geraumer Zeit verschärfen. Die Globalisierung spielt eine Rolle, weil sie Hunderte von Millionen unqualifizierter Arbeitnehmer in Asien, Lateinamerika und Afrika in den Weltmarkt einführte. Dadurch sank überall der Druck auf die Löhne am unteren Ende. Innovationen wie das Internet und die Digitalisierung begünstigten die Menschen mit guten Berufsabschlüssen weiter. Schließlich profitierten sie vom Siegeszug des Neoliberalismus in den 80er-Jahren. Gemäß dieser Ideologie öffneten die Regierungen die Märkte, kürzten Sozialleistungen, schwächten die Verhandlungsposition der Gewerkschaften und förderten die Gewinne der Spekulanten.

Setzt sich jetzt in Davos die Erkenntnis durch, dass dies nicht nur ungerecht ist, sondern der Entwicklung der Weltwirtschaft schadet? Das globalisierungskritische Netzwerk Attac bleibt skeptisch. „Jedes Jahr endet das Treffen in Davos mit dürren Bekenntnissen zu einem Wirtschaftssystem mit menschlichem Antlitz. Tatsächlich forciert wird aber immer nur der finanzmarktgetriebene Kapitalismus“, sagte Attac-Expertin Kerstin Sack.

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