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Börsenspekulation: Die Dosis macht das Gift

Seine Erfahrung brachte ihm den Spitznamen "Mr. Dax" ein. Jetzt kritisiert Dirk Müller zwar die Praxis an den Finanzmärkten, kann über die "Ahnungslosigkeit" der deutschen Börsenaufsicht aber nur lachen.

Wenn er an die Ahnungslosigkeit der deutschen Bankenaufsicht denkt, fasst er sich an den Kopf: Dirk Müller redet gerne Klartext über das Treiben an der Börse.
Wenn er an die "Ahnungslosigkeit" der deutschen Bankenaufsicht denkt, fasst er sich an den Kopf: Dirk Müller redet gerne "Klartext" über das Treiben an der Börse.
Foto: dpa

Wenn vor Publikum über Spekulation spekuliert wird, ist es nicht schlecht, einen Insider wie Dirk Müller auf dem Podium zu haben. Der Frankfurter Börsenmakler mit dem Spitznamen "Mr. Dax" redet gerne "Klartext" über das Treiben an den Finanzmärkten.

So auch am Mittwochabend. Kursmanipulationen seien an der Börse gang und gäbe, behauptet Müller. Als ein Vertreter der Wertpapieraufsichtsbehörde Bafin deren Einsatz gegen solcherlei Praktiken im Wertpapiergeschäft betont, muss der Mann sich Ahnungslosigkeit vorwerfen lassen. "Das ist ja, wie wenn der Papst über Sex redet", meint Müller zur Erheiterung der zahlreichen Zuhörer.

Tatsächlich ging es bei der Veranstaltung im katholischen "Haus am Dom" auch um eine Art Verhütung, nämlich der von Finanzkrisen. Auf Einladung der Heinrich-Böll-Stiftung und des Frankfurter Forums für Ethik in der Finanzpraxis wurde über "Notwendigkeit und Grenzen von Spekulation" diskutiert. Eigentlich ein sexy Thema, dessen Behandlung allerdings recht dröge geblieben wäre, hätte nicht Müller für einen gewissen Schwung gesorgt.

Denn die Diskutanten sind sich in ihrer Einschätzung weitgehend einig. Ein Advokat, der Kontra gegeben und die Spekulation verteufelt hätte, fehlt auf dem Podium. "Spekulation ist weder gut noch böse, die Dosis macht das Gift", meint Müller und fasst damit knapp zusammen, was die anderen Teilnehmer ausführlicher darzustellen versuchen. Etwa Gerhard Illing, Wirtschaftsprofessor aus München. Ihm zufolge funktionieren die Finanzmärkte keineswegs so perfekt, wie es die üblichen – "neoklassischen" – Lehrbücher vorschreiben, auf die sich die Deregulierer berufen. Gleichwohl hält Illing ein Verbot von Spekulationsgeschäften für "naiv". Um zu verhindern, dass sie zerstörerisch wirken, seien jedoch Regeln erforderlich, die Marktmacht verhindern und mehr Transparenz schaffen.

Fingerzeige an der Börse

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Auch Gerhard Schick, Finanzmarktexperte der Grünen im Bundestag, bemüht sich um ein ausgewogenes Urteil: Spekulanten ähnelten Unternehmern, die Risiken eingehen. "Das brauchen wir." Von Übel sei es allerdings, wenn Geld massenhaft in Finanzanlagen fließe und für Investitionen in die Realwirtschaft, etwa in den Klimaschutz, fehle. Da trifft sich Schick mit Müller, der beklagt, dass die Börse zwar Hunderttausende Wetten in Form von Finanzderivaten organisiert, aber kaum Kapital für Unternehmen mit neuen Ideen bereitstellt. Da sei "was schief gelaufen".

"Der moderne Spekulant setzt auf mathematische Modelle", hatte der Hamburger Soziologieprofessor Urs Stäheli zu Beginn des Gesprächs erläutert und von der "Hybris sicherer Spekulation" gesprochen. Dabei sei die "Irrationalität schon eingebaut" im System. Mit anderen Worten: Die nächste Finanzkrise kommt bestimmt. Das wird auch die Bafin nicht verhindern können. Schließlich habe die Aufsicht schon bei der Aufarbeitung der Krise versagt, meint der Grüne Schick.

Autor:  Mario Müller
Datum:  27 | 5 | 2011
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