Tatsächlich scheuen Handel und Lebensmittelindustrie seit langem die offene Deklarierung, wenden das Aigner-Siegel deshalb auch nicht an und schützen rechtliche wie Liefer-Probleme vor. Wie etwa beim Hähnchen-Riesen Wiesenhof.
Die Tiere werden zwar ohne Gen-Soja gepäppelt, ausgelobt wird das aber nicht. Denn Hersteller und Händler stellten stets eine Frage: Ist auch für die nächsten vier, fünf Jahre sichergestellt, dass genug garantiert gentechnikfreies Futter aus Übersee kommt?
Davon allerdings sind Branchenkenner, die sich mit der Materie seit langem beschäftigen, überzeugt. So hat der zweitgrößte deutsche Hähnchen-Hersteller, die Gebrüder Stolle aus dem Oldenburger Land, die gesamte Produktion von täglich 450.000 Hähnchen auf gentechnikfreie Fütterung umgestellt.
Stolle-Marketing-Chef Albert Focke glaubt, der Nachschub an Futter sei gesichert, und zwar je stabiler, desto höher die Nachfrage ist. Stolle-Hähnchen oder Hühnerschnitzel mit Siegel gibt es dennoch vorerst nur bei der hessischen Kette Tegut.
Der aktuelle Lidl-Vorstoß spreche jedoch, auch wenn er noch nicht mit einer Kennzeichnung verbunden ist, für eine Ausdehnung: Lidl nähere sich offenbar "Schritt für Schritt" der gentechnikfreien Produktion, der irgendwann auch die Kennzeichnung folgen könne, ahnt Focke.
Die Gentechnik-Expertin des Bundes für Umwelt und Naturschutz BUND, Heike Moldenhauer, freilich sieht die Unternehmen in einer Zwickmühle: Es bestehe eine "Angst der Händler vor Nachfragen ihrer Kunden", wenn das eine Produkt gekennzeichnet sei und das andere nicht.
Andererseits, so Moldenhauer, versuche Lidl, mit Differenzierungsmerkmalen neue Kunden zu locken - und da könnte die Gentechnikfreiheit entscheidendes Kriterium werden. Sollte sich Lidl durchringen, das Logo zu verwenden, "ist das der Durchbruch".
Ganz ähnlich sieht das Alexander Hissting von Greenpeace: Bislang eher als "Schmuddelkind" verschrien, setze Lidl "mit der Gentechnikfreiheit neue Maßstäbe". Als erster Lebensmittelhändler folge Lidl dem Verbraucherwunsch, auf gentechnisch veränderte Pflanzen in der Fütterung zu verzichten. Auch Hissting ist überzeugt: Drucke Lidl das Siegel auf die Milchtüte, "dann folgen andere, und zwar nicht nur die Discounter".
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