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13. März 2016

DIW-Chef: Ungleichheit kostet Wachstum

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Klammern mit den Namen der Kinder einer Kita. Viele sind schon in jungen Jahren abgehängt , beklagt der DIW-Chef.  Foto: dpa

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, rechnet mit dem deutschen Wirtschaftsmodell ab. Seine Forderung lautet: mehr soziale Mobilität.

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Wenn der Investitionsstau in Deutschland in aller Munde ist, dann dürfte das zu einem beachtlichen Teil an einem Ökonomen liegen. Beharrlich rief Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, dazu auf, sich von der guten aktuellen Lage nicht täuschen zu lassen. Firmen und staatliche Stellen sorgten ungenügend vor und kümmerten sich zu wenig um die Modernisierung der Infrastruktur. Mit dieser Warnung lenkte der Volkswirt die Aufmerksamkeit auch der internationalen Öffentlichkeit auf eine schwere Schwäche des vermeintlichen Superstars in Europa.

Nun hat sich Fratzscher eines anderen Themas angenommen, das ebenfalls Zweifel an der wirtschaftlichen Stärke der Bundesrepublik aufkommen lässt. „Verteilungskampf. Warum Deutschland immer ungleicher wird“ heißt das neue Buch, das an diesem Montag erscheint. Darin präsentiert Fratzscher eine Generalabrechnung mit dem deutschen Wirtschaftsmodell.

„Deutschlands soziale Marktwirtschaft, wie wir sie über sieben Jahrzehnte gekannt haben und mit der die soziale Sicherung aller Bevölkerungsgruppen gewährleistet war, existiert nicht mehr“, schreibt der Autor gleich zu Anfang. Und fügt hinzu: „Die neue deutsche Marktwirtschaft zeigt ihr wahres Gesicht in einer stark zunehmenden Ungleichheit. In kaum einem Industrieland sind vor allem Chancen, aber auch zunehmend Vermögen und Einkommen ungleicher verteilt als in Deutschland.“

Das ist starker Tobak für einen Ökonomen, der als pragmatisch gilt und keinem der üblichen Lager – links oder rechts, nachfrage- oder angebotsorientiert – angehört. Mit der Diagnose aber begibt sich Fratzscher in gute Gesellschaft. Die OECD, ein Verbund von weltweit 34 überwiegend wohlhabenden Staaten, weist regelmäßig auf Brüche im sozialen Gefüge der Bundesrepublik hin. Auch nach ihren Erkenntnissen ist der Graben zwischen Arm und Reich hierzulande im internationalen Vergleich ungewöhnlich tief.

Beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) gehört es zu seinem Selbstverständnis, dies anzuprangern. Das reichste ein Prozent der Bevölkerung besitzt mehr als 24 Prozent des Gesamtvermögens, hält der DGB in seinem kürzlich veröffentlichten Verteilungsbericht 2016 fest. 70 Prozent besäßen gerade einmal neun Prozent. Dass sich die Abstände ausweiten, räumte vor wenigen Wochen die Bundesregierung in einer Antwort auf eine kleine Anfrage der Linkspartei ein. Die gute Konjunktur habe die Armut nicht nennenswert reduziert, beklagt der Paritätische Wohlfahrtsverband. Trotz der prosperierenden Wirtschaft sei 2014 noch jeder siebte Bundesbürger arm gewesen, fast so viel wie ein Jahr zuvor.

Fratzscher stützt seinen Befund auf drei Indikatoren. Erstens seien die Vermögen in keinem anderen Land der Eurozone ungleicher verteilt. Die ärmere Hälfte der Bevölkerung besitze praktisch gar kein Vermögen, wenn man die Schulden und andere Verpflichtungen berücksichtige. Aber auch an der Spitze sei Deutschland „extremer als seine Nachbarn“. Im kaum einem anderen Land auf dem Kontinent besäßen die reichsten zehn Prozent größere Vermögenswerte. Zweitens klaffe die Schwere auch bei den Einkommen zunehmend auseinander. Rund die Hälfte der Arbeitnehmer büße seit 15 Jahren an Kaufkraft an. Über deutliche Zuwächse dürften sich allein die mit den höchsten Löhnen freuen. Und drittens beklagt der DIW-Präsident die geringe Mobilität. Wer es einmal geschafft habe, müsse kaum befürchten, seine Position wieder zu verlieren. Am stärksten ausgeprägt ist der Stillstand laut Fratzscher bei den oberen und unteren zehn Prozent.

Vor allem auf den letzten Punkt, die Chancenungleichheit, stellt der Volkswirt ab. Sie sieht er auch als Hemmnis für die wirtschaftliche Entwicklung. Lange sahen Ökonomen große Unterschiede zwischen Oben und Unten als notwendiges Übel. Nötig, um den Einzelnen zu motivieren, sich anzustrengen. An dieser Überzeugung, jedenfalls in dieser Schlichtheit, rütteln seit einigen Jahren internationale Organisation wie der IWF oder die OECD mit Studien. Fraztscher schließt sich diesen Zweifeln an der orthodoxen Lehre an. „Von zu hoher Ungleichheit werden nicht nur die Einzelpersonen, sondern auch die Wirtschaft und Gesellschaft insgesamt geschwächt“, folgert Fratzscher. Genau dies sei in Deutschland der Fall. Und er verweist auf Berechnungen der OECD, denen zufolge der Anstieg der Einkommensungleichheit seit den 1990er Jahren sechs Prozent an Wirtschaftsleistung gekostet hat.

Von der Politik verlangt er vor allem mehr Anstrengungen in der Familien- und Bildungspolitik, etwa mehr Unterstützung durch Kitas und eine ordentliche Betreuung in den Schulen. Einen stärkeren Ausgleich durch Steuern lehnt Fratzscher ab. Deutschland verteile mit seinem Steuern- und Abgabensystem genug Geld um – allerdings viel zu oft innerhalb von Einkommensklassen und ohne großen Effekt auf den Zusammenhalt der Gesellschaft. Ob der Appel für eine bessere Bildungspolitik viel bewirkt, wird sich zeigen müssen. Schließlich haben diese Forderung schon viele erhoben. Die Erfolge sind nicht gerade überragend, wie Fratzscher in seinem Buch selbst ausführt.

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