Vor 15 Jahren hat das Internet begonnen, die Musikindustrie zu fressen. Schier unaufhaltsam gingen seitdem die Umsätze durch den Verkauf von Tonträgern bergab, weil illegale Downloads den Musikkonzernen immer mehr das Wasser abgegraben haben. 2012 ist die Wende in greifbarer Nähe. Schon im vergangenen Jahr kam die Erosion der CD-Verkäufe, die hierzulande immer noch tragende Säule des Geschäfts sind, fast zum Stillstand.
Zugleich haben die um gut ein Viertel sprunghaft gewachsenen legalen Downloads den Rückgang erstmals kompensiert. „Wir freuen uns sehr über die stabile Marktentwicklung“, so der Geschäftsführer des Bundesverbands Musikindustrie (BVMI), Florian Drücke.
Die Trends in der Musikindustrie sprechen auch in Deutschland eine deutliche Sprache. Legale Downloads haben 2011 um rund 29 Prozent zugelegt, während der Verkauf von Musik-CDs um zwei Prozent geschrumpft ist.
Insgesamt bleiben die silbernen Scheiben aber mit einem Anteil von drei Vierteln am Branchenumsatz deren Rückgrat.
Aber auch die gute alte Schallplatte erfreut sich wieder großer Beliebtheit. Im vergangenen Jahr wurden hierzulande über 700.000 Vinyl-Scheiben verkauft.
Knapp 1,5 Milliarden Euro dürfte 2011 der Umsatz mit legal verkaufter Musik gebracht haben. Wenn die Trends anhalten, ist 2012 erstmals wieder Wachstum drin, hofft man beim Verband, wagt es aber noch nicht laut zu sagen. „Bei allen Erfolgen dürfen wir nicht vergessen, dass sich das Marktvolumen in den vergangenen Jahren nahezu halbiert hat“, betont Verbandschef Dieter Gorny. Das Wort Trendwende will er nicht in den Mund nehmen. Kollegen aus aller Welt sind weniger zurückhaltend.
Ein Milliarden-Markt
„Statt Gegenwind haben wir jetzt Rückenwind“, jubelt Edgar Bender, der für das internationale Geschäft von Sony Music zuständig ist. „Wir haben allen Grund zum Optimismus“, assistiert Francis Moore als Chef des Weltverbands der Musikindustrie IFPI. 16,2 Milliarden Dollar hat die Branche 2011 umgesetzt. Damit ging der Rückgang gegenüber dem Vorjahr auf nur noch drei Prozent zurück. Das gilt in der Musikindustrie schon als Erfolg.
Digitale Verkäufe in Form legaler Downloads stiegen 2011 weltweit um acht Prozent auf 5,2 Milliarden Dollar, während der CD-Absatz um knapp ein Zehntel auf rund elf Milliarden Dollar schrumpfte. Damit wurde global ein Drittel aller Musik per Internet verkauft, Tendenz steigend. Am weltgrößten Musikmarkt USA war es schon 2011 erstmals soweit, dass digitale Verkäufe mehr als die Hälfte des Geschäfts gebracht haben. Die Branche führt das darauf zurück, dass es immer mehr legale Quellen für Downloads gibt. Standen Anfang 2011 große legale Verkaufsplattformen wie iTunes oder Spotify in 23 Ländern zur Verfügung, so gibt es sie nun in 58 Staaten. Alleine hierzulande sind es jetzt rund 70 legale Musikdienste, die www.pro-music.org auflistet.
Kampf gegen Piraterie
Legale Musikverkäufe stehen aber auch deshalb vor einer Trendwende, weil der international Kampf gegen Internetpiraterie mittlerweile Wirkung zeigt. Als Vorbild nennt die Musikindustrie Frankreich. Dort flackern Warnhinweise auf dem Bildschirm eines Musikfans auf, wenn der einen illegalen Download startet. Das wünscht sich Musikverbandschef Gorny auch für Deutschland.
Diese unmittelbare Erfahrung, erwischt werden zu können, wo man sich lange völlig sicher wähnte, schreckt ab, wird in der Szene bestätigt. Tatsächlich sanken in Frankreich die Urheberrechtsverletzungen nach der Einführung des Warnmodells um ein Viertel, heißt es beim hiesigen Bundesverband der Musikindustrie. Zwei Millionen weniger Raubkopierer bedeutet das in absoluten Zahlen.
In Deutschland werden die Daumenschrauben für Internetpiraten nicht angezogen, sagt ein Sprecher des Bundesjustizministeriums. Zwar werde Deutschland bald das internationale Acta-Abkommen gegen Raubkopien aller Art unterzeichnen. Handlungsbedarf oder gar Netzsperren bei illegalen Downloads löse das aber nicht aus. Warum derzeit auch hierzulande im Internet eine Protestwelle gegen Acta woge, sei deshalb unverständlich.
Die Zurückhaltung Deutschlands erklärt auch, warum die Musikbranche hier noch keine Trendwende ausrufen mag. „Die Internetpiraterie ist nach wie vor der größte Hemmschuh“, betont Florian Drücke. Deutschland gerate bei der Durchsetzung von Urheberechten international ins Hintertreffen, warnt der BVMI-Mann. Möglicherweise reicht es 2012 dennoch für das erste Umsatzplus seit 1997.
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