Aktuell: Fußball-EM 2016 | US-Wahl | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Wirtschaft
Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse, Finanz-Themen

11. Januar 2015

Dresden Pegida Emirate: Sie sägen am Ast, auf dem sie sitzen

 Von Jochen Arntz
Manager aus dem Morgenland: Waleed Al Mokarrab Al Muhairi.  Foto: imago

Tausende protestieren in Dresden gegen die Überfremdung des Abendlandes. Der größte Arbeitgeber der Stadt ist allerdings ein ausländischer Investor – aus dem Emirat Abu Dhabi.

Drucken per Mail

Der Mann trägt einen schönen arabischen Namen. Und er sieht so aus, wie sich viele Europäer einen wohlhabenden, aufgeklärten Menschen aus den Emiraten am Golf wohl vorstellen. Mit der weißen Kafiya, dem traditionellen Kopftuch der Männer, das von einem schwarzen Band gehalten wird, dem akkurat gestutzten Bart und der modernen Brille. Waleed Al Mokarrab Al Muhairi ist ein Manager aus dem Morgenland, genauer gesagt aus Abu Dhabi, und er ist einer der größten Arbeitgeber in Dresden.

Nein, das ist kein Pegida-Schreckensszenario für das Jahr 2050 an der Elbe. Es ist die Realität des Winters 2015, und für die Stadt Dresden, man kann es nicht anders sagen, ist es ein großes Glück, dass es Männer wie Waleed Al Mokarrab Al Muhairi gibt.

Arbeitsplätze
Projekte
Gründe

Über drei Millionen Menschen in Deutschland haben wegen ausländischer Investitionen Arbeit. Das vermeldet die bundeseigene Agentur für Außenwirtschaftsförderung GTAI: „Der Beitrag ausländischer Unternehmen für die deutsche Wirtschaft ist somit erheblich größer als vielleicht von manch einem erwartet.“

4700 Investitionsprojekte von ausländischen Unternehmen zählte die Marktbeobachtungsfirma FDI-Markets zwischen 2007 und 2013 in Deutschland. Die Bundesrepublik stand 2013 laut der UN-Handelsorganisation Unctad weltweit an siebter Stelle unter den Empfängern ausländischer Direktinvestitionen. An der Spitze stehen die Vereinigten Staaten, gefolgt von Großbritannien, Hongkong, Frankreich, China und Belgien.

Deutschland belegt in mehreren Umfragen unter Managern den ersten Platz als Investitionsziel in Europa. Laut einer Befragung der Unternehmensberatung E & Y schätzen internationale Manager an Deutschland besonders die politische und rechtliche Stabilität, gefolgt vom Qualifikationsniveau der Arbeitskräfte, der Infrastruktur und dem sozialen Klima. db

Rund 3700 Menschen geben er und sein Emirat Arbeit in Sachsen, denn die große Chipfabrik in Dresden, die AMD einst besaß und die so wichtig für die Computerindustrie ist, die gehört seit dem Jahr 2012 ganz den Arabern. Kein Industriebetrieb beschäftigt mehr Menschen in der Stadt, gemanagt wird das Werk von einem Holländer.

Alleiniger Anteilseigner des Unternehmens aber, das heute Globalfoundries heißt, ist das Emirat von Abu Dhabi, zunächst in Gestalt der Firma Advanced Technology Investment Company“ (ATIC). Deren Chef war Waleed Al Mokarrab Al Muhairi. Später ging ATIC in einer Investmentgesellschaft des Emirats namens Mubadala auf, die das Unternehmen finanziert. Mubadala, das ist übrigens das arabische Wort für Austausch. Auch dort ist Al Muhairi ein wichtiger Mann im Vorstand. Er firmierte zugleich als Generaldirektor des Rates für die wirtschaftliche Entwicklung des Emirats.

Für einen gebildeten Mann wie Al Muhairi, der Tradition und Moderne in seinem Leben vereinen muss, wird es schwer vorstellbar sein, was gerade in Dresden geschieht. Er hat vielleicht keinen Dank aus dem Abendland erwartet für die Investitionen des Emirats in Ostdeutschland, aber diese Stimmung, diese Engstirnigkeit im Elbtal – wie hätte er damit rechnen können? Bei all den guten Worten aus der Vergangenheit.

Ein starker Bund

Im September 2010, vor gerade einmal viereinhalb Jahren, da saß Waleed Al Mokarrab Al Muhairi ja noch mit dem sächsischen Ministerpräsidenten Stanislav Tillich (CDU) in Dresden zusammen. Der Mann aus Abu Dhabi war zu Besuch, und die Sachsen betonten das starke Band zwischen ihrem deutschen Bundesland und den Emiraten. Denn es gibt ja nicht so viele große Investoren, die in Ostdeutschland ihr Geld einbringen wollen.

Und so wird die sächsische Landesregierung in diesen Tagen der Pegida-Märsche nur hoffen können, dass nicht allzu viel aus Dresdens Straßen bis nach Abu Dhabi dringt. Hatte Al Muhairi doch damals bei seinem Besuch an der Elbe versprochen, dass das Emirat langfristig in Dresden investieren und die Verbindungen vertiefen wolle.

Auch Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) kann froh sein, wenn sich der arabische Investor vor allem an ihre Worte aus jenem Jahr 2010 erinnert. Damals lobte sie die Ankündigung der arabischen Geldgeber, weiterhin in Dresden zu investieren: „Dieses Bekenntnis zum Standort und das darin enthaltene Vertrauen der Investoren aus Abu Dhabi macht uns stolz und zeigt uns, dass die internationale Attraktivität weiterhin gegeben ist. Mit hunderten neuer Arbeitsplätze ist Globalfoundries nun der größte Halbleiterstandort Europas.“

Im ehemaligen AMD-Werk in Dresden werden Silizium-Wafer gefertigt - seit 2012 gehört die Firma komplett den Arabern.

Ob Waleed Al Mokarrab Al Muhairi wohl die freundlicheren Pegida-Interpreten verstehen würde, die sagen, dass es den Demonstranten eigentlich gar nicht um den Islam gehe – sondern dass sie vielmehr auf ihre schlechte persönliche Situation und den Verlust ihres Arbeitsplatz aufmerksam machen wollen? Immerhin bietet er vielen Dresdnern einen Job.

Al Muhairi, der in Harvard und Washington studierte und für die Unternehmensberatung McKinsey arbeitete, hat übrigens einen ganz guten Rat für die Dresdner. Als ihn ein Firmen-Magazin des deutschen Siemens-Konzerns vor einiger Zeit interviewte und die Frage stellte, was man in Zukunft besser machen könne, da sagte er: „Wir müssen auch weiterhin ein attraktiver Ort für sehr gut ausgebildete ausländische Arbeitskräfte bleiben. Wir brauchen die besten Leute und die schlauesten Köpfe, egal von welchen Orten der Welt sie zu uns kommen.“ Er sprach von Abu Dhabi, nicht von Dresden.

Ralf Adam, Betriebsrat des großen Globalfoundries-Werks, wird an diesem Samstag unter den Rednern sein, die vor der Frauenkirche für ein anderes Dresden sprechen wollen. Seine Worte „für Weltoffenheit, Mitmenschlichkeit und Dialog“ sollten Gewicht haben – schließlich hat er, anders als viele Pegida-Demonstranten, direkten Kontakt zu Ausländern. Zudem stehen 3700 Arbeitsplätze hinter ihm, der größte industrielle Arbeitgeber der Stadt.

[ Lesen Sie jetzt das EM-Spezial der FR - digital oder gedruckt sechs Wochen lang ab 27,30 Euro. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.

Führungskräfte

Verkrustete Strukturen

Von Stephanie Borgert |

Warum ambitionierte Manager oft scheitern Mehr...

Geld

Raus aus den Tresoren!

Bargeld muss ein öffentliches Gut werden Mehr...

FRAX

Die Frankfurter Rundschau und das Forschungsinstitut Wifor präsentieren den FR-Arbeitsmarktindex, kurz FRAX. Er erlaubt einen genaueren Blick auf unsere Arbeitswelt als es die Arbeitslosen- und Beschäftigtenzahlen tun.

Videonachrichten Wirtschaft

Anzeige

Forum Entwicklung

Recht auf Arbeit – auch für Kinder?

Das Forum Entwicklung ist eine Debattenreihe von Frankfurter Rundschau, hr-iNFO und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).  

Weltweit arbeiten rund 150 Millionen Kinder – oft unter ausbeuterischen Bedingungen auf Plantagen, in der Teppichproduktion oder als Dienstmädchen. Darum geht es beim „Forum Entwicklung“ am Donnerstag, 23, April. Mehr...

Brutto-Netto-Rechner
Optimieren Sie Ihr Gehalt:
Bruttogehalt (Euro mtl.)
St.-Kl.
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen