Die BMW-Nieren sind mehr als nur Design. Nieren: Das ist die halboffizielle Bezeichnung für den typischen zweigeteilten Kühlergrill. Sie helfen, Sprit zu sparen – mit Luftklappen. Ist der Motor unmittelbar nach dem Anlassen noch kalt, bleiben die Klappen im Kühlergrill geschlossen. Das Aggregat kommt so schneller auf Betriebstemperatur. Bei Stadtfahrten oder im Stau, wenn die Temperatur steigt, öffnen sich die Klappen automatisch, sorgen für frischen Wind im Motorraum. Bei schneller Fahrt schließen sie sich wieder. Das verbessert die Aerodynamik. Die Luftklappen stehen beispielhaft für BMW.
Die Nachhaltigkeitsrating-Agentur Sustainalytics kommt zu dem Urteil, dass sich der bayerische Autobauer „strenge Umwelt-Vorgaben“ und klare Ziele für die Reduktion der Treibhausgase gesetzt hat. Das gilt für die Herstellungsprozesse und für die Produkte, die Autos. So reduzierte BMW den durchschnittlichen Flottenverbrauch zwischen 2007 und 2010 um fast 14 Prozent. Das hat die Juroren überzeugt: BMW wird mit dem DuMont-DWS-Preis für verantwortliches Wirtschaften ausgezeichnet.
Die Abkürzung ESG muss sich merken, wer sich für mehr interessiert als für Gewinn und Dividende einer Firma. Hinter den drei Buchstaben verbergen sich die sogenannten extra-finanziellen Kennziffern der Unternehmen. E steht für Environmental (Umwelt). Hier geht es um den Energieverbrauch oder die Umweltbelastung. S steht für Social und umfasst mehr als nur den Umgang mit den Mitarbeitern – eine Rolle spielen dabei etwa der Krankenstand oder die Häufigkeit von Arbeitsunfällen. Auch die Beziehung zu Kunden fällt unter das S. Auch werden Pannenstatistiken berücksichtigt. Das G steht für Governance (gute Unternehmensführung).
Wie transparent sind die Führungsstrukturen, die Entlohnung, werden Korruptionsrichtlinien erstellt, lauten Fragen, die in die Kennziffer einfließen. ESG hat sich als Maß für verantwortungsvolles Wirtschaften am Finanzmarkt durchgesetzt. Wie jedoch die einzelnen Buchstaben und deren Kriterien gewichtet werden, liegt an den Präferenzen der Anleger. Dem einen sind soziale, dem anderen Umwelt-Aspekte wichtiger.
Wacker Chemie und Henkel haben es beim DuMont-DWS-Preis für verantwortliches Wirtschaften 2011 unter die besten Drei geschafft.
Der Konsumgüterhersteller Henkel arbeitet nach detaillierten Umweltschutzprogrammen. Gut die Hälfte der Produktion des Persil-Konzerns unterliegt zertifizierten Öko-Management-Systemen. Die Produkte werden zunehmend mit erneuerbaren oder nachhaltig angebauten Rohstoffen hergestellt. Bei der Kosmetik verfolgt Henkel das Ziel, Tierversuche auf das absolut notwendige Maß zu reduzieren. Extrem restriktiv geht der Konzern auch mit gentechnisch veränderten Vorprodukten um.
Der Chemiekonzern Wacker bietet Produkte, die nicht nur in der Auto- oder Bauindustrie, sondern auch für die umweltfreundliche Energieerzeugung benötigt werden – etwa Silizium, das in Photovoltaikanlagen zum Einsatz kommt. In der Produktion hat Wacker Programme gestartet, um den CO2-Ausstoß zu verringern, allerdings beziehen sie sich laut Sustainalytics nur auf gut die Hälfte der Anlagen. Die Karbon-Intensität, CO2-Emission in Relation zum Umsatz, liegt dennoch deutlich unter dem Durchschnitt der Branche. Großen Wert legt Wacker auf Arbeitssicherheit und die Gesundheit der Beschäftigten. Sustainalytics sieht hier „ambitionierte Ziele“. In den vergangenen drei Jahren hat es keinen schweren Arbeitsunfall mehr gegeben.
Alexander Bassen, Professor für Betriebswirtschaft Uni Hamburg,
Ralf Frank, Geschäftsführer DVFA, dem Berufsverband der Investment Professionals,
Gunnar Friede, ESG-Spezialist der Fondsgesellschaft DWS,
Robert von Heusinger, stv. Chefredakteur der DuMont-Redaktionsgemeinschaft,
Christian Strenger, Mitglied der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex,
Axel Wilhelm, Geschäftsführer Sustainalytics Deutschland.
148 Gramm CO2 pro Kilometer stoßen die 2010 in der EU neu zugelassenen Autos im Schnitt aus. In Deutschland waren es sechs Gramm mehr. Aber: „BMW hat die CO2-Emissionen in den vergangenen drei Jahren stärker reduziert als vor allem die deutschen Mitbewerber“, sagt Jens Hilgenberg, Verkehrsexperte beim Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND). Mit den 154 Gramm nähert sich die BMW-Gruppe dem VW-Konzern (149 Gramm) mit seinem höheren Anteil an Klein- und Kompaktwagen. Die Konkurrenten Audi und Mercedes-Benz kommen auf 158 beziehungsweise 173 Gramm.
Die größere Effizienz der BMW-Motoren kommt nicht von Luftklappen allein. Bremsenergie wird in Strom umgewandelt. Die Reifen haben einen reduzierten Rollwiderstand. Die Motortechnik wurde verbessert. Hinzu kommt die Start-Stopp-Funktion: Steht das Auto an der Ampel, schaltet sich der Motor ab. Tritt der Fahrer die Kupplung, wird die Maschine wieder gestartet. „Die Start-Stopp-Funktion ist allein schon deshalb sinnvoll, weil sie dem Autofahrer den Spritverbrauch ins Bewusstsein ruft“, sagt Hilgenberg. BMW müsse man auch zugutehalten, dass die Ausschaltautomatik kein Extra wie bei anderen Autobauern sei, sondern „in alle Fahrzeuge bestimmter Modellreihen eingebaut werde“. Jedoch kritisiert der BUND-Experte, dass „ein Großteil des Effizienzgewinns verloren geht, weil die Autos größer und schwerer werden, sowie mit stärkeren Motoren ausgestattet werden. Gleichwohl, BMW will die Emissionen weiter senken, 2015 soll es weniger als 140 Gramm CO2 für die EU-Flotte sein. Die 140 Gramm sind dann der Grenzwert – Firmen, deren Autos mehr emittieren, müssen Strafen zahlen.
Der Jury des DuMont-DWS-Preises war zudem wichtig, dass BMW Elektroautos in Leichtbauweise auf die Straße bringen will. Deren Karosserie besteht aus Aluminium und kohlefaserverstärktem Kunststoff (CFK). Für Gunnar Friede, DWS-Fondsmanager und Jurymitglied, ist BMW damit weit vorne: „BMW hat sich einen relativen Vorteil erarbeitet.“ CFK ist extrem leicht und fest, verschlingt aber bei der Fertigung Unmengen Energie. BMW siedelt die Produktion deshalb mit dem Partner SGL-Group in Moses Lake (USA) an, wo die Elektrizität komplett aus Wasserkraft gewonnen wird. Auch die Endmontage der E-Autos in Leipzig soll vollständig mit Strom aus erneuerbaren Quellen abgedeckt werden. Dafür plant BMW dort vier Windkraftanlagen.
Kein Einzelfall: BMW will die „komplett CO2-freie Automobilfertigung“ erreichen. Die Potenziale für jeden einzelnen Produktionsstandort werden derzeit untersucht. Im US-Werk Spartanburg etwa wird schon die Hälfte des Energiebedarfs mit einer Anlage gedeckt, die Methangas einer nahe gelegenen Mülldeponie in Wärme und Strom verwandelt.
Zugleich arbeitet das Management daran, den Energie- und unter anderem auch den Wasserverbrauch pro produziertem Auto zu senken, für die Phase von 2006 bis 2012 um 30 Prozent. Dabei gilt generell, dass Autobauer im Vergleich zu anderen Branchen weit vorne bei Effizienzsteigerungen sind. Sustainalytics hat überdies errechnet, dass BMW im Vergleich zu seinen Konkurrenten eine erheblich geringere Karbon-Intensität zeigt. Bei diesem Wert wird die CO2-Emission aus eigenen Aktivitäten und der verwendeten Energie in Relation zum Umsatz (16 Milliarden Euro für BMW in den ersten neun Monaten) gesetzt.
Der Münchner Konzern macht all dies nicht aus Gutmenschentum. Geringerer Energieverbrauch übersetze sich direkt in „ökonomischen Mehrwert für das Unternehmen“, heißt es im aktuellen BMW-Nachhaltigkeitsbericht.
Ganz ähnlich geht das Unternehmen in der Kategorie Soziales vor. Angesichts eines „verschärften Wettbewerbs um Fachkräfte“ gewinne die „Personalstrategie“ klar an Bedeutung, heißt es im Nachhaltigkeitsbericht. Den Experten von Sustainalytics ist besonders die Fluktuationsrate in dem Unternehmen aufgefallen, das 100 000 Menschen beschäftigt. Mit 2,7 Prozent lag sie 2010 nicht nur für einen Autobauer, sondern für die gesamte Wirtschaft ungewöhnlich niedrig.
Wie wird das erreicht? Die Beschäftigten erhalten nicht nur ihren Lohn pünktlich, sie partizipieren nicht nur mit Erfolgsbeteiligungen am Profit. In Großbritannien können sich Mitarbeiter über eine überdurchschnittlich hohe betriebliche Altersvorsorge absichern, in den USA gibt es eine umfängliche Krankenversicherung, und im Werk Spartanburg entsteht ein Gesundheitszentrum für Beschäftigte und ihre Familien, inklusive Augenarzt und Zahnarzt. In Indien können Mitarbeiter ihre gesamte Familie und einen Elternteil über BMW krankenversichern.
Ein Schwerpunkt an den deutschen Standorten ist die Kinderbetreuung. In München, Dingolfing und Regensburg gibt es 140 Kita-Plätze mit Öffnungszeiten, die an die Arbeitszeiten der Mitarbeiter angepasst sind. Um ältere Beschäftigte lange im Job zu halten, wurde in Dingolfing ein Pilotprojekt für „altersgerechtes Arbeiten“ umgesetzt. Arbeitsplätze werden so gestaltet, dass es einen Belastungswechsel zwischen Gehen, Stehen und Sitzen gibt. Physiotherapeuten betreuen die Arbeitnehmer. Das Konzept soll auf andere Standorte übertragen werden.
Für die Experten von Sustainalytics ist wichtig, dass BMW mit seinem Engagement am eigenen Werkstor nicht haltmacht. Auch für die Zulieferer seien relativ „strenge soziale Standards“ festgelegt worden. Die Konventionen der internationalen Arbeitsorganisation (ILO) bilden die Basis. Bei jeder Auftragsvergabe muss der Lieferant eine Selbstauskunft über Einhaltung der Normen abgeben. Prüfungen an Ort und Stelle sind vom nächsten Jahr an vorgesehen.
Punktabzüge gab es jedoch in der Kategorie Unternehmensführung. Sustainalytics hebt zwar hervor, dass der Konzern 2009 ein Sustainability Board eingerichtet hat. Der gesamte Vorstand gehört ihm an. Das soll sicherstellen, dass Nachhaltigkeit „an höchster Stelle“ verankert ist. Aber für den DWS-Nachhaltigkeitsexperten Gunnar Friede hapert es an einer Stelle, nämlich bei der Verknüpfung des Erreichens der Nachhaltigkeitsziele mit der Vergütung des Vorstands. Die Formulierungen dafür seien noch ausbaufähig im Vergleich zu anderen Unternehmen, die sich Nachhaltigkeit ebenso auf die Fahnen geschrieben haben.
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