Brüssel. Im Zweifel mit gesetzlichen Initiativen und Strafen will die EU-Kommission berufstätigen Frauen zum gleichen Lohn verhelfen wie ihren männlichen Kollegen. Denn mit "Betroffenheit" muss die zuständige Kommissarin Viviane Reding feststellen, "dass sich die geschlechtsspezifische Lohndifferenz in den vergangenen 15 Jahren kaum verringert hat und in einigen Ländern sogar zunimmt."
Im Durchschnitt der Union verdienen weibliche Arbeitskräfte mit 18 Prozent fast ein Fünftel weniger als Männer. In Deutschland sieht es besonders mau aus: Unter den 27 Mitgliedstaaten weist die Bundesrepublik die fünftgrößten, geschlechtsbedingten Einkommensunterschiede aus. Und obwohl über das Problem in der EU seit mehr als 15 Jahren geredet wird, hat sich kaum etwas geändert. Deshalb will Redingig noch 2010 eine "neue EU-Strategie zur Gleichbehandlung von Männern und Frauen" vorlegen. Die aktuelle Krise dürfe kein Grund sein, nicht gegen die Ungleichheit bei Einkommen vorzugehen. Die EU-Bevölkerung weiß sie dabei hinter sich. Einer Euro-Barometer-Umfrage zufolge begrüßen vier von fünf Europäern sofortige Schritte gegen die Differenzen.
Der prozentuale Unterschied im durchschnittlichen Bruttostundenverdienst von Männern und Frauen wird inzwischen auch hierzulande Gender Pay Gap genannt. Mit 23,2 Prozent lag die Differenz auch im Jahr 2008 deutlich über dem Durchschnitt der Europäischen Union (18 Prozent).
Laut Statistischem Bundesamt wiesen von den 27 Ländern der EU lediglich Estland (30,3 Prozent ), die Tschechische Republik (26,2), Österreich (25,5) und die Niederlande (23,6) einen höheren geschlechtsspezifischen Verdienstabstand auf.
Die geringsten Unterschiede wurden in Italien (4,9 Prozent ) festgestellt. Auch Slowenien (8,5), Rumänien, Belgien (jeweils 9), Malta und Portugal (jeweils 9,2) verzeichneten einen moderaten Gender Pay Gap. (fr)
Es gibt eine Reihe von teils miteinander verbundenen Ursachen für die Einkommensunterschiede. Erstens gilt die Arbeit von Frauen häufig immer noch weniger als die von Männern. In Reinigungskolonnen werden weibliche Beschäftigte gelegentlich als Putzfrauen geführt, während ihre männlichen Kollegen Floormanager heißen und mehr verdienen.
Zweitens arbeiten Frauen oft in Berufen und Branchen, in denen niedrigere Löhne gezahlt werden. Das gilt vor allem in solchen Staaten, in denen die Frauenerwerbsquote relativ hoch ist. Drittens sind es noch immer vor allem die Mütter, die sich um die Erziehung der Kinder kümmern und deshalb verstärkt in Teilzeitjobs beschäftigt sind. Nach dem Wiedereinstieg in den Beruf müssen sie häufig einen Karriereknick und Einkommenseinbußen hinnehmen.
Schon diese Gründe zeigen, dass der von der EU erneut ausgerufene Kampf für gleiche Bezahlung schwierig zu führen sein wird. Denn Brüssel dürfte ohne Hilfe der Mitgliedstaaten sowie der Arbeitnehmer und Arbeitgeberorganisationen auf verlorenem Posten stehen.
Die Festlegung konkreter Schritte verschiebt die Kommissarin denn auch auf ihre für Herbst angekündigte Strategie. Fest steht bislang nur: Sie will prüfen, inwieweit die Berichterstattung über Lohndifferenzen aufgrund des Geschlechts und eine strengere Verpflichtung zu geschlechtsneutralen Stellenbeschreibungen helfen kann. Zudem will sie untersuchen lassen, welche Wirkung Sanktionen gegen Unternehmer haben, die gegen "das Gebot des gleichen Entgelts für Männer und Frauen" verstoßen. Gesamtwirtschaftlich, so Reding, hat der Abbau der geschlechtsspezifischen Lohn- und Gehaltsunterschiede nur Vorteile. Einer Ende 2009 unter schwedischer Ratspräsidentschaft angefertigten Studie zufolge könne er "eventuell" zu einem Anstieg der Wirtschaftsleistung um 15 bis 45 Prozent beitragen.
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