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Tarifverhandlungen: Ein bisschen Lohn mehr

In der Versicherungsbranche haben Gewerkschaften und Arbeitgeber diesmal besonders heftig über Lohnzuschläge gestritten. Tarifabschluss für Versicherungsbranche verliert bei genauerem Betrachten seinen Glanz

        

Gekämpft und doch nicht viel erreicht:  Beschäftigte der Versicherungswirtschaft.
Gekämpft und doch nicht viel erreicht: Beschäftigte der Versicherungswirtschaft.
Foto: dpa

Nach einer bundesweiten Streikwelle ist jetzt ein Abschluss gelungen: „Die Kolleginnen und Kollegen bekommen in der Laufzeit des neuen Tarifvertrags insgesamt 5,2 Prozent mehr Geld“, jubelt die Gewerkschaft Verdi. Das klingt nach einem ordentlichen Ergebnis. Bei genauer Betrachtung entpuppt sich der Abschluss allerdings als eher bescheiden – und liegt damit voll im Trend.

Die 175000 Versicherungsangestellten im Innendienst bekommen im August eine Einmalzahlung von 350 Euro. Von September an erhalten sie dann drei Prozent mehr Geld. Im Oktober nächsten Jahres steigen die Gehälter noch mal um 2,2 Prozent. Drei plus 2,2 ergeben die von Verdi genannten 5,2 Prozent.

Wenn man den Abschluss aufs Kalenderjahr umrechnet, verliert er allerdings an Glanz. Der Arbeitgeberverband der Versicherungsunternehmen (AGV) hat dies getan und ist zu folgendem Ergebnis gekommen: In diesem Jahr steigen die Personalkosten – und damit die Bruttolöhne – im Vorjahresvergleich um 2,5 Prozent. Denn die Lohnerhöhung gibt es nun mal erst im Herbst. Damit bekommen die Beschäftigten real etwa so viel wie im vorigen Jahr. Denn die Verbraucherpreise werden etwa gleich stark steigen: nach bisherigen Prognosen um 2,3 bis 2,5 Prozent.

Mögliche Reallohnverluste

Fürs nächste Jahr bedeutet der Tarifabschluss einen Gehaltszuwachs von 1,7 Prozent, so der AGV. Das könnte auf Reallohnverluste hinauslaufen, denn die meisten Forschungsinstitute gehen derzeit von einer höheren Inflationsrate aus. Gemessen an der ursprünglichen Gewerkschafts-Forderung von sechs Prozent mehr Geld ist der Abschluss jedenfalls bescheiden.

Verdi widerspricht den AGV-Berechnungen nicht – und ist trotzdem „außerordentlich zufrieden“ mit dem Ergebnis. Warum? Weil die Arbeitgeber zunächst sogar Abstriche verlangt hatten. Sie wollten zum Beispiel neues, unqualifiziertes Personal niedriger entlohnen und die Regeln für befristete Jobs lockern. „Diese Grausamkeiten sind vom Tisch“, betont eine Verdi-Sprecherin. Die Forderungen der Unternehmen waren ein Grund dafür, dass sich die Tarifverhandlungen diesmal länger als üblich hinzogen. Auch Streiks mit mehreren tausend Teilnehmern sind für die Branche ungewöhnlich.

In anderen Branchen haben die Gewerkschaften in diesem Jahr trotz kräftigen Wirtschaftswachstums ebenfalls nur mäßige Zuschläge durchgesetzt. So steigen die Tarifgehälter am Bau im Vorjahresvergleich um 2,6 Prozent und im öffentlichen Dienst um 2,3 Prozent. Selbst beim erfolgreichen VW-Konzern beträgt das Plus nur 2,8 Prozent.

Im nächsten Jahr dürften die Gewerkschaften mehr durchsetzen, vermuten Volkswirte. Sie haben vor allem die IG Metall im Blick, die im Herbst für die Stahlarbeiter verhandelt und im Frühjahr für die Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie. Auch die IG Metall selbst macht Arbeitnehmern – etwas verschwurbelt – Hoffnung: „Wir haben keine Sorgen, dass wir in den nächsten Tarifverhandlungen nicht ein ordentliches Ergebnis erzielen“, sagt ein Sprecher des IG-Metall-Bezirks Nordrhein-Westfalen, wo zuletzt ein Pilotabschluss gelang.

Autor:  Eva Roth
Datum:  23 | 7 | 2011
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