Berlin. Berlin. Junge Leute drohen die großen Verlierer der Krise zu werden. Nach Bundesregierung und Gewerkschaften schlägt nun die deutsche Wirtschaft Alarm für den Ausbildungsmarkt. Im laufenden Lehrstellenjahr seien bei ihren Mitgliedern bis Ende Mai 168.552 Verträge abgeschlossen worden, berichten Deutscher Industrie- und Handelskammertag (DIHK) sowie der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH). Das sind fast sieben Prozent weniger als zwölf Monate zuvor.
Dramatisch fällt das Minus in den neuen Ländern mit einem Rückgang von über zehn Prozent aus. Im Westen haben sechs Prozent weniger Jugendliche eine Lehrstelle sicher als ein Jahr zuvor.
"Die Wirtschaftskrise erfasst auch den Ausbildungsmarkt", konstatieren DIHK und ZDH. "Für 2009 ist mit einem Rückgang bei den angebotenen Ausbildungsplätzen zu rechnen", lautet ihre Prognose. Damit setzt sich die Wirtschaft nicht nur dem Vorwurf aus, in der Krise die langfristig notwendige Qualifizierung zu vernachlässigen. Sie steuert auch auf einen Konflikt mit der Bundesregierung zu.
Der zuständige Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) hat in einem Interview der Frankfurter Rundschau erklärt: "Es ist unmoralisch, Jugendlichen keinen Ausbildungsplatz anzubieten, nur weil sie das Pech haben, im falschen Jahr mit der Schule fertig zu werden." Und es sei auch unvernünftig, weil die Unternehmen gleichzeitig über einen Mangel an Fachkräften klagten.
Scholz betonte, er werde den Verweis auf abnehmende Schülerzahlen nicht als Ausrede akzeptieren. "Ich kann die Wirtschaft nur warnen", sagte Scholz der FR im Mai. " Auf solche Spielchen lasse ich mich nicht ein. Wir brauchen wie in den Vorjahren 600.000 Ausbildungsplätze. Darunter darf es nicht gehen."
An diese Vorgabe hält sich die Wirtschaft freilich nicht. Ungeachtet der Mahnung von Scholz verweist sie auf die Entlastung durch die demographische Entwicklung. "Im Jahr 2009 wird sich die Zahl der Bewerber um mindestens fünf Prozent reduzieren. Daher müssen die Chancen der Jugendlichen auf einen Ausbildungsplatz nicht schlechter sein als in der Vergangenheit", heißt es in der Stellungnahme von DIHK und ZDH.
Allerdings sehen auch die Verbände die Notwendigkeit für eine "Kraftanstrengung", zu der sie mit einem "Aktionsplan" beitragen wollen. So sollen die Kammern Lehrlinge aus insolventen Betrieben in andere Unternehmen vermitteln und bei der Nachbesetzung von Ausbildungsplätzen helfen, die Jugendliche nicht angetreten haben. Zudem soll Betrieben in Kurzarbeit bei der Ausbildung geholfen werden.
Auch die Bundesagentur für Arbeit weist in ihren Analysen auf die drohende Krise bei den Lehrstellen hin. Nach ihren Angaben sind zwischen Oktober und Mai insgesamt 371 700 Ausbildungsangebote gemeldet worden, 31 000 weniger als im Vorjahreszeitraum. Das Bundesinstitut für Berufsbildung hat auf der Basis von Umfragen eine Abnahme der Ausbildungsverträge um acht Prozent auf 556 000 vorhergesagt.
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