Hohe Lohnabschlüsse sind das "beste Konjunktur-Programm". Mit diesem Motto geht die Gewerkschaft Verdi in die Tarifrunde des Groß- und Einzelhandels. Mehrere hundert Betriebsräte aus diesen Branchen trafen sich gestern in Stuttgart zu einer Konferenz um über ihre Taktik und ihre Forderungen zu diskutieren.
Auf der anschließenden Kundgebung kritisierte Verdi-Vize Margret Mönig-Raane die Arbeitgeber, die zum Teil gedroht hätten, bei weiter steigenden Personalkosten etliche Stellen abzubauen.
Die Umsatzeinbrüche hielten sich im Handel bisher in Grenzen, konterte Mönig-Raane. Zugleich steige aber die Belastung der Beschäftigten, weil immer größere Verkaufsflächen zu betreuen seien. Um die Kaufkraft zu stärken, ergänzte Verdi-Verhandlungsführer Werner Wild, werde die Gewerkschaft einen tariflichen Mindestlohn von 1550 Euro verlangen.
Die Tarifverhandlungen für die rund 2,7 Millionen Beschäftigten im Einzel- und die 1,2 Millionen des Großhandels beginnen in der kommenden Woche. 6,5 Prozent, mindestens aber 145 Euro mehr Lohn, verlangt Verdi im Schnitt. Wild begründet diese Forderung auch mit dem "erheblichen Nachholbedarf der Arbeitnehmer, die in den vergangenen Jahren reale Einkommensverluste hinnehmen mussten."
Erstmals verhandelt die Gewerkschaft für Einzel- und Großhandel gemeinsam. Bei den Grossisten macht die störanfällige Logistik punktuelle Arbeitskampf-Aktionen erfolgversprechender.
Im Einzelhandel soll dem Einsatz von Leiharbeitern als Streikbrecher entgegengewirkt werden. Spontane Blitzversammlungen per SMS organisiert, könnten einzelne Supermärkte lahmlegen.
Der Einzelhandel ist geprägt durch das Vordringen der Discounter, die über Rabattschlachten um Marktanteile kämpfen. Laut Verdi führt dies zu verschärften Arbeitsbedingungen.
Die Forderungen von Verdi zeigten, dass die Gewerkschaft sich mit der Krise und deren Folgen für die Beschäftigung im Handel nicht auseinandergesetzt habe, kritisierten die Arbeitgeberverbände. So müssten die Unternehmen erstmals in der Branche zum Mittel der Kurzarbeit greifen, um Entlassungen zu vermeiden.
Der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) will am kommenden Montag neue Konjunkturumfragen und zugleich seine Position im Tarifstreit veröffentlichen. Dabei dürfte sich die Lobby bemühen, die Zukunft nicht zu positiv, aber auch nicht zu negativ erscheinen zu lassen. Vor kurzem noch hatte HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth die Voraussetzungen für den Einzelhandel als "nicht schlecht" bezeichnet: Die verfügbaren Einkommen könnten 2009 zulegen - angesichts steigender Löhne und jetzt wirkender Entlastungen durch das Konjunkturpaket II. "Das wird sich auch in den Kassen des Einzelhandels bemerkbar machen", so Genth. Die Verbraucherpreise steigen derzeit kaum noch. Im vergangenen Jahr erhöhte der Einzelhandel seinen Umsatz um 1,1 Prozent auf 400 Milliarden Euro, preisbereinigt war es aber minus ein Prozent.
Die vorige Tarifrunde ging im Juli 2008 nach langwierigen Verhandlungen mit einer Lohnerhöhung um drei Prozent zu Ende.
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