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Emissionszertifikate: Stromriesen hilft der Preisverfall

Der Emissionshandel will umweltpolitische Ziele mit Hilfe von marktwirtschaftlichen Instrumenten erreichen. Doch der Preis für die CO2-Zertifikate ist dramatisch gesunken. Von Sebastian Gehrmann

Während Eon, RWE und andere Stromriesen 2008 Zertifikate im Wert von mehreren Milliarden Euro nachkaufen mussten, profitieren sie nun von dem Preisverfall.
Während Eon, RWE und andere Stromriesen 2008 Zertifikate im Wert von mehreren Milliarden Euro nachkaufen mussten, profitieren sie nun von dem Preisverfall.
Foto: dpa

Ist das die grüne Rezession? Weniger Kapital, sagt der Optimist, ist gleich weniger Wachstum, gleich weniger Produktion und damit auch weniger Umweltbelastung. Die Krise als Klimaretter? Nein, sagt der Pessimist.

Während Unternehmen im Sommer an der European Energy Exchange (EEX) für jede ungenehmigt ausgestoßene Tonne CO2 noch knapp 30 Euro zahlen mussten, lag am Mittwoch der Referenzpreis für Emissionszertifikate (Carbix) an der Leipziger Energiebörse gerade noch bei 12,21 Euro. Das, sagt der Pessimist, ist keine gute Nachricht.

Der Carbix ist ein Spotmarktpreis, der Angebot und Nachfrage an Emissionsrechten tagtäglich durch den Handel mit ihnen abbildet. Verkäufer sind Unternehmen, die weniger als die von ihrer Regierung erlaubten und kostenlos zugeteilten Zertifikate benötigen. Gekauft werden sie etwa von großen Stromanbietern, die zusätzliche Zertifikate benötigen, weil ihr CO2-Ausstoß festgesetzte Grenzen übersteigt,

Hinter diesem Handel steckt die Idee, umweltpolitische Ziele, in diesem Fall die des Kyoto-Protokolls, mit Hilfe von marktwirtschaftlichen Instrumenten zu erreichen. Solange der Carbix bei mindestens 20, besser aber 30 Euro liegt, funktioniert der Mechanismus. Unternehmen, die auf klimafreundliche Produktion setzen und in moderne Anlagen investieren, werden belohnt. Wer zu viel CO2 produziert, wird belastet. Davon soll nicht nur die Umwelt profitieren, sondern auch der deutsche Staat.

Der verdiente an dem Emissionshandel im vergangenen Jahr 933 Millionen Euro. Durch den Preisverfall könnten 2009 über 500 Millionen Euro in den Kassen fehlen, sagt ein Branchenkenner: "Die Drosselung der Produktion setzt Zertifikatsressourcen frei, ebenso werden sie von Unternehmen abgestoßen, um kurzfristig an frisches Kapital zu kommen."

Der Markt wird überflutet, der Preis sinkt, wie auch die Umweltbelastungen, aber das ist nur ein temporärer Effekt. Denn Unternehmen werden jetzt aus Kostengründen weniger in klimaschonende Anlagen investieren.

Viele Projekte, gerade internationale, wie Solarfelder oder Windparks, die in zwei, drei Jahren dringend benötigt werden, liegen nun auf Eis, weil ihnen die Renditeperspektive fehlt. Das, heißt es, "ist eine gefährliche Entwicklung".

Auch der ökologisch wichtige "Fuel Switch" von Kohle zu Erdgas lohnt für die Wirtschaft erst, wenn der Carbix über 25 Euro liegt. Erst dann wird das nur halb soviel CO2 entwickelnde, aber im Vergleich zur Kohle teurere Gas attraktiv.

Kurzfristig könnten die Preise an der EEX sogar weiter fallen - wie im Februar auf unter acht Euro. Langfristig fürchten Experten einen Schweinezyklus im Emissionshandel. Das System, sagt WWF-Sprecherin Mandy Schoßig, "zeigt erneut seine Schwächen. Dies wäre nicht der Fall bei einer Versteigerung."

Wirklich schwankungsunabhängig wäre aber nur eine feste Steuer, die in der EU allerdings schwer durchsetzbar wäre. Eine solche würde zudem die nicht enden wollende Debatte um die Zuteilungspraxis obsolet machen.

Bereits in der ersten Phase zwischen 2005 und 2008 waren CO2-Zertifikate zwischenzeitlich nur Centbeträge wert, weil sie Regierungen auf Druck der Industrielobby verschenkt hatten.

Damals profitierten vor allem die großen Energieversorger. Durch den Handel, etwa an der EEX, bekamen die jährlich 482 Millionen allein in Deutschland verteilten Papiere einen Marktpreis, in der Kalkulation der Stromkonzerne wurde daraus ein Kostenfaktor und der Strom teurer.

Seit 2008 werden zwar 21 Millionen Zertifikate weniger ausgegeben, zehn Prozent davon sogar versteigert, doch die aktuelle Krise entlastet erneut die Energieriesen. Während Eon, RWE und andere 2008 Zertifikate im Wert von mehreren Milliarden Euro nachkaufen mussten, profitieren sie nun von dem Preisverfall.

Der WWF fordert deshalb, sämtliche Zertifikate nicht erst ab 2012 zu versteigern. "Da jetzt günstige Zertifikate im großen Stil zugekauft werden können", fürchtet Schoßig, "könnten diese von 2010 an für eine erhöhte Stromproduktion mit klimaschädlicher Kohle verwendet werden." Die Klimaziele ließen sich so nicht erreichen.

Autor:  SEBASTIAN GEHRMANN
Datum:  19 | 3 | 2009
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