Gekündigt wegen eines Pfandbons im Wert von 1,30 Euro: Das Bundesarbeitsgericht erkennt in dem Fall eine grundsätzliche Bedeutung - und erlaubt die nächste Instanz. Harry Nutt zeichnet ein Bild von Barbara E.
Emmely alias Barbara E.
Foto: ddp
Emmely alias Barbara E.
Foto: ddp
Die Anzahl ihrer Fürsprecher war riesig. Franz Müntefering gehörte dazu, Frank-Walter Steinmeier und Wolfgang Thierse ebenfalls. Letzterer nannte das Urteil, das das Landgericht Berlin im Februar über den Fall von Barbara E. gesprochen hat, barbarisch und asozial.
Da kannten sie alle bereits als Emmely - die Kassiererin, der nach 31 Dienstjahren wegen der Einlösung von Pfandbons in Höhe von 1,30 Euro gekündigt worden war. Ein Fall für das gestörte Gerechtigkeitsempfinden der Republik.
Eine Geschichte über die Kleinen, die man hängt. "Pleite-Banker dürfen ungestraft Milliarden verbrennen, aber
" schrieb die Bild-Zeitung. In zahlreichen Talk-Shows, bei Kerner, Anne Will und anderswo, beteuerte Barbara E. ihre Unschuld. "Was ich dreißig Jahre in meiner Arbeit aufgebaut habe, ist total weg", sagte Barbara E. "Mein Beruf und Gesicht ist weg."
Das war nicht falsch, obwohl ihr Gesicht paradoxerweise öfter zu sehen war als je zuvor. Eine, die nicht aufgibt. Binnen kurzem wurde Barbara E. berühmt, doch auch der Name der heute 51-Jährigen kam irgendwie abhanden. Zum Teil aus Selbstschutz, und wohl auch der Einfachheit halber.
Kaufkraft - wo in Deutschland das Geld wohnt
Bildergalerie ( 37 Bilder )
Kaufkraft - wo in Deutschland das Geld wohnt
Der Landkreis Ludwigsburg (hier das Residenzschloss) steht mit 22.367 Euro pro Kopf pro Jahr auf Platz 20.
Foto: dpa
In Böblingen sitzen große Unternehmen wie der Autohersteller Smart. Der Kreis belegt Platz 19 (22.395 Euro).
Foto: dpa
Der Frankfurter Flughafen liegt zum Teil im Landkreis Offenbach. Der wird
auf Platz 18 (22.408 Euro) eingestuft. Die Stadt Offenbach gehört nicht zum Landkreis.
Foto: dpa
In Herzogenaurach im Kreis Erlangen-Höchstadt (Platz 17: 22.640 Euro) sitzen außer dem Automobilzulieferer Schaeffler auch die Sportartikel-Hersteller Adidas und Puma.
Foto: ddp
Der Kreis Harburg, Wohnort von Musikproduzent Dieter Bohlen, rangiert auf Platz 16 (22.665 Euro).
Foto: dpa
Düsseldorf, die Hauptstadt Nordrhein-Westfalens, erreicht Platz 15 (22.800 Euro).
Foto: dpa
Auf Platz 14 (22.848 Euro): der idyllische Landkreis Miesbach in Oberbayern.
Foto: dpa
Der Kreis Mainz-Bingen (hier der Rhein bei Bingen mit Niedrigwasserstand im Sommer 2006) bringt es auf Platz 13 (22.914 Euro).
Foto: dpa
Bergisch-Gladbach, Geburtsort von Heidi Klum, liegt im Rheinisch-Bergischen Kreis, Platz 12 (23.043 Euro).
Foto: dpa
Platz 11 (23.055 Euro): Die bekannte Kur- und Festspielstadt Baden-Baden verfehlt knapp die Top Ten.
Foto: dpa
Die beginnen mit dem Kreis Dachau, nördlich von München, auf Platz 10 (23.110 Euro).
Foto: dpa
Die Stadt Erlangen ist Sitz von Siemens und belegt Platz 9 (23.190 Euro).
Foto: dpa
Der Kreis Stormarn nahe Hamburg belegt mit einer Kaufkraft von 23.191 Euro pro Kopf Platz 8.
Foto: Gemeinde
Der von Landwirtschaft geprägte Kreis Fürstenfeldbruck belegt Platz 7 (23.831 Euro).
Foto: dpa
Östlich von München liegt der Kreis Ebersberg, Platz 6 (25.032 Euro) auf unserer Liste.
Foto: dpa
Der Main-Taunus-Kreis im Ballungsraum Rhein-Main liegt auf Platz 5 (25.699 Euro).
Foto: Schick
Die traditionsreiche bayrische Landeshauptstadt München beherbergt unzählige internationale Unternehmen (Brauereien, McDonald's Deutschland, Sony Deutschland) und belegt damit Platz 4 (25.704 Euro), ...
Foto: dpa
...dicht gefolgt vom direkten Umland, dem Landkreis München (hier die ProSiebenSat1-Zentrale in Unterföhring) auf Platz 3 (26.378 Euro).
Foto: dpa
Die international berühmte Kurstadt Bad Homburg im Hochtaunuskreis beherbergt unter anderem das Dax30-Unternehmen Fresenius. Der Kreis belegt Platz 2 mit 28.324 Euro pro Kopf (fast 150% des deutschen Durchschnitts)
Foto: dpa
Platz 1: Der traditionsreiche Kreis Starnberg (Bild: Kloster Andechs) in Bayern führt die Liste an. Die Kaufkraft beträgt rekordverdächtige 28.716 Euro pro Kopf.
Foto: dpa
Das andere Ende der Statistik beginnen wir von oben: Der dünn besiedelte Niederschlesische Oberlausitzkreis in Sachsen belegt Platz 420 (14.400 Euro).
Foto: ddp
Platz 421 (14.390 Euro): Angela Merkel hat lange Zeit in Templin im Kreis Uckermark gelebt.
Foto: ddp
Der Landkreis Güstrow in Mecklenburg-Vorpommern liegt mit 14.346 Euro pro Kopf auf Platz 422.
Foto: dpa
Der Kreis Annaberg (Platz 423: 14.286 Euro) im Erzgebirge war früher ein Silberbergbaugebiet.
Foto: ddp
Der Kyffhäuserkreis (Bild: Kyffhäuserdenkmal) ist unter den letzten 10 der Liste - alle in den neuen Bundesländern. Platz 424 (14.270 Euro).
Foto: dpa
Die zum größten Teil denkmalgeschützte Stadt Görlitz belegt Platz 425 (14.151 Euro).
Foto: ddp
Die Ferieninsel Usedom gehört teilweise zum Kreis Ostvorpommern, der Platz 426 (14.011 Euro) einnimmt.
Foto: dpa
Der Kreis Löbau-Zittau kämpft mit Infrastrukturproblemen und belegt unter anderem deshalb Platz 427 (13.973 Euro).
Foto: ddp
Der Kreis Demmin um die alte Hansestadt Demmin bleibt vorletzter: Platz 428 (13.841 Euro). (Bild: Schloss Basedow)
Foto: dpa
Der landwirtschaftliche Kreis Uecker-Randow nahe der Grenze zu Polen hat die niedrigste Kaufkraft in Deutschland: mit 13.563 Euro pro Kopf liegt er auf Platz 429.
Foto: dpa
Die Börsenmetropole Frankfurt am Main belegt den 39ten Platz (21.289 Euro).
Foto: Boeckheler
Die Hansestadt Hamburg (Platz 48: 20.993 Euro) kann auf eine lange Handelsgeschichte zurückblicken.
Foto: dpa
Der Bodenseekreis erreicht vor allem durch Tourismus Platz 61 (20.635 Euro).
Foto: ddp
Eine andere Hansestadt, Bremen, liegt weit abgeschlagen auf Platz 205 (18.517 Euro).
Foto: ddp
Der "reichste" Kreis in den neuen Bundesländern, Potsdam-Mittelmark, liegt mit 18.270 Euro pro Kopf pro Jahr auf Platz 225 und trotzdem noch knapp unter dem Bundesdurchschnitt.
Foto: dpa
Die Bundeshauptstadt Berlin (Platz 296: 17.381 Euro) hat trotz ihrer vielen internationalen Firmen und vielen Arbeitsplätzen eine geringe Kaufkraft.
Foto: ddp
An manchen Orten können die Deutschen rein rechnerisch mit 28.716 Euro pro Kopf und Jahr machen, was sie wollen. Anderswo sind es nur 13.563 Euro. Der Durchschnitt liegt bei 18.957 Euro. Wo stehen Sie? Wir zeigen die reichsten und die ärmsten Gebiete. (Quelle: MB-Research).
Foto:
Bilderberg
Fotostrecken Wirtschaft
Fotostrecken Wirtschaft
Fotostrecken Wirtschaft
Wirtschaft
Wirtschaft
Fotostrecken Wirtschaft
Aus Barbara E. wurde Emmely, die 1,30-Frau. Solidaritätskomitees gingen für sie auf die Straße, und die öffentliche Meinung haderte mit dem Arbeitsrecht. Wie kann es sein, dass 30 Jahre gegen 1,30 Euro aufgewogen werden?
Das konnte so sein, weil das Arbeitsrecht den Begriff der außerordentlichen Verdachtsklage kennt. Nach einer komplexen Erwägung des Falls hatte das Landgericht Berlin befunden, dass der Vertrauensverlust zwischen Arbeitgeber Kaisers Tengelmann und Barbara E. irreparabel sei. 1,30 hin oder her. Verschwörungstheorien schlossen sich an. Barbara E. sei gekündigt worden, weil sie eine Kämpfernatur sei, die stets für ihre Arbeitnehmerrechte eingetreten ist.
So hat sie es wohl auch gelernt. In der DDR war sie zur Fachverkäuferin für Waren des täglichen Bedarfs ausgebildet worden. Der Arbeitsvertrag mit Kaisers Tengelmann war ihr einziger, abgeschlossen noch zu realsozialistischen Zeiten.
Barbara E, die als alleinerziehende Mutter drei Töchter großgezogen hat und heute von Hartz IV lebt, will einfach nur zurück in ihren Job. Doch genau das dürfte aufgrund ihrer Geschichte als Emmely schwierig werden. Inzwischen erwägt sogar die Berliner Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen Falschaussage im Arbeitsgerichtsprozess.