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05. Oktober 2011

Endlagerung: Mehr Atommüll für Gorleben

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Doch kein harmloses Bergwerk - im Salzstock Gorleben könnte mehr Atommüll eingelagert werden als bisher bekannt.  Foto: dpa

Das Volumen des strahlenden Abfalls, der in Gorleben eingelagert werden soll, ist viel höher als bisher bekannt. Die Grünen kritisieren die mangelnde Transparenz der Bundesregierung bei der Überprüfung der Eignung als Endlager.

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Frankfurt –  

Der Salzstock in Gorleben in Niedersachsen ist als mögliches Endlager für stark strahlenden und heißen Atommüll bekannt. Dort sollen abgebrannte Brennelemente sowie Reststoffe aus der Wiederaufarbeitung (WAA) in La Hague (Frankreich) und Sellafield (Großbritannien) untergebracht werden. Nun räumt die Bundesregierung ein, dass Gorleben gegebenenfalls auch große Mengen anderer Atomabfälle aufnehmen müsste. Das Gesamtvolumen des Nuklearmülls könnte dadurch auf mehr als das Vierfache steigen.

Das Bundesumweltministerium beziffert die Zusatzmengen an „vernachlässigbar wärmeentwickelnden radioaktiven Abfällen“ in einer Antwort auf eine Grünen-Anfrage auf 44.800 respektive 105.500 Kubikmeter. Der Löwenanteil ist dabei so genanntes abgereichertes Uran, das in der Kernkraft-Industrie bei der Anreicherung des Uranbrennstoffs zwecks Brennelement-Herstellung anfällt. Hinzu kommen Abfälle, die in den vergangenen Jahrzehnten in Forschungsreaktoren wie dem Hochtemperaturreaktor in Hamm-Uentrop und den früheren Kernforschungszentren in Karlsruhe und Jülich angefallen sind.

Die Müllmengen-Schätzungen stammen von der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) in Köln und dem Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) in Salzgitter. Die GRS lieferte die niedrigere Zahl, das BfS die höhere. Die Menge des „heißen“ Atommülls, der in Gorleben oder an einem anderen Standort untergebracht werden muss, beläuft sich demgegenüber auf 29.000 Kubikmeter. Trifft die GRS-Schätzung zu, steigt die Abfallmenge um rund 150 Prozent, nach der BFS-Bilanz sogar um rund 350.

Für den in Deutschland anfallenden Atommüll sind zwei Endlager geplant. Der schwach- und mittel-radioaktive Abfall soll ab 2019 in das frühere Eisenerz-Bergwerk Schacht Konrad bei Salzgitter kommen, der heiße Müll nach 2030 in den Salzstock Gorleben oder ein alternatives Endlager. Die zusätzlichen Abfallmengen könnten theoretisch, da sie kaum oder keine Wärme entwickeln, auch im Schacht Konrad untergebracht werden. Allerdings überschreiten ihre Radioaktivitätswerte den für Konrad festgesetzten Grenzwert. Deswegen kam Gorleben ins Spiel. Der Salzstock in Ost-Niedersachsen wird seit Oktober 2010 wieder auf die Eignung als Endlager untersucht. Damals beendete die schwarz-gelbe Bundesregierung das von Rot-Grünen anno 2000 erlassene Moratorium.

In einer „vorläufigen Sicherheitsanalyse“ wird laut dem Röttgen-Ministerium nun analysiert, ob die zusätzlichen Abfallmengen bei Eignung des Salzstocks „in Gorleben untergebracht werden können“. Weiter prüfe man, ob zumindest ein Teil des Mülls so verpackt („konditioniert“) werden kann, dass er doch nach Schacht Konrad gehen kann. Das BfS bestätigte auf Anfrage: „Es ist bekannt, dass nach der aktuell geltenden Genehmigung nicht alle zu erwartenden schwach- und mittelradioaktiven Abfälle in Konrad eingelagert werden können.“ Die genauen Mengen stünden noch nicht fest. Das BfS benötige von den Abfallverursachern verlässliche Angaben über diese noch entstehenden Abfälle. Zudem könne sich die Mengenbilanz wegen möglicher Gesetzesänderungen oder geänderter Anforderungen an die Entsorgung der leicht kontaminierten Abfälle noch verändern. Allerdings erhöht sich laut BfS das radioaktive Inventar des Endlagers durch die Zusatzmengen nur wenig. Rund 99 Prozent stammten von den abgebrannten Brennelementen und den WAA-Abfällen.

Ob die derzeit für die Untersuchung zur Verfügung stehenden Teile des Salzstocks ausreichten, um die Eignung als Endlager nachzuweisen, ist laut BfS derzeit noch offen. Das Problem: Der Bund kann den Standort bisher nicht komplett durchchecken, da Grundstückseigentümer wie Andreas Graf von Bernstorff die dafür nötigen Salzrechte nicht verkaufen wollen. Dies wäre künftig nur durch eine Enteignung möglich.

Die Grünen kritisieren das Vorgehen der Bundesregierung. „Wieder einmal fehlt es an Transparenz in Gorleben“, kommentierte ihre atompolitische Sprecherin Sylvia Kotting-Uhl. Dabei lasse sie längst prüfen, ob in dem Salzstock „mehr als die doppelte Menge Atommüll“ eingelagert werden könne. „Die Abfälle mögen nur vernachlässigbar Wärme entwickeln, eine vernachlässigbare Menge ist es keineswegs.“ Kotting-Uhl hegt zudem den Verdacht, der Bund wolle den Salzstock Gorleben, wo seit Beginn der Erkundung in den 1970er-Jahren bereits 1,6 Milliarden Euro ausgegeben wurden, in jedem Fall durchdrücken. „Wenn er sich als ungeeignet für den heißen Atommüll erweist, dann wohl wenigstens für den Rest.“

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