Die Preis- und Nahrungsmittelkrise von 2008 hat Kauf und Leasing von Land durch fremde Investoren weltweit stark beschleunigt. Allein zwischen 2000 und 2010 wechselten einer aktuellen Studie der International Land Coalition (ILC) zufolge mehr als 200 Millionen Hektar den Besitzer. Das entspricht etwa dem Sechsfachen der Fläche Deutschlands.
Die verwendeten Daten zu dem sogenannten Land-Grabbing basieren unter anderem auf dem Projekt Land Matrix, an dem neben den Universitäten Bern und Hamburg auch das staatliche französische Forschungsinstitut CIRAD und die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) beteiligt sind. Dieses Bündnis prüft derzeit die vorliegenden Daten zu den ihnen bekannten Landgeschäften. Von den 203 Millionen Hektar, von denen das Land-Matrix-Projekt ausgeht, konnten bislang 71 Millionen näher untersucht werde – mit einem überraschenden Ergebnis.
In acht Jahren sollen innerhalb der Europäischen Union zehn Prozent aller Treibstoffe aus Biomasse gewonnen werden. In Deutschland hat Bioethanol derzeit einen Anteil von etwa fünf Prozent am gesamten hiesigen Benzinmarkt. Für die Jahresproduktion seien nach Angaben der Biospritbranche im Jahr 2010/2011 in Deutschland insgesamt 1,4 Millionen Tonnen Getreide verarbeitet worden. Damit wurden drei Prozent der gesamten Getreideernte in Deutschland in Sprit verwandelt.
Hauptziel Afrika
Zwar wechselten 78 Prozent dieser Flächen den Besitzer oder Eigentümer, um dort agrarische Produkte anzubauen. Doch bei etwas mehr als der Hälfte der Flächen, sei offenbar gar kein Nahrungsmittelanbau geplant, sondern der Anbau von Pflanzen wie Palmöl, Soja oder Rohrzucker zur Erzeugung von Biosprit. Die anderen 22 Prozent der Flächen wurden aus Gründen des Bergbaus, des Tourismus oder der Waldnutzung gekauft oder geleast. Demgegenüber hatte eine frühere Erhebung der Weltbank den Anteil der Landkäufe zum Zweck der Biosprit-Produktion auf nur 21 Prozent taxiert. Diese Untersuchung betraf allerdings nur die Jahre 2008 und 2009.
Laut ILC-Report ist nach wie vor Afrika das Hauptziel von Land-Grabbing. Allein 134 der 203 Millionen Hektar sollen dort den Besitzer gewechselt haben, wovon 34 Millionen Hektar näher untersucht werden konnten. Demnach ist gerade in Afrika das Motiv Biosprit stärker ausgeprägt als in anderen Länder. Pflanzen für den Tank dominieren dort mit 66 Prozent die betroffenen Flächen, nur 15 Prozent sollen nach Angaben des ILC dem Nahrungsmittelanbau dienen.
Chinesische Investoren
Als einen der Hauptakteure auf diesem Gebiet wird in einer Liste des ökumenischen Netzwerks entwicklungspolitischer Basisgruppen, Weltläden und Kirchgemeinden Inkota China genannt. Allein im Kongo soll sich ein chinesisches Unternehmen 2,8 Millionen Hektar Land gesichert haben, um dort Palmöl für die Produktion von Biosprit anzubauen. Ein anderes Beispiel, das die ILC selbst gibt, betrifft Peru. In den dortigen Wäldern haben neun Firmen derzeit auf mindestens 53000 Hektar Ölpalmen für die Biosprit-Herstellung angepflanzt. 308000 Hektar sollen es werden.
Verschiedene internationale Organisationen wie etwa Friends of the Earth sehen die EU seit langem als einen der wesentlichen Treiber an, die aufgrund ihrer Energiepolitik das Investment von Firmen in den Energiepflanzenanbau fördern – und damit das Land-Grabbing provozieren. Nun nennt auch die ILC-Studie ausdrücklich das EU-Ziel, bis 2020 den Anteil erneuerbarer Energien im Verkehrssektor auf zehn Prozent zu erhöhen, als mitverantwortlich für die wachsende Zahl der Landnahmen.
Die Untersuchung verweist dabei auf Schätzungen der niederländischen Umweltagentur PBL, wonach für das europäische Energieziel 20 bis 30 Millionen Hektar Land requiriert werden müssten. Im Vergleich: Die deutsche Agrarfläche misst gerade 16,8 Millionen Hektar. Nach Schätzung der Niederländer müsste die EU 60 Prozent des Biosprits importieren, was die Profitabilität des Anbaus von Pflanzen für den Tank vermuten lässt.
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