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06. Juni 2014

Entwicklungsorganisation GIZ: "Dass wir nur selbstlos sind, glaubt uns niemand"

 Von Timot Szent-Ivanyi
Tanja Gröner ist seit zwei Jahren Chefin der GIZ.  Foto: imago stock&people

Tanja Gönner, Chefin der Entwicklungsorganisation GIZ, spricht über die Motive von Entwicklungshilfe, fragile Staaten und Landraub.

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Tanja Gönner empfängt zum Interview im GIZ-Haus am Berliner Reichpietschufer unweit des Potsdamer Platzes. Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) hat das Gebäude, das 1913 eine Versicherung errichtet hatte und wo unter den Nazis die Spionageabwehr saß, aufwendig saniert. Die Chefin der staatlichen Entwicklungsorganisation arbeitet normalerweise in der Zentrale in Eschborn, doch sie hat gleich einen Termin im Entwicklungsministerium – dem wichtigsten Auftraggeber der GIZ.

Frau Gönner, Sie haben ein Buch darüber geschrieben, welche Rolle Deutschland künftig in der Welt spielen soll. Gleich im Vorwort entwickeln Sie über eine Viertelseite einen Vergleich aus der Fußballwelt. Das ist ungewöhnlich für eine Autorin.
Ich bin die Tochter eines Schiedsrichters. Da war ich schon in der Babytragetasche jeden Sonntag auf dem Platz. Wenn sie so groß werden, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie hassen dieses Spiel oder sie lieben es bedingungslos. Ich habe mich für
Letzteres entschieden.

Was kann man in der Politik vom Fußball lernen?
Bevor man etwas tut, lohnt eine gründliche Analyse der Ausgangslage. Das klingt selbstverständlich, ist es aber durchaus nicht. Lernen kann man auch, dass es Sinn macht, auch einmal neue Wege zu gehen. Und ganz wichtig: Das Ziel nicht aus den Augen verlieren.

Das hat bei Ihrer Lieblingsmannschaft, dem VfB Stuttgart, zuletzt nun ja nicht ganz so geklappt.
Reden wir lieber nicht darüber. Wir haben eine ganz schwere Saison hinter uns. Aber ich setze große Hoffnungen in den neuen Trainer Armin Veh.

Sie sind seit zwei Jahren Chefin von rund 17.000 Menschen. Das ist die Größe eines Dax-Unternehmens wie zum Beispiel SAP. Was hat sich bei der GIZ durch eine weibliche Führung geändert?
Nachdem im Vorstand bisher nur Männer waren, sind dort nun zwei Frauen vertreten. Ich glaube, uns ist es gemeinsam mit den Kollegen gelungen, eine neue Kultur zu etablieren. Eine Kultur der Offenheit, des Zuhörens und des Diskurses.

Aus der GIZ war allerdings auch wenig Schmeichelhaftes über Sie zu hören. Sie pflegten einen empathiefreien Führungsstil, der Menschen nur auf Zahlen und Kosten reduziere. Wie erklären Sie sich das?
Egal, in welcher Position sie arbeiten: Sie werden es nie schaffen, alle Mitarbeiter von sich zu überzeugen. Damit muss und kann ich leben. Wer mit mir zusammenarbeitet weiß, dass ich Empathie besitze. Klar ist aber auch, dass es in einem Unternehmen um Zahlen und Kosten gehen muss. Und ich bin jemand, der viel Wert auf Professionalität legt. Das kann durchaus den Eindruck erwecken, dass ich sehr auf die Sache konzentriert bin.

Kritisch sind vor allem die klassischen Entwicklungshelfer an der Basis, die sich nach der Fusion des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED) und der früheren Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit nicht mehr in der neuen GIZ wiederfinden. Sie beklagen, die Solidarität bleibe auf der Strecke, die Entwicklungshilfe werde immer mehr zur Außenwirtschaftsförderung.
Richtig ist, dass es unterschiedliche Herangehensweisen bei den Vorgängerorganisationen gab. Ich habe durchaus Verständnis dafür, dass frühere DED-Mitarbeiter Schwierigkeiten mit der Fusion haben. Denn hier hat sich etwas verändert.

Was meinen Sie?
Die Grundidee des Entwicklungshelfers ist, mit frischen Erfahrungen aus dem Beruf befristet für einige Jahre ins Ausland zu gehen, um dort sein Wissen an der Basis weiterzugeben. Wir erleben aber, dass einzelne Entwicklungshelfer lange Jahre im Ausland sind und dort von Land zu Land ziehen. Das war so nie vorgesehen. Und zu der Kritik muss man sagen, dass die GIZ als Dienstleister der Bundesregierung neue Aufgaben bekommen hat. Aber wichtig ist mir: Die Arbeit der Entwicklungshelfer ist ein geschätzter Teil der GIZ.

Deutsches Militär in Afghanistan kümmert sich auch um den Schutz von Entwicklungshelfern.  Foto: REUTERS

Sie fordern in Ihrem Buch, Deutschland solle die Führungsrolle bei einer weltweiten Energiewende übernehmen. Ist das wirklich eine gute Idee? Wir bekommen schließlich nicht einmal unsere eigene Energiewende hin.
Zunächst einmal: Unsere Partner wünschen sich, dass Deutschland international mehr Verantwortung übernimmt. Ich kann verstehen, dass wir auf Grund unserer Geschichte hier Hemmungen haben. Aber ich erlebe den Wunsch nach einem stärkeren Engagement immer wieder auf meinen Reisen. Auf der internationalen Bühne gibt es Themen, die eindeutig Deutschland zugeschrieben werden. Dazu gehören Nachhaltigkeit und grüne Energie. Das müssen wir doch nutzen. Eine zukunftssichere Energieversorgung besteht nicht aus Großkraftwerken, sondern aus einem dezentralen Netz von Anlagen, die mit Wind, Sonne, Wasser oder Biogas betrieben werden.

Aber genau diese Transformation bereitet in Deutschland Schwierigkeiten.
Weil wir den Strom von der Küste in die Industrieregionen im Süden transportieren müssen, um die Atomkraftwerke zu ersetzen. Die Frage derartiger Stromtrassen stellt sich aber in vielen Ländern gar nicht. Es gibt genug Staaten, die nicht einmal ansatzweise über eine flächendeckende Stromversorgung verfügen. Hier macht es Sinn, von Anfang an in Richtung einer dezentralen Versorgung zu beraten und beim Aufbau zu helfen. Das kann auch unserer Wirtschaft nutzen.

Sie teilen also die umstrittene These des früheren Entwicklungsministers Dirk Niebel, dass sich Entwicklungshilfe auch für den Geber lohnen darf und sogar lohnen muss?
Bisher legitimiert sich die deutsche Entwicklungspolitik oft mit ethischen und karitativen Motiven. Für ein stärkeres internationales Engagement unseres Landes brauchen wir jedoch einen breiten gesellschaftlichen Konsens. Altruismus reicht hier nicht mehr als Begründung. Wir müssen uns also klar dazu bekennen, dass hier auch deutsche Interessen verfolgt werden. Dass wir nur selbstlos sind, glaubt uns im Ausland ohnehin niemand. Es gehört zu der vielbeschworenen Partnerschaft auf Augenhöhe dazu, ehrlich zu sein.

Zur Person

Tanja Gönner, 44, wuchs im baden-württembergischen Bingen auf. Sie studierte Jura in Tübingen. 2002 wurde sie für die CDU in den Bundestag gewählt. Von 2004 bis 2011 gehörte sie der baden-württembergischen Landesregierung an, zunächst als Sozial-, dann als Umweltministerin.

Die Juristin galt als Vertraute von Stefan Mappus und Kanzlerin Angela Merkel. Nach der Abwahl der Regierung Mappus schlug Merkel sie 2012 als Vorstandssprecherin der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit vor. tim

Welche Interessen hat Deutschland?
Dass wir mit dem Klimaschutz nicht vorankommen, wenn nicht auch die Schwellen- und Entwicklungsländer einbezogen werden, liegt auf der Hand. Als rohstoffarmes Land müssen wir zudem darauf achten, dass Deutschland weiterhin Zugang zum Beispiel zu den sogenannten Seltenen Erden hat. Wenn wir dabei helfen, dass diese Rohstoffe unter Beachtung von Umwelt- und Sozialstandards abgebaut und lokal weiterverarbeitet werden und die Gewinne nicht in die Taschen einzelner fließen, dann helfen wir unseren Partnern und uns selbst auch.

In der Bundesregierung wird die Frage einer stärkeren Verantwortung Deutschlands unterschiedlich gesehen: Verteidigungsministerin von der Leyen will mehr militärische Einsätze, Entwicklungsminister Müller ist strikt dagegen und setzt auf klassische Entwicklungshilfe.
Es ist interessant, dass bei der Diskussion um ein größeres Engagement Deutschlands immer gleich vom Militär die Rede ist. Darum geht es aber nicht. Wir müssen mit der Entwicklungszusammenarbeit verhindern, dass es überhaupt zu Konflikten kommt. Es geht zum Beispiel darum, verfeindete Ethnien an einen Tisch zu bekommen. Dabei können wir von unseren internationalen Ruf profitieren, ein ehrlicher Mittler zu sein.

Problematisch ist nur, dass wir es immer stärker mit Staaten zu tun haben, in denen die staatlichen Strukturen zusammenbrechen und Terror herrscht, zum Beispiel in Südsudan oder in der Zentralafrikanischen Republik. Hier kann niemand mehr gefahrlos arbeiten.
In Afghanistan haben wir ein eigenes Risikomanagement zum Schutz unserer Mitarbeiter aufgebaut, das sehr gut funktioniert, aber natürlich sehr aufwendig ist. Das lässt sich allerdings nur mit zusätzlichem Aufwand auf andere Staaten übertragen.

In diesen fragilen Staaten fehlen Ihnen ohnehin die Ansprechpartner, weil es keine staatliche Ordnung mehr gibt.
Das ist ein ernstes Problem. Schließlich dürfen wir als staatliche Entwicklungszusammenarbeit den Partnern nicht einfach irgendwas vorsetzen. Wir können beraten und Empfehlungen aussprechen. Entscheiden müssen jedoch die Verantwortlichen vor Ort. Gibt es die nicht, müssen wir uns auf die grundlegende Unterstützung beschränken: Ernährung, Wasser, medizinische Versorgung.

Hunger gibt es nicht nur in den zerfallenden Staaten. Ein großes Problem ist in dieser Hinsicht das sogenannte Landgrabbing, also der Kauf oder die Verpachtung riesiger landwirtschaftlicher Flächen an ausländische Investoren. Warum lassen Sie in Ihrem Buch Sympathie dafür erkennen?
Das Verpachten von ungenutztem Ackerland gehört seit Jahrhunderten zur Landwirtschaft. Problematisch ist das nur, wenn die lokale Bevölkerung vertrieben wird oder sie nichts von der Bewirtschaftung hat. Ein Negativbeispiel ist hier das Vorgehen Chinas. Die Chinesen bringen sogar die Arbeitskräfte mit nach Afrika. Es ist aber nichts dagegen einzuwenden, wenn das Ganze transparent abläuft und vor Ort für Beschäftigung sorgt. Die sehr plakativ geführte Debatte über Landraub verstellt leider den Blick dafür, dass das auch eine sehr sinnvolle Form der Kooperation sein kann.

Das dürfte Ihren Kritikern gar nicht gefallen. Ihnen wird ohnehin eine Vernachlässigung der Armutsbekämpfung vorgeworfen, weil sie die kommerzielle Sparte der GIZ ausbauen. Dabei versuchen Sie, neben der Bundesregierung auch andere Auftraggeber zu gewinnen.
Das ergänzt sich und ist kein Widerspruch. Wir qualifizieren und vermitteln beispielsweise Pflegekräfte aus Ländern, deren erklärte Strategie es ist, ihren jungen Bürgern bei der Suche nach einer vernünftigen Tätigkeit im Ausland zu helfen. Dieses Personal übernehmen die Krankenhäuer in Deutschland gerne, und sie zahlen dafür.

Aber die GIZ ist auch in Entwicklungsländern kommerziell tätig.
Die Ziele sind identisch mit denen unserer gemeinnützigen Sparte, nur die Geldgeber unterscheiden sich. Wir haben zum Beispiel im Auftrag der äthiopischen Regierung ein Projekt für den preiswerten Bau von Häusern für die ärmere Bevölkerung in den Städten betreut. Daran ist nun auch Ruanda interessiert, finanziert aus dem eigenen Staatsetat und Geldern der Weltbank. Das ist die logische Fortsetzung der staatlichen Entwicklungshilfe, nur mit anderen Mitteln.

Interview: Timot Szent-Ivanyi

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