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14. Oktober 2013

Ernährung FAO UN: Hunger-Problem schöngerechnet

 Von 
Kleinbäuerinnen in Malawi tragen Maissäcke nach Hause – Spenden des Welternährungsprogramms der UN, ohne die Millionen von Menschen nicht überleben können.  Foto: dpa

Die UN-Organisation für Ernährung senkt die Zahl der Hungernden durch verschiedene Rechenkniffe. Experten fordern eine differenziertere Darstellung.

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Nein, zum Jubeln war keinem zumute. Dafür sind die Zahlen in ihrer Wucht dann doch zu deprimierend. Aber eine Erfolgsmeldung war der jüngste Welternährungsbericht in der Interpretation der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) schon. „Hunger goes down – Der Hunger nimmt ab“, betitelte die FAO in der vergangenen Woche ihren jüngsten Report. Ihm zufolge ist die Zahl der chronisch Unterernährten zwischen 2011 und 2013 im Vergleich zur Vorperiode 2010/2012 um 26 Millionen oder drei Prozent auf 842 Millionen gesunken.

Ein weiterer Etappenerfolg, so die Botschaft, auf dem Weg ins Jahr 2015, bis zu dem die Ziele des Millenniumsprojekts der Vereinten Nationen erreicht werden sollen. Allen voran das ambitionierte Ziel, den Anteil der Hungernden weltweit zu halbieren.

Ernährungsexperten von Entwicklungsorganisationen und Forscher nordamerikanischer Universitäten bezweifeln allerdings, dass die FAO Not und Elend vollständig erfasst. Anlass der Kritik sind auch neue Methoden zur Berechnung des Hungers, mit denen die FAO seit vergangenem Jahr operiert. „Dadurch scheint der Hunger quasi wie von Geisterhand auf dem Rückzug“, sagt Roman Herre, Agrarexperte der internationalen Menschenrechtsorganisation FIAN (Food First Informations- und Aktions-Netzwerk).

Grundsätzlich legt die FAO nach Ansicht der amerikanischen Forscher unrealistisch niedrige Annahmen darüber zugrunde, wie viele Kalorien Menschen in Entwicklungsländern brauchen. Die FAO geht von einem „bewegungsarmen Lebensstil“ wie etwa bei Büroangestellten aus, was den angenommenen Energiebedarf stark reduziert und enorme Auswirkungen auf die Statistik hat. Würde stattdessen der „moderate Lebensstil“ einer Servicekraft vorausgesetzt, stiege die Zahl der Hungernden sprunghaft von 842 Millionen auf rund 1,3 Milliarden Menschen, rechnen FIAN-Experte Herre wie auch die US-Experten vor.

Kalorienbedarf reduziert

Methodik

Die FAO hat 2012 ihre Methode zur Berechnung der Hungernden revidiert. Danach gab es 1990 weit mehr unterernährte Menschen als mit der alten Methodik ermittelt. Das liegt auch an damals ungenauen Angaben zu Bevölkerungszahlen.

Die aktuellen Zahlen aber fallen im Vergleich mit der alten Berechnungsformel weit geringer aus. Dass nur noch 842 Millionen als hungernd registriert werden, fußt auch auf der Annahme eines geringeren Kalorienbedarfs. (tos)

Die FAO blende in ihren Statistiken aus, dass Menschen in Entwicklungsländern sich oft nur mit extrem anstrengenden Arbeiten über Wasser halten könnten. Als Erntehelfer auf Zuckerrohr- oder Kaffeeplantagen beispielsweise oder mühselig ackernd auf der eigenen Parzelle. Weite Wege bis zur nächsten Wasserstelle, das Sammeln von Brennholz, all das kostet Kraft. Widersprüchlich ist, dass die FAO das zwar in kleingedruckten Erläuterungen selbst so beschreibt und von „ausdauernden und anstrengenden Arbeiten“ spricht, aber den Kalorienbedarf in ihren statistischen Kalkulationen nicht entsprechend anpasst.

Problematisch sieht Herre auch, dass Menschen nach FAO-Zählweise ein ganzes Jahr am Stück hungern müssen, bevor sie als unterernährt in die Statistik eingehen. „Dadurch fallen beispielsweise jene durchs Raster, die bedingt durch extreme Wetterereignisse ihre Ernte und damit ihre Ernährungsgrundlage für mehrere Monate verlieren“, kritisiert der FIAN-Experte. Nicht erfasst werden auch Arme, die sich wegen kurzfristiger Preissprünge Grundnahrungsmittel nicht mehr leisten können. Oder Kleinbauern, die bereits vor der Ernteperiode die Vorräte des vergangenen Jahres aufgebraucht haben.

In der neuen FAO-Methodik zur Berechnung der Hungerzahlen spielt die Preisentwicklung bei Mais, Weizen und Reis jedenfalls eine weitaus geringere Rolle. Hungerrevolten, wie sie sich in den Jahren 2007/2008 wegen massiv steigender Preise in nahezu 40 Ländern ereigneten, finden damit künftig in der Statistik keinen Niederschlag mehr.

Mehr dazu

Dass die FAO angesichts des neuen Welternährungsberichtes davon spricht, „die Entwicklungsregionen als Ganzes“ hätten „signifikante Fortschritte“ auf dem Weg zur Halbierung des Anteils der chronisch Unterernährten erreicht, ist für die Kritiker nicht einmal die halbe Wahrheit. Verschwiegen wird dabei, dass 80 Prozent des Rückganges der Hungerzahlen auf das Konto von China und Vietnam gehen. In den 45 ärmsten Ländern der Welt dagegen stieg die Zahl der Menschen, die nicht satt werden, um 25 Prozent oder 50 Millionen, wie ein Blick in die Tiefen der FAO-Statistik selbst zeigt.

Die UN-Organisation sendet auch nach Ansicht der Hilfsorganisation Brot für die Welt, die gemeinsam mit FIAN am Freitag in Berlin das „Jahrbuch zum Menschenrecht auf Nahrung 2013“ präsentierte, trügerische Signale. FIAN-Experte Herre spricht sogar von einer „fantastischen Neuinterpretation der Resultate der Hungerbekämpfung“. Noch vor zwei Jahren habe die ganze Welt vom grandiosen Scheitern der Bemühungen gesprochen, den Anteil der Unterernährten bis 2015 weltweit zu halbieren. Jetzt werde rund um den Globus mit Berufung auf die FAO plötzlich davon geredet, „dass wir auf dem besten Weg sind, das Ziel doch noch zu erreichen“, sagt Herre. Ähnlich habe sich beispielsweise auch Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) geäußert.

Die Statistik der UN-Organisation gibt nach Ansicht von FIAN, Brot für die Welt und der amerikanischen Experten jedenfalls kaum eine realistische Zahl der Hungernden wieder und verleitet zu falschen Schlüssen. Die FAO, fordern die Kritiker, müsse die Ergebnisse ihrer Erhebungen zumindest differenzierter kommunizieren. Die US-Forscher etwa raten in ihrer Studie „How We Count Hunger Matters“ unter anderem dazu, die Zahl der Hungernden mit einer Bandbreite anzugeben. Im jüngsten FAO-Report müsste die dann zwischen 842 Millionen und 1,3 Milliarden liegen.

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