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Aufschwung am Arbeitsmarkt: Es gibt viel zu tun

Die deutschen Unternehmer brauchen so viele Beschäftigte wie vor der Krise. Doch nicht überall zieht die Nachfrage an. Die FR erklärt, wo neue Stellen entstehen und für wen.

Viel Arbeit
Viel Arbeit
Foto: dpa
Berlin –  

Am Arbeitsmarkt erleben die Deutschen gerade das zweite Wunder in kurzer Zeit. Erst hielten die Unternehmen mitten in der größten Wirtschaftskrise seit fast einem Jahrhundert ihre Belegschaften, so dass Massenentlassungen wie in früheren, deutlich milderen Abschwüngen fast komplett ausblieben.

Und nun −bei den ersten Zeichen der konjunkturellen Erholung − stellen die Firmen schon wieder ein. Auch damit hatte kaum jemand gerechnet. „Die Arbeitskräftenachfrage hat sich vom krisenbedingten Einbruch erholt“, meldete gestern die Bundesagentur für Arbeit (BA). Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland ist leicht gestiegen. Im Juli sind 3,192 Millionen Menschen offiziell als arbeitslos gemeldet. Das seien 39 000 mehr als im Vormonat und 271 000 weniger als im Juli 2009. Die Arbeitslosenquote habe sich damit im Vergleich zum Vormonat von 7,5 auf 7,6 Prozent erhöht. BA-Chef Frank-Jürgen Weise sagte, die Arbeitslosigkeit sei im Zuge der Sommerpause gestiegen, saisonbereinigt aber wie schon in den Vormonaten gesunken.

Konjunktur

Einen Höchststand wird das Wirtschaftswachstum erreichen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) rechnet mit einem Plus von 1,1 Prozent im zweiten Quartal 2010.
Im Euroraum sei das Spitze. Wachstumstreiber sei insbesondere die Exportwirtschaft. Die Autokonzerne produzieren wieder so viel wie vor der Krise.
Die Binnennachfrage entwickle sich trotz der günstigen Situation auf dem Arbeitsmarkt aber bisher zurückhaltend.
Vor Euphorie warnen die Experten aber. Im dritten Quartal werde die Wirtschaft wieder langsamer wachsen, so das DIW. ddp

Kann das wahr sein? Ist der historische Kollaps der Finanzmärkte und der Konjunktur spurlos an der Beschäftigung vorbeigegangen? Ganz so rosig sieht es nicht aus. Doch spricht viel dafür, dass sich der Arbeitsmarkt dauerhaft besser entwickelt als gedacht.

Zunächst zu den negativen Faktoren, den Risiken. Die Erholung ist noch sehr fragil, wie ein genauer Blick auf die Stellenangebote zeigt. Es sind nicht die Industriekonzerne, die neue Leute suchen. Jobs schaffen derzeit vor allem Branchen wie das Gesundheits- und Sozialwesen, die stark von öffentlichem Geld abhängen. „Allerdings ist zu erwarten, dass sich dieser Beschäftigungsaufbau aufgrund der angespannten Finanzlage des Staates nicht fortsetzen wird“, schreibt das Essener Institut RWI. „Zugleich werden die Industrieunternehmen wohl bestrebt sein, den vorhandenen Personalbestand effizienter zu nutzen, und deshalb kaum neue Arbeitsplätze schaffen.“

Damit beschreiben die Ökonomen die Kehrseite der erstaunlichen Stabilität in der Krise: Sie ist in erster Linie einer Arbeitszeitverkürzung in einer neuen Dimension zu verdanken. Die aber wird sich nicht halten. Rund 1,2 Millionen Beschäftigungsverhältnisse blieben nach Berechnungen des BA-eigenen Forschungsinstituts IAB erhalten, weil die Autobauer oder Chemiefacharbeiter Überstunden abbauten, Arbeitszeitkonten und vor allem die Kurzarbeit nutzten. Jetzt aber werden diese Firmen erst einmal ihre Belegschaften wieder länger arbeiten lassen, bevor sie sich neue Leute holen.

Fraglich bleibt, wie lange der Aufschwung anhält. „Wir gehen davon aus, dass die globale Dynamik in der zweiten Jahreshälfte nachlassen wird“, sagt DIW-Experte Ferdinand Fichtner. Das trifft das Exportland Deutschland und dessen Arbeitsmarkt.

Langfristig Hoffnung macht ein Faktor, der hier zu Lande große Ängste auslöst und dennoch nicht nur negativ wirkt: Das ist die Demografie. Im vergangenen Jahr standen den Unternehmen erstmals weniger Arbeitskräfte zur Verfügung. Bis dahin konnte die steigende Berufstätigkeit der Frauen sowie die Einwanderung die sinkende Zahl junger Leute noch ausgleichen. Doch damit ist es vorbei − und zwar dauerhaft.

Das IAB rechnet daher mit einem Rückgang der „Unterbeschäftigung“ von rund fünf Millionen auf unter 1,5 Millionen in 2025. Diese Kennziffer erfasst neben den Arbeitslosen auch die „stille Reserve“. Diese bilden die Menschen, die erst auf den Arbeitsmarkt drängen, wenn sie eine Chance auf einen Job sehen. Auch die Bertelsmann Stiftung rechnet damit, dass die Arbeitslosigkeit in den nächsten 15 Jahren „fortlaufend“ zurückgehen wird.

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Autor:  Markus Sievers
Datum:  28 | 7 | 2010
Seiten:  1 2 3 4 5 6
Kommentare:  2
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