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27. November 2010

EU-Krise: Ist der Euro noch zu retten?

 Von Robert von Heusinger und Anna Sleegers
Zumindest die Euro-Skulptur des Künstlers Hörl leuchtet noch.  Foto: dpa

Die Debatte über den europäischen Rettungsschirm belegt vor allem eines: Er ist gescheitert. Die Euro-Krise tobt weiter. Die Frankfurter Rundschau erklärt, wie und ob der Euro noch zu retten ist.

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Die Debatte um die Aufstockung des Euro-Rettungsschirms, die Bundesbankpräsident Axel Weber losgetreten hat, zieht Kreise. Immer mehr Volkswirte kommen zum selben Schluss: Die zugesagten Garantien über 750 Milliarden Euro sind zu gering. Klaus Zimmermann, Präsident des Deutschen Institutes für Wirtschaftsforschung, hält gar eine Verdopplung für notwendig. Doch die Debatte belegt vor allem eines: Das Rettungskonzept der Europäer ist gescheitert. Die Euro-Krise tobt schlimmer als im Mai dieses Jahres. Die Frankfurter Rundschau erklärt, wie und ob der Euro noch zu retten ist.

Warum sind die Märkte derzeit nervös?

Euro-Rettung für Irland?

Es ist vor allem die Politik, die Unsicherheit in die Märkte trägt. Die deutsche Regierung möchte, dass sich private Anleihegläubiger bei künftigen Rettungsaktionen an den Kosten beteiligen. So edel das Ansinnen ist, so verheerend wirkt es auf die großen Anleger, die das Geld fremder Leute verwalten. Seit Kanzlerin Merkel und der französische Präsident Sarkozy Mitte Oktober aus Deauville diese Forderung lancierten, kollabieren die Kurse der Anleihen von Portugal, Irland und Spanien.

Warum reichen die 750 Milliarden Euro nicht aus?

Zum einen ist der Schirm in Wirklichkeit viel kleiner. Der Fonds soll sich das Geld zu den günstigsten Konditionen am Markt besorgen, weshalb er das beste Rating braucht, das berühmte AAA. Da aber nicht alle Euro-Länder im Besitz dieser Bonität sind, fordern die Ratingagenturen eine Überdeckung. Deshalb schrumpft der Schirm auf knapp 500 Milliarden Euro. Zum anderen ist die Schirm-Idee schlecht, weil alles, was darunter zu zählen ist, die Spekulation entfacht. Wie lange reicht das Geld, reichen die Reserven? Das fragen die Spekulanten. Und meist sorgen sie mit ihrer Panik dafür, dass das Geld rasch abnimmt und es zum Crash kommt.

Wie lange reicht das Geld noch?

Wege aus der Krise

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Nach den Berechnungen der Deka-Bank sollten die bereitgestellten Mittel reichen, um neben Portugal auch Spanien zu retten – zumindest, wenn der Bankensektor des Landes nicht mehr Kapital benötigt als die 99 Milliarden Euro, die der spanische Bankenrettungsfonds bereitstellt. „Schwierig wird es allerdings, wenn dann noch ein anderes Land kippen würde“, sagt Deka-Analyst Carsten Lüdemann.

Was brächte die Verdoppelung?

„So gut wie nichts“, sagt Peter Bofinger. Der Wirtschaftsweise verurteilt im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau den Mechanismus an sich. Die Ansteckungsgefahr sei zu hoch. Der Ansatz des sich gegeneinander Ausspielens müsse gestoppt werden. Zudem drohe am Ende „auch Deutschland in den Strudel gerissen“ zu werden, warnt Bofinger. Wie sollen Frankreich und Deutschland am Ende für die Schulden aller anderen großen Länder wie Italien und Spanien geradestehen? „Das ist nicht glaubwürdig“, sagt der Professor.

Was also tun?

Deutschland muss wissen, was es will. Entweder es erkennt die Vorteile des Euro, dann braucht es den „großen Wurf“, wie Bofinger es nennt. Oder aber der Euro ist Geschichte. Was dann passiert, beschreibt der Währungsexperte wie folgt: Der alte D-Mark-Block könnte zusammen bleiben, das wären Österreich, Niederlande und Deutschland. Sie würden sich eine neue Währung geben, den Nord-Euro. Dieser würde sofort um etwa 30 Prozent gegenüber dem Rest Eurolands aufwerten. Damit wären die Wettbewerbsvorteile der deutschen Industrie dahin, die zehn Jahre der Lohnzurückhaltung hätten sich nicht gelohnt. Die Arbeitslosigkeit würde kräftig steigen. Und die Deutschen könnten Hunderte Milliarden Euro abschreiben. Das sind die Forderungen der hiesigen Institute gegenüber den Euro-Ländern, die nicht an der neuen Währungsunion teilnehmen würden.

Wie sieht der große Wurf aus?

Es ist die gemeinsame große Anleihe aller Eurostaaten, wie sie auch der Chef der Euro-Gruppe Jean-Claude Juncker fordert. „Nur mit der gemeinsamen Anleihe ist der Euro noch zu retten“, sagt Bofinger. „Dann ist Ruhe.“ Dann hätten die Investoren die Wahl zwischen einer Anleihe in Dollar und einer in Euro. „Da schaut letztere doch attraktiver aus“, glaubt der Wirtschaftsweise. Das sei rechtlich nicht trivial und erfordere einen erheblichen Umbau der EU, der in der Wirtschaftspolitik erheblich mehr Kompetenzen zuwachsen müssten. Auch, damit einzelne Mitgliedsstaaten nicht über die Stränge schlagen.

Wo liegt der Charme der gemeinsamen Euro-Anleihe?

Sie würde zum einen den zentralen Konstruktionsfehler der Währungsunion beheben und neben die gemeinsame Geldpolitik die gemeinsame Fiskalpolitik stellen. Zum anderen würde sie die Anfälligkeit der Währungsunion deutlich reduzieren. Denn zurzeit ist der Euro für jedes der 16 Euro-Länder nichts anderes als eine Fremdwährung. Und in ausländischer Währung verschuldet zu sein, ist stets heikel, wie die vielen Krisen in Entwicklungsländern gezeigt haben.

Was ist die Hauptkritik an der gemeinsamen Anleihe?

Sie setzt den nächsten Schritt voraus, die politische Union.

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