Straßburg. Im Europäischen Parlament ist die Rede von einer der größten Lobby-Schlachten, die Brüssel bisher erlebt hat. Die Nahrungsmittel-Industrie soll dafür gigantische Millionen-Beträge ausgegeben und die Abgeordneten mit unzähligen E-Mails, Briefen, Anrufen, Gefälligkeitsstudien und PR-Veranstaltungen bombardiert haben. Und das alles, um drei Farben zu verhindern: rot, gelb, grün.
Nun ist klar, dass es keine verbindliche Ampel-Kennzeichnung von Lebensmitteln in Europa geben wird. Fertigprodukte wie Kartoffelchips, Cola oder Dosen-Ravioli müssen auch künftig nicht mit farbigen Symbolen gekennzeichnet werden, die für einen hohen, mittleren oder niedrigen Gehalt an Fett, Salz, oder Zucker stehen.
Verbraucherverbande, Ärzte-Organisationen und Vertreter mehrerer Fraktionen im EU-Parlament hatten sich für die Ampel stark gemacht. Sie sind jetzt enttäuscht und sprechen von einem schweren Schlag gegen den Verbraucherschutz.
Keine Verbindlichkeiten
Neben der Industrie waren unter anderem Europas Christdemokraten gegen die Ampel. Das Parlament stimmte in erster Lesung über eine geplante Verordnung zur Lebensmittel-Kennzeichnung ab. Die wird kommen und einige Neuerungen bringen. Aber die verbindliche, EU-weite Ampel wird dabei keine Rolle spielen.
Ebenso scheiterte ein Antrag, den Mitgliedstaaten das Recht einzuräumen, die Ampel auf nationaler Ebene vorzuschreiben. Jetzt muss sich der EU-Ministerrat mit dem Thema befassen. Bis ein Kompromiss mit dem Parlament erarbeitet ist, dürften noch etliche Monate ins Land gehen. Vor Frühjahr 2011 ist nicht mit dem neuen EU-Gesetz zu rechnen.
In Großbritannien, dem Land des ungesunden Essens, gibt es die Ampel-Kennzeichnung bereits. Welche Farbe vergeben wird, ist genau definiert: Rot, also "Stopp", würde es zum Beispiel heißen, wenn 100 Gramm des Nahrungsmittels mehr als 20 Gramm Fett oder mehr als 12,5 Gramm Zucker enthalten.
Ampel würde Kauf erleichtern
Die Befürworter der Ampel sind der Auffassung, dass das System den Kauf gesunder Lebensmittel erleichtert. Außerdem ließen sich ähnliche Produkte verschiedener Hersteller besser miteinander vergleichen. Der Handlungsdruck sei groß, schließlich seien 60 Prozent der Europäer übergewichtig.
Die Gegner der Ampel entgegnen, dass das System willkürlich und wissenschaftlich nicht fundiert sei. Die CDU-Abgeordnete und Berichterstatterin im Europaparlament, Renate Sommer, sagt: "Eine zuckerfreie Cola mit Süßstoff bekäme grün und der naturtrübe Apfelsaft rot, nur weil er Fruchtzucker enthält."
Die Schlacht ist jetzt geschlagen, und die Nahrungsmittelindustrie kann zufrieden sein. Sie hat nicht nur die Ampel verhindert. Sondern sich zugleich mit ihrem Konzept durchgesetzt, künftig Nährwertangaben auf der Grundlage des durchschnittlichen Tagesbedarfs auf die vorderen Etiketten zu drucken.
Brennwert im Fokus
Auf der Rückseite können dann in einem "Nährwertkasten" weitere Angaben etwa zum Vitamingehalt stehen. Vielfach wird solch eine Kennzeichnung heute schon praktiziert.
Immerhin: Im "Hauptblickfeld der Verpackung" soll künftig auch der Brennwert des Produkts in Kilokalorien stehen, und zwar immer bezogen auf 100 Gramm oder 100 Milliliter. Das ist eine Information, die die meisten Verbraucher brennend interessiert. Allerdings gibt es bei dieser Vorschrift eine wichtige Ausnahme - für die Dickmacher Bier, Wein und Schnaps.
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