Aktuell: Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Wirtschaft
Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse, Finanz-Themen

06. Juli 2012

Euro Finanzkrise Banken: In der Banken-Falle

 Von Stephan Kaufmann
Megakredite, Leitzinssenkung - die EZB hat einige Werkzeuge zur Hand, um die Euro-Krise zu meistern.  Foto: dpa

Die Ökonomie ist eine Wissenschaft, in der sich zwei Menschen den Nobelpreis teilen können, obwohl der eine das Gegenteil vom anderen vertritt, lautet ein alter Witz der Zunft. Aktuell liegen die der Ökonomen wieder im Streit. - und sagen einander die Wahrheit.

Drucken per Mail

Es geht um die Bankenrettung in Europa. „Steuerzahler, Rentner und Sparer“ müssten künftig „für den Unfug griechischer Banken geradestehen“, wettern die einen. Die anderen kritisieren dies als „schlimmste Stammtischökonomie“ und „unverantwortliches“ Gerede. Wie es aussieht, sagen sich beide Lager gegenseitig die Wahrheit.

Das Problem: Die Euro-Krise besteht inzwischen aus einer Staatsschulden- und einer Bankenkrise, und beide Krisen befruchten sich gegenseitig: Finanzkrise und Rezession schwächen die Banken, der Staat muss sie unterstützen, was seine Schulden erhöht. Dadurch wird er aus Sicht der Märkte zum unsicheren Schuldner, seine Anleihen fallen, und die Zinsen für neue Kredite steigen. Er kommt immer schwerer an Geld, muss daher sparen, was die Wirtschaft in die Rezession treibt.

Die fallenden Anleihen und die Rezession schädigen die heimischen Banken. Der Staat muss sie also abermals unterstützen, erhält aber dafür kein Geld mehr von den Finanzmärkten oder nur zu hohen Zinsen. Die Haupt-Kreditgeber des Staates – seine Banken – wiederum sind zu knapp bei Kasse, um der Regierung zu leihen.

Die Lösung: Auf dem jüngsten EU-Gipfel wurde beschlossen, dass der Euro-Rettungsschirm ESM künftig auch Banken direkt unterstützen kann. Bislang durfte er nur Regierungen leihen, die mit dem Geld dann ihre Geldhäuser retten konnten. Auf diese Weise aber stiegen gleichzeitig die Schulden der Regierung, was ihre Kreditwürdigkeit weiter unterminierte. Die direkte Bankenunterstützung soll an den Märkten nun Vertrauen in die Stabilität des Finanzsektors schaffen. Vorbedingung für die direkte Bankenhilfe des ESM ist jedoch eine gemeinsame europäische Kontrolle der Banken, die das Entstehen exzessiver Risiken im Finanzsektor verhindern soll.

Die Kritik: 160 Wirtschaftsprofessoren wenden sich nun öffentlich gegen die Errichtung einer solchen Euro-Bankenunion. Sie kritisieren, dass künftig die „Steuerzahler der soliden Länder“ in kollektive Haftung für die Schulden der Banken genommen werden – und diese Bankschulden seien drei Mal so groß wie die Staatsschulden. Es drohen also „riesige Verluste“, in „zehn oder 15 Jahren müssen wir dann unser Rentensystem plündern, um irgendwelche maroden Banken zu retten“, so einer der Unterzeichner. Der Schluss der Professoren: „Banken müssen scheitern dürfen“, sprich pleite gehen. Am Ende müssten die Gläubiger die Lasten tragen, „denn sie sind das Investitionsrisiko bewusst eingegangen“, so der Aufruf.

Die Kritik der Kritik: Banken einfach pleite gehen lassen – das sagt sich so einfach, beinhaltet aber große Gefahren: Banken haben sich Milliarden geliehen und Milliarden verliehen. Geht eine Bank pleite, so fällt sie als Schuldner aus und zieht andere Banken und Unternehmen mit sich. Zudem fällt sie als Kreditgeber für die Regierung aus. Unter Umständen muss sie vom Staat gerettet werden. Fehlt ihm das Geld hierfür, wird er mit in den Abgrund gezogen. Um dies zu verhindern, spricht Europa nun eine implizite Garantie für die Banken aus – schon um zu verhindern, dass Anleger in Panik geraten, ihre Gelder von den Banken abziehen und so allein die Furcht vor einer Bankenpleite zur Bankenpleite führt. Daher wird der Ökonomen-Aufruf als „unverantwortlich“ kritisiert. Der Fall der US-Bank Lehman gilt hier als warnendes Beispiel.

Daneben wies Kanzlerin Angela Merkel darauf hin, die EU-Beschlüsse zur Bankenunion sähen keine Aufstockung der Hilfsmittel vor, die Haftungssumme bleibe begrenzt. Doch hier haben die Professoren Recht: Im Notfall würde die EU die Haftungssummen wohl erhöhen, um eine Mega-Pleite zu verhindern.

Das Dilemma der Politik: Einerseits drohen Europa riesige Verluste durch Bankenrettungen. Andererseits bergen Bank-Pleiten aber noch größere Gefahren, weswegen die Stabilität des Bankensektors garantiert werden muss. Diesen Widerspruch löst die Politik bislang durch ein widersprüchliches Arrangement: Sie garantiert für die Banken – aber nur mit begrenzten Summen. Die Begrenzung der Garantie jedoch widerspricht ihrer beabsichtigten Wirkung: den Finanzmärkten Sicherheit zu geben.

Bislang hofft die Politik noch, dass die begrenzte Garantie ausreicht, um das Vertrauen des Finanzsektors in seine eigene Stabilität herzustellen. Ob das funktioniert, ist nicht sicher. Es ist eine große Spekulation auf das Vertrauen der Märkte. Niemand weiß, ob sie aufgeht, oder ob am Ende die Haftungssummen vergrößert werden müssen. Dies hängt allein am Geschäftsgang der Bank, also an der Entwicklung an den Börsen und der Konjunktur.

Niemand weiß, ob eine Vergrößerung der Haftungsgarantien lediglich ohnehin marode Banken rettet, oder ob die staatliche Garantie verhindert, dass Banken marode werden – und ob eine europäische Kontrolle der Banken den Sektor solide machen kann. Das sind die großen Unklarheiten, die ein aufgeblähter Finanzsektor der Politik beschert.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.

Arbeitswelt

Schuften bis zum Umfallen

Von  |

Die Bundesbank empfiehlt eine unsinnige Rentenpolitik Mehr...

Finanzanlage

Mit Geld die Welt verändern

Investitionen in Projekte, die anders wirtschaften Mehr...

FRAX

Die Frankfurter Rundschau und das Forschungsinstitut Wifor präsentieren den FR-Arbeitsmarktindex, kurz FRAX. Er erlaubt einen genaueren Blick auf unsere Arbeitswelt als es die Arbeitslosen- und Beschäftigtenzahlen tun.

Videonachrichten Wirtschaft

Anzeige

Forum Entwicklung

Recht auf Arbeit – auch für Kinder?

Das Forum Entwicklung ist eine Debattenreihe von Frankfurter Rundschau, hr-iNFO und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).  

Weltweit arbeiten rund 150 Millionen Kinder – oft unter ausbeuterischen Bedingungen auf Plantagen, in der Teppichproduktion oder als Dienstmädchen. Darum geht es beim „Forum Entwicklung“ am Donnerstag, 23, April. Mehr...

Brutto-Netto-Rechner
Optimieren Sie Ihr Gehalt:
Bruttogehalt (Euro mtl.)
St.-Kl.
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen