Vermögensverwalter Jens Ehrhardt über Geldanlagen in Krisenzeiten, das Positive an einer Inflation und die Einführung des Euro als Grundstein für die aktuelle Krise.
Sein Rat ist bares Geld. Jens Ehrhardt gilt als Deutschlands bedeutendster unabhängiger Vermögensverwalter. Der 69-Jährige betreut Kundengelder in Höhe von insgesamt rund zehn Milliarden Euro. Wer sein Geld von ihm verwalten lassen will, muss mindestens 500.000 Euro mitbringen. Wir sprachen mit ihm über Schulden, die Eurokrise und seine Prophezeiung einer großen Inflation.
Herr Ehrhardt, Sie leben seit vielen Jahren sehr gut davon, fremdes Vermögen zu mehren. Wie gehen im Moment die Geschäfte?
Ich bin zwar schon sehr lange im Geschäft. Doch so schwer wie heute war mein Job noch nie. Wir befinden uns in einer so fundamentalen Krise, dass auf die Rezepte der Vergangenheit kein Verlass mehr ist. Ehrlich gesagt, bin ich heute schon froh, wenn es mir gelingt, das Vermögen meiner Kunden zu bewahren und zu verhindern, dass ihnen nach Abzug der Inflation Verluste entstehen. Wer in dieser Zeit als Vermögensverwalter nicht umsichtig handelt, kann eine Menge Geld verlieren.
Wie konnte es so schlimm kommen?
Meines Erachtens hat schon die Einführung des Euro den Grundstein für die aktuelle Krise gelegt.
Der G20-Gipfel in Cannes
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...ziehen draußen die Globalisierungskritiker durch die Straßen von Cannes.
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Sie kritisieren den nachsichtigen Umgang mit den Mächtigen der Finanzwelt - auf ihre eigene bunte Art.
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Das Händeschütteln mit den Zaungästen gehört nicht nur für Kanzlerin Angela Merkel zum Gipfelbesuch.
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Am Mittwoch noch in Berlin, heute in Cannes: der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan.
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US-Präsident Bararack Obama und Franreichs Staatschef Nicolas Sarkozy kommen gemeinsam - sie treffen sich vor den 20er-Gesprächen noch zum bilateralen Austausch.
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Auch Kanzlerin Merkel bittet Obama Einzelgespräch.
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Das Problem mit den wehenden Stoffen gibt es bei allen offiziellen Terminen weltweit. Hier trifft es einen Soldaten der zeremoniellen Wache.
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Chinas Präsident Hu Jintao auf dem Weg zum Treffen mit den Oberhäuptern der Schwellenländer.
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Jeder hinter seinem Fähnchen: Am Rande des Gipfels sitzen Russlands Präsident Dmitri Medwedew, Chinas Staatschef Hu Jintao, Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff, Indiens Premier Manmohan Singh und Südafrikas Präsident Jacob Zuma zusammen.
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US-Präsident Barack Obama bei seiner Ankunft am Donnerstagmorgen in Cannes.
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Die Filmmetropole an der Côte d'Azur hat sich in eine Trutzburg verwandelt. Ein Riesenaufgebot von Polizei und Militär soll die Staats- und Regierungschefs der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer schützen.
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Nicht ohne sein iPad: US-Finanzminister Timothy Geithner bei seiner Ankunft in Cannes.
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Als Hauptpersonen des Gipfels haben Oxfam-Aktivisten Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff, Russlands Präsident Dmitri Medwedew, Indiens Premier Manmohan Singh, den britischen Regierungschef Davis Cameron, US-Präsident Obama, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Mexikos Präsident Felipe Calderon und Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy (von links) ausgemacht.
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Sarkozy würden manche Globalisierungsgegner offenbar am liebsten gleich im Mittelmeer versenken.
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"Lasst uns dem Geld helfen" fordern diese Demonstranten.
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Die Globalisierungsgegner vom Netzwerk Attac gehen gleich eigenhändig daran, die Banken zu säubern.
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Warmlaufen unter Polizeischutz: Die Anti-G20-Demonstranten sind seit Mittwoch in Cannes unterwegs - argwöhnisch beäugt von den Sicherheitskräften.
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"Welt der Ideen" - der griechische Premier George Papandreou wäre für gute Ideen zur Rettung seines Landes aus der Schuldenfalle sicher dankbar. Am Mittwochabend musste er sich harsche Kritik von Kanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident Sarkozy an seinen Referendums-Plänen anhören.
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Merkel und Sarkozy waren extra einen Tag früher nach Cannes gereist, um über die überraschende Wendung der Griechen zu beraten. Die klarer Ansage der beuden EU-Mächtigen am Abend: Vor der Volksabstimmung erhält Athen kein Geld mehr.
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Auch IWF-Chefin Christine Lagarde hat bei der Euro-Krise ein gewichtiges Wörtchen mitzureden.
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Während die 20 mächtigsten Staatenlenker drinnen am runden Tisch Platz nehmen...
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Der Euro ist also schuld?
Der Euro besitzt keinen Korrekturmechanismus für zu hohe Preise: Wenn ein Restaurant zu teuer ist, dann spürt es das sofort, weil die Gäste ausbleiben. Dann senkt es die Preise und die Gäste kommen wieder. Analog dazu konnten Länder wie Italien, Portugal oder Griechenland früher ihre Währung abwerten, wenn sie nicht mehr konkurrenzfähig waren. Das geht mit dem Euro nun nicht mehr. Entsprechend steigt die Arbeitslosigkeit in diesen Ländern rapide, besonders bei jungen Leuten. Zudem sind die Leitzinsen eurobedingt für diese Länder viel zu niedrig. Das hat dazu geführt, dass sie sich viel zu stark verschuldet haben.
Dafür hat Deutschland doch enorm vom Euro profitiert, dank des Euro sind wir Exportweltmeister geworden.
Dass Deutschland vom Euro profitiert hätte, ist ein Ammenmärchen. Die deutsche Binnenkonjunktur hat durch den Euro enorm gelitten. Ohne Euro hätte sie sich viel besser entwickeln können. Und eine funktionierende Binnenkonjunktur ist für eine Volkswirtschaft viel gesünder und besser, denn die lässt sich viel leichter steuern. Der Export dagegen ist stark von der nicht beeinflussbaren Weltkonjunktur abhängig. Wie gefährlich das ist, haben wir 2009 gesehen, als die Konjunktur in Deutschland aufgrund dieser Abhängigkeit viel stärker eingebrochen ist als in anderen Ländern.
So will Europa sich und die Welt retten
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So will Europa sich und die Welt retten
Aber bestreitet die Regierung dies nicht?
Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat die wachsenden Gefahren beharrlich geleugnet. Die Koalition aber räumt die höhere Bedrohung ein. Im Entschließungsantrag, den Union, SPD, FDP und Grüne gemeinsam verabschiedeten, heißt es zu dem Hebel (englisch: Leverage): „Dabei ist uns bewusst, dass durch die Erhöhung der Kapazität (sog. „Leverage“) der EFSF das Verlustrisiko sich verändern kann.“ Zwar meinten Unionspolitiker, verändern könne verkleinern bedeuten. Aber das ist Wunschdenken.
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Warum dann der Hebel?
Grundsätzlich ist der Hebel sinnvoll. Der Fonds braucht mehr als die zugesagten 440 Milliarden Euro, um ein Auseinanderbrechen der Währungsunion verhindern zu können. Doch nichts ist umsonst. Der Preis für den besseren Schutz ist das höhere Risiko.
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Wie funktioniert der Hebel?
Für den Hebel wollen die Euro-Staaten zwei Verfahren miteinander kombinieren. In dem einen sollen neu zu bildende Zweckgesellschaften oder Investmentfonds außereuropäische oder auch private Investoren anlocken. Kern bleibt aber das Versicherungsmodell, bei dem der EFSF ähnlich arbeiten soll wie eine Teilkasko.
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Was ist daran gefährlich?
Die Folgen beschreibt der Ökonom Harald Hau so: „ Wenn von Staatsanleihen im Wert von 500 Milliarden Euro die riskantesten 20 Prozent versichert werden, ist das Risiko erheblich höher, als wenn 100 Milliarden Euro zu 100 Prozent garantiert werden“. Denn selbst wenn ein Staat pleitegeht, kann er einen Teil seiner Kredite zurückzahlen. Diese Chance gibt der Fonds auf, wenn er als Teilkasko die ersten Verluste voll trägt.
Was wird aus Griechenland?
Weil Athen viel mehr Kredite benötigt als gedacht, kommt der Schuldenschnitt. Die Gläubiger müssen auf einen Großteil ihrer Forderungen verzichten. Auch der ist nicht umsonst: Damit gerät der Staat stärker unter Kontrolle der Geldgeber und verliert endgültig seine Autonomie.
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Wie beteiligen sich Banken?
Auch ihre Lasten nehmen zu. Über das Ausmaß feilschten Banken und Regierungen in schwierigen Verhandlungen. Im Juli hatten die Geldhäuser zugesagt, auf 21 Prozent ihrer Forderungen an Athen zu verzichten. Doch die Politik drängte darauf, die Quote mindestens zu verdoppeln. Zudem müssen die Banken bis Mitte 2012 ihr Eigenkapital erhöhen.
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Wie stemmen die Institute das?
Die deutschen Institute können die Abschreibungen wohl überwiegend wegstecken. Schwieriger wird es für Banken in Portugal oder Frankreich. Hier müssen im Zweifel die Heimatländer, notfalls mit Hilfe der EFSF, einspringen.
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Kann die Europäische Zentralbank weiter arbeiten wie bisher?
Frankreich wollte die EZB verpflichten, sich noch stärker beim Kampf gegen die Krise in den Dienst der Regierungen zu stellen. Deutschland wehrte den Angriff auf die Unabhängigkeit der Geldpolitik ab. Doch der politische Druck wächst.
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Die FR beantwortet die wichtigsten Fragen zur Euro-Krise:
Sind die deutschen Steuerzahler jetzt besser geschützt?
Nein, im Gegenteil. Mit dem Beschluss des Deutschen Bundestages von Mittwoch ist es sogar amtlich: Auch wenn die deutsche Garantiesumme bei 211 Milliarden Euro bleibt, steigt durch den Hebel für den Euro-Rettungsfonds EFSF das Risiko. Die Gefahr nimmt zu, dass die Summe ganz oder teilweise verloren geht.
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Warum bremst der Euro denn die Binnenkonjunktur?
Weil er dazu geführt hat, dass der Realzins, also der Zinssatz abzüglich Inflation, in Deutschland immer viel höher war als in den anderen Ländern der Euro-Zone. Deutschland ist so für seine niedrigen Teuerungsraten faktisch regelrecht bestraft worden. Denn die Höhe des Realzinses ist ganz entscheidend für eine Volkswirtschaft. So ist bei uns zum Beispiel der deutsche Immobilienmarkt erst jetzt angesprungen, weil nun endlich auch hierzulande die Realzinsen niedrig sind. Insgesamt ist der Lebensstandard in Deutschland in den letzten zehn Jahren nicht gestiegen. Sogar die Iren haben uns überholt. All das ist eine Folge des Euro. Die durch ihn ausgelöste Schädigung der Binnenkonjunktur und damit des Lebensstandards wird übersehen.
Zur Person
Jens Ehrhardt, Jahrgang 1942, ist Vermögensverwalter und Herausgeber eines wöchentlich erscheinenden Börsenbriefs. Er studierte Betriebswirtschaftslehre in Hamburg und München. 1974 gründete Ehrhardt sein eigene Vermögensverwaltung.
Das Unternehmen DJE mit Sitz in Pullach bei München beschäftigt mittlerweile rund 100 Mitarbeiter. Darüber hinaus managt Ehrhardt einige Investmentsfonds. Hier kann der Anleger schon mit wenigen Hundert Euro dabei sein. In der Vergangenheit hat Ehrhardt häufig ein glückliches Händchen bewiesen und insbesondere in schwachen Börsenphasen rechtzeitig den Aktienanteil seiner Fonds reduziert und so die Anleger vor Verlusten bewahrt.
Immerhin geht es uns Deutschen um Längen besser als den Griechen. Bringt der Schuldenschnitt von 50 Prozent für Griechenland den Befreiungsschlag?
Ich fürchte, das wird nicht ausreichen. Griechenland wird sich nur erholen, wenn die Schulden komplett gestrichen werden und wenn es die Euro-Zone verlässt.
Wenn die Griechen zur Drachme zurückkehren, wird für sie doch alles teurer, weil sie Importe weiter in Euro bezahlen müssen.
Es stimmt, für die Griechen wird das nochmal ein schwerer Schlag. Doch besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. In Argentinien hat es auch funktioniert. Die haben einen radikalen Schuldenschnitt bekommen und ihre Währung vom Dollar entkoppelt. Die ersten Jahre waren sehr hart, aber jetzt steht das Land wieder sehr gut da, mit sieben Prozent Wachstum.
Wird es beim Austritt Griechenlands bleiben? Oder müssen noch andere die Eurozone verlassen?
Ich denke, Portugal wird es am Ende auch erwischen. Die anderen können es nur schaffen, wenn sie ihre riesigen Probleme kompromisslos angehen. Die Schwierigkeiten Frankreichs zum Beispiel werden aktuell noch völlig unterschätzt. Dabei ist die Neuverschuldung Frankreichs doppelt so hoch wie die Italiens. Im Grunde ist Deutschland das einzige große, starke Land, das in der Eurozone noch übrig geblieben ist. Doch Deutschland alleine kann Europa nicht retten. Wenn wir so weitermachen wie bisher, geht am Ende auch Deutschland bonitätsmäßig unter. Deshalb sehe ich nur eine Lösung: Wir müssen uns entschließen, Geld zu drucken, in dem die Europäische Zentralbank massiv Anleihen kauft, auch wenn dies die Inflation anheizt.
Wenn wir nicht wollen, dass unser Euro-Währungssystem in seiner heutigen Form auseinanderbricht, müssen wir uns für diesen Weg entscheiden, so schmerzvoll er auch ist.
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