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01. Januar 2016

Euro-Wirtschaft: Immer noch nicht genesen

 Von 
Junge Spanier bei einem Protest gegen die Arbeitsmarktpolitik ihrer Regierung.  Foto: dpa (Archiv)

2016 dürfte sich die Konjunktur der Euro-Zone wohl wieder verbessern. Der Dauerpatient bleibt aber anfällig für negative Schocks. Experten sind sich uneinig, wie die Euro-Zone stabilisiert werden kann.

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Hat Europas Wirtschaft das Schlimmste hinter sich? Es scheint so. Die Flüchtlingskrise beherrscht die Schlagzeilen, von der Euro-Krise dagegen ist nichts mehr zu hören. Die Konjunktur der Euro-Zone wird sich 2016 wohl weiter erholen. Gleichzeitig bleibt ein Schatten über den Aussichten: Der Patient Euro-Wirtschaft ist nicht mehr krank, aber auch nicht richtig gesund. Die Dauer-Schwäche könnte auch an der Medizin liegen, die ihm bisher verabreicht worden ist.

Die Prognosen für das neue Jahr sind halbwegs optimistisch: Deutschland herausgerechnet, wird die Wirtschaft der Euro-Zone um 1,5 Prozent wachsen, also mit demselben Tempo wie schon 2015. Es ist ein Aufschwung, aber ein „unspektakulärer“, so die Ökonomen von der Bank M.M.Warburg. Die Staaten der Euro-Zone „erleben wohl die längste Phase eines schwachen Wirtschaftswachstums seit den 1930er Jahren“.

Der müde Aufschwung hat Folgen: Die Wirtschaftsleistung des Euro-Blocks liegt noch immer unter der von vor sieben Jahren. Die Arbeitslosigkeit ist seit ihrem Höchststand kaum zurückgegangen und bleibt in vielen Ländern extrem hoch. Mehr als ein Fünftel aller Jugendlichen ist arbeitslos gemeldet. Die Unternehmen investieren kaum, selbst in hoch gelobten Aufschwung-Standorten wie Spanien. „Das Land durchlebt eine gravierende Investitionsschwäche, die Konjunkturerholung geht am Arbeitsmarkt weitgehend vorbei“, so Alexander Krüger vom Bankhaus Lampe.

Das ist bedenklich. Denn schließlich wird die Euro-Konjunktur von einer ganzen Reihe von Sonderfaktoren gestützt: rekordniedrige Zinsen, sehr billige Energie und ein schwacher Euro, der die Exporte antreibt. „Was, wenn diese Sondereffekte wegfallen?“, fragt Ökonom Krüger.

Die Wachstumsschwäche nährt Unzufriedenheit in der Bevölkerung. In wirtschaftlich stärkeren Ländern fühlt man sich von den schwächeren Euro-Mitgliedern blockiert, die Schwachen fühlen sich von den Starken gegängelt. Euro- und EU-kritische Parteien erhalten Zulauf. Die französische Rechte will aus dem Euro aussteigen, in Finnland und Italien streben Politiker Volksbefragungen zur Euro-Mitgliedschaft an.

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Die Euro-Zone bröckelt. Damit wächst der Druck, Erklärungen und Lösungen für die Flaute zu finden. Doch das Experten-Lager ist in dieser Frage gespalten. Auf der einen Seite stehen Institutionen wie die Deutsche Bundesbank, die fordern, den eingeschlagenen Kurs zu halten: Europa brauche mehr Strukturreformen, flexiblere Arbeitsmärkte, Lohnzurückhaltung sowie eine eiserne Finanzdisziplin der Staaten, um den Investoren das Vertrauen zurückzugeben.

Andere Ökonomen, gerade auf Gewerkschaftsseite, finden, es sei in dieser Hinsicht bereits zu viel getan worden. Löhne und Einkommen sind in vielen Ländern seit langem unter Druck. In Kombination mit staatlicher Sparsamkeit gerade in Südeuropa drückt dies die Nachfrage, was die Firmen wiederum von Investitionen Abstand nehmen lässt. Dieses Austeritätsprogramm habe Europa geschadet. „Es produziert unnötiges Leiden“, so Ökonom Paul de Grauwe von der London School of Economics. „Millionen Menschen wünschen sich nun die Befreiung von den Ketten des Euro.“

Während die Ökonomen noch streiten, schaffen Politiker Fakten. So haben die Regierungen Italiens und Frankreichs ihre Defizit-Ziele kassiert und erlauben sich mehr Schulden, um die Staatsausgaben zu erhöhen. Auch in Portugal will man diesen Weg gehen. Das wiederum gefährdet die Spar-Disziplin des Euro-Blocks und damit die Geltung der Regeln, die sich die Währungsunion gegeben hat und ihn zusammenhalten.

Vorerst, so die Prognosen der Forscher, wird sich die Euro-Konjunktur wohl weiter durchwursteln. In vielen Ländern jedoch reicht das Wachstum kaum aus, um die Arbeitslosigkeit und die Staatsschulden zu senken. Das schwache Wachstum droht damit zu einem Dauer-Phänomen zu werden. Hannah Huidan Lin vom Internationalen Währungsfonds sieht daher das Risiko einer mittelfristigen Stagnation der Euro-Zone. Niedriges Potenzialwachstum und Hinterlassenschaften der Krise machten die Währungsunion anfällig für negative Schocks.

Mögliche Auslöser für derartige Schocks gibt es. In der Risiken-Liste der Ökonomen der Bank Nordea finden sich: Finanzkrisen in den Schwellenländern, drastische Zinserhöhungen in den USA, politische Spannungen im Nahen Osten inklusive Ölpreisanstieg und ein weiteres Erstarken jener Parteien, die ihr Land aus der EU oder dem Euro führen wollen. Der Patient Europa bleibt Rekonvaleszent – und muss hoffen, dass ihm neue Belastungen erspart bleiben.

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