Spanien, das sich in den vergangenen Monaten noch von Griechenland, Irland & Co. abkoppeln konnte, gerät wieder in den Sog der Eurokrise. Daran ist nicht nur der Wahlsieg der Euro-Gegner in Finnland schuld.
Die Eurokrise ist quicklebendig (Symbolbild).
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Brüssel/Frankfurt –
Die Euro-Krise ist wieder quicklebendig. Zu Wochenbeginn erlebten die Regierungen Eurolands am Kapitalmarkt einen weiteren schwarzen Tag. Denn ihre Hoffnungen zerstoben, die Krise eindämmen, geschweige denn lösen zu können.
Vor allem Spanien, das sich in den vergangenen Monaten von Griechenland, Irland & Co. abkoppeln konnte, geriet wieder in deren Sog. Daran war nicht nur der Wahlsieg der Euro-Gegner in Finnland schuld. Auch die Spekulationen über eine Umschuldung Griechenlands setzte den Anleihen sowie dem Euro zu.
Wie könnte Umschuldung aussehen
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Trotz heftiger Dementis wird an den Finanzmärkten hartnäckig auf eine Umschuldung Griechenlands spekuliert. Koalitionskreisen zufolge gehen auch Teile der Bundesregierung davon aus, dass Griechenland ohne Schuldenschnitt nicht über den Sommer kommt. Dabei müssten die Gläubiger auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten. Nachfolgend ein Überblick, wie eine Umschuldung aussehen könnte.
Die griechische Regierung erklärt sich für zahlungsunfähig und handelt mit ihren Gläubigern einen Forderungsverzicht (Haircut) aus. Für die Geldgeber kann das sehr teuer werden: Bei den vom Internationalen Währungsfonds (IWF) untersuchten Staatspleiten zwischen 1998 und 2005 musste sie zwischen 13 Prozent (Uruguay) und 73 Prozent (Argentinien) ihres Investments abschreiben. Griechenland könnte seine Schuldenlast von mehr als 340 Milliarden Euro auf diese Weise zwar mit einem Schlag deutlich reduzieren, würde aber seine Kreditwürdigkeit am Finanzmarkt auf Jahre verspielen und sich den Zugang zu frischem Geld verbauen. Auch andere Sorgenkinder wie Irland und Portugal würden dann noch größere Probleme haben, sich neues Geld am Markt zu leihen. Ein weiteres Problem: Die Gläubiger sind vor allem Banken aus Griechenland und anderen Euro-Ländern, denen milliardenschwere Verluste drohten, was wiederum eine neue Finanzkrise auslösen könnte.
Diese Lösung hat in den achtziger Jahren Schule gemacht. Der damalige US-Finanzminister Nicholas Brady handelte einen nach ihm benannten Plan aus, der etliche lateinamerikanische Staaten vor der Pleite rettete. Übertragen auf Griechenland würde er wie folgt funktionieren: Banken und andere private Gläubiger tauschen die riskanten griechischen Staatsanleihen zum Marktpreis gegen Papiere ein, die von der Euro-Zone mit einer Garantie versehen werden. Die Gläubiger müssten damit auf einen Teil ihrer Ansprüche verzichten, denn am Markt werden die griechischen Bonds wegen des hohen Ausfallrisikos derzeit mit großen Abschlägen zum Ausgabepreis gehandelt - bei zehnjährigen Bonds sind es fast 40 Prozent. Der Vorteil: Die neuen Papiere sind gesichert, die Gläubiger haben damit Planungssicherheit. Griechenland würde auf diese Weise seine Schuldenlast drücken.
Eine mildere Form der Umschuldung wäre eine längere Laufzeit der vom IWF und der Europäischen Union gewährten Kredite von 110 Milliarden Dollar - verbunden womöglich mit einer erneuten Absenkung des Zinssatzes, den Griechenland für die Hilfen zahlen muss. Nach einem Bericht des „Wall Street Journals“ hält der IWF die Schuldenlast für Griechenland intern für untragbar und soll daher eine Laufzeitverlängerung der Finanzhilfen auf bis zu 30 Jahre erwägen. Der IWF dementierte dies allerdings.
Die Experten der Großbank UniCredit halten auf mittlere Sicht Verhandlungen zwischen Griechenland und dem Pariser Club für wahrscheinlich. Ihr Argument: Durch bilaterale Kredite und den Ankauf griechischer Anleihen durch die Europäische Zentralbank (EZB) wird der Anteil der öffentlichen Gläubiger an den Verbindlichkeiten Griechenlands auf mindestens 40 Prozent steigen. Im Pariser Club haben sich 1956 die wichtigsten Gläubigerstaaten zusammengeschlossen und seither 421 Umschuldungsabkommen mit 88 Staaten - von Afghanistan bis Vietnam - im Wert von 553 Milliarden Dollar getroffen. Von 1985 und 1993 stand dem Pariser Club ein Mann vor, der auch in der Schuldenkrise eine zentrale Rolle spielt: EZB-Präsident Jean-Claude Trichet.
Die Gemeinschaftswährung verlor mehr als eineinhalb Cent und sackte auf 1,426 Dollar je Euro ab. Seit Donnerstag, als missverständliche Äußerungen des deutschen Finanzministers Wolfgang Schäuble (CDU) die Spekulationen ausgelöst hatten, beläuft sich das Minus auf knapp drei Cent. Besonders deutlich zeigt sich die Ansteckung Spaniens an den Renditen, die das Land in seiner Auktion für 12- und 18-monatige Papiere bieten musste. Sie lagen bei 2,77 und 3,36 Prozent. Das ist eine Verteuerung von 0,65 und 0,9 Punkten in einem Monat.
Währenddessen rissen die Spekulationen über Griechenland nicht ab. Dem Land steht im Juni die erste Prüfung durch die Hilfskreditgeber bevor. Das Land komme nicht ohne Umschuldung über den Sommer, glauben Teile der Bundesregierung, erfuhr Reuters aus Koalitionskreisen. Das bedeute aber nicht, dass die Regierung dies anstrebe. Laut Insidern hat Athen bereits mit der Europäischen Union und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) über einen derartigen Schritt beraten.
Die Finanzkrise - wie alles begann
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Die Finanzkrise - wie alles begann
Im April 2007 muss einer der größten US-Hypotheken-Anbieter Gläubigerschutz bei der Börsenaufsicht beantragen. Die New Century Financial hat sich mit Risikokrediten verkalkuliert, die die Schuldner nicht mehr zurückzahlen können. Die Bank wird zahlungsunfähig und bleibt ihren Gläubigern selbst acht Milliarden Dollar schuldig. 3200 Leute verlieren ihren Job, viele Amerikaner müssen ihre Häuser verkaufen.
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Schon schrillen an der Wall Street die Alarmglocken: Zwei Hedgefonds der New Yorker Investmentbank Bear Stearns haben in großem Stil in die Immobilien-Papiere investiert. Die Bank erleidet dramatische Kurseinbrüche. Sie wird zwar in letzter Minute durch eine Finanzspritze von der amerikanischen Notenbank gerettet, der Kursrutsch hat an der Börse allerdings Panik ausgelöst.
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Bei den Menschen lösen die Nachrichten Panik aus: Besorgte Kunden stürmen im September 2007 die Schalter der britischen Bank Northern Rock. Die Regierung und die Bank von England garantieren die Einlagen, Northern Rock wird vom Staat übernommen.
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Die Krise rollt über den Atlantik nach Deutschland: Die deutsche Mittelstandsbank IKB erlebt eine Fast-Pleite - ebenfalls durch riskante Spekulationen. Nach dem Notverkauf an einen Finnazinvestor rollen die Köpfe. Diese beiden sollen die nun Industriebank aus der Krise führen: Der neue Vorstandsvorsitzende Günther Bräunig und Finanzvorstand Reinhard Grzesik.
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Anfang September 2008 stolpern die beiden größten Baufinanzierer der USA, Fannie Mae und Freddie Mac, über die faulen Kredite. Am Ende mischt sich die US-Regierung in den Markt ein und greift beiden Instituten unter die Arme. Beide Banken zusammen tragen etwa die Hälfte aller amerikanischen Hypotheken.
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Damit die Geldmärkte durch die großen Wertverluste an den Aktienmärkten nicht austrocknen, pumpen die EZB und Notenbanken auf der ganzen Welt kurzfristig mehrere hundert Milliarden in den Geldmarkt. Trotzdem können sie die Katastrophe nicht verhinden...
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Der 15. September 2008 wird wohl als "schwarzer Montag" in die Geschichte eingehen: Die einflussreiche US-Bank Lehman Brothers muss Insolvenz anmelden.
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Lehmans Konkurrent Merrill Lynch wird von der Bank of America aufgekauft. Von heute auf morgen müssen hunderte Banker ihre Büros räumen. Sie stehen nun auf der Straße und beobachten fassungslos den Untergang der sicher geglaubten Bankenwelt.
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Der US-Leitindex Dow Jones erleidet den stärksten Tagesverlust seit den Terrorattacken am 11. September 2001. Auch der Dax bricht zusammen. An den Börsen weltweit herrscht der Ausnahmezustand.
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Und wieder lässt das Echo in Deutschland nicht lange auf sich warten: Die deutschen Landesbanken, allen voran die WestLB und die BayernLB, verzeichnen millionenschwere Abschreibungen. Sie hatten in großem Stil bei Lehman Brothers investiert.
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Den größten Patzer leistet sich die Mittelstandsbank IKB: Obwohl die Pleite von Lehman Brothers inoffiziell schon bekannt ist, überweist das Management 336 Millionen Euro. Das Geld ist weg - die Verantwortlichen müssen das Bankhaus ebenfalls verlassen.
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Der Versicherungsriese AIG gerät durch Milliardenverluste in akute Kapitalnot. Der Aktienkurs bricht um 68 Prozent ein, die Weltbörsen setzen ihre Talfahrt fort. Die Notenbanken pumpen noch einmal fast 150 Milliarden Euro in den Geldmarkt. Tags darauf rettet die Bank of America AIG mit einem Kredit von 85 Milliarden Dollar.
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Auf der ganzen Welt rücken die überlebenden Banken zusammen: Die zweitgrößte US-Investmentbank Morgan Stanley nimmt Fusionsverhandlungen mit dem US-Finanzkonzern Wachovia auf. Die britische Großbank Lloyds TSB übernimmt die kriselnde schottische Bank HBOS.
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Die US-Regierung unter der Führung von Finanzminister Henry Paulson ersinnt am 19. September ein milliardenschweres Rettungspaket und löst damit ein Kursfeuerwerk an den Börsen aus. Paulson wird als "King Henry" gefeiert. Die USA und Großbritannien verhängen ein weitreichendes Verbot für sogenannte Leerverkäufe, also Wetten auf sinkende Aktienkurse.
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Am 22. September kippt das 75 Jahre alte Modell der unabhängigen US-Investmentbanken: Die letzten verbliebenen Institute, Goldman Sachs und Morgan Stanley, geben ihren Sonderstatus auf und werden gewöhnliche Geschäftsbanken.
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Geldmann für Goldman: Der Amerikaner Warren Buffett wird zum milliardenschweren Schutzengel und unterstützt die ehemalige Investmentbank Goldman Sachs mit einer beispiellosen Finanzspritze. Damit verhindert er den Zusammenbruch eines weiteren traditionellen Bankhauses.
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Die größte Sparkasse der USA, Washington Mutual, fällt der Finanzkrise zum Opfer. Sie wird von JPMorgan Chase übernommen. In Europa bangen die Menschen um ihre Spareinlagen.
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Die Bankenkrise sorgt sogar für einen kurzfristigen Waffenstillstand im US-Wahlkampf. Ein Krisentreffen zwischen Präsident Bush und den beiden Kandidaten, Barack Obama und John McCain, bleibt allerdings ergebnislos. Der Senat stimmt nach tagelangen Debatten dem überarbeiteten Rettungsplan zu, der zusätzliche 100 Milliarden Dollar für Hausbesitzer und Unternehmen vorsieht.
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Doch die Krise ist nicht aufzuhalten und zieht weite Kreise in Europa: Der belgisch-niederländische Immobilienfinanzierer Fortis erleidet den größten Kursverlust seiner Geschichte. Der belgische Staat stellt schließlich in Absprache mit der EU-Kommission das rettende Finanzpaket.
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Ein ähnliches Schicksal erleidet die deutsche Hypo Real Estate. Auch hier springt der Staat rettend ein und löst damit eine Debatte um eine "Komplettlösung" für den Bankensektor aus. Andere europäische Länder wie Irland und Österreich haben bereits einen staatlichen Schutzmantel in Form einer Einlagensicherung über ihre Landesbanken gebreitet.
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Auch die Bundesregierung möchte den Sparern die Angst nehmen. Am 6. Oktober spricht Angela Merkel nach stundenlangen Verhandlungen eine Garantie für die Spareinlagen ihrer Bürger aus.
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Doch auch die guten Nachrichten vermögen die Talfahrt an der Börse nicht zu stoppen: Der Dax fällt am gleichen Tag auf einen historischen Tiefststand.
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Nebel über Island: Auf der Insel beginnt ein beispielloser Bank-Run. Kunden der Kaupthing-Bank, die im Ausland mit Zinssätzen von über sechs Prozent um Sparer geworben hatte, bleiben im Unklaren über ihre Einlagen. Deutsche Verbraucherschützer sind empört.
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Ende Oktober fordert die Finanzkrise in Deutschland ihr erstes politisches Opfer: Erwin Huber, bayrischer Finanzminister, stolpert über die desolate Lage der landeseigenen BayernLB, die als erste Bank unter den 500-Milliarden-Euro schweren Rettungsschirm des Bundes schlüpft.
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Nach der angeschlagenen Hypo Real Estate greift Anfang November auch die Commerzbank in großem Stil auf das Rettungspaket der Bundesregierung zurück und bessert damit ihr Kapital auf.
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Mitte November: Nach den Banken gerät die nächste Branche in Bedrängnis. Fast alle deutschen Autobauer drosseln die Produktion. Opel, deutsche Tochter der amerikanischen General Motors, ruft nach staatlicher Hilfe - und noch ist kein Ende der Spirale in Sicht.
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Text: Miriam Olbrisch
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So fing es an: Börsenkurse auf der ganzen Welt brechen ein. (Archiv)
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Die EU-Kommission wies die Spekulationen zurück. „Es gibt keine Diskussionen auf keinem Niveau zu diesem Thema“, so eine Sprecherin. Die griechische Regierung schloss eine Umstrukturierung erneut aus. Diese hätte katastrophale Auswirkungen auf das Land, warnte die griechische Notenbank.
Für Ulrich Kater ist die Sache klar: „Die Finanzmärkte übertreiben mal wieder.“ Bis 2013, wenn der dauerhafte Euro-Krisenmechanismus in Kraft trete, werde es keine Umschuldung geben, ist sich der Chefvolkswirt der Deka-Bank sicher. Allenfalls würden die öffentlichen Schuldner Griechenlands, also der Internationale Währungsfonds, die Europäische Zentralbank sowie die EU-Staaten, Griechenland Luft verschaffen, indem sie die Zinsen reduzierten und die Laufzeit verlängerten. Da gut die Hälfte der Schulden in öffentlichen Händen liege, würde das dem Land schon helfen, meint Kater. Ende 2010 hatte Athen Schulden in Höhe von 325 Milliarden Euro.
Die EU-Kommission sieht nach der Wahl in Finnland keinen Anlass, den Fahrplan für Portugal zu verändern. Wir vertrauen völlig darauf, dass die Finnen ihre Verpflichtungen erfüllen, betonte eine Sprecherin. Einen Plan B für Portugal gebe es nicht. Die EU wolle Mitte Mai über Kapitalhilfen entscheiden. Finnland ist das einzige Euro-Land, in dem das Parlament nicht nur über die grundsätzliche Einrichtung der Rettungsschirme sondern auch über jede Auszahlung mitbestimmt. Da bei der Wahl mit den „Wahren Finnen“ eine populistische Gruppierung drittstärkste Kraft wurde, die sich gegen Hilfen für Portugal ausgesprochen hatte, fürchten Skeptiker, die dem Land in Aussicht gestellten 80 Milliarden Euro seien gefährdet.