Brüssel. Die Internationale Energieagentur (IEA) fordert einen radikalen Umbau der Energieversorgungskonzepte. "Wir müssen verhindern, dass die Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise uns von notwendigen politischen Schritten abbringt, die Energieversorgung zu sichern und gleichzeitig den Ausstoß von Treibhausgasen zu verringern." Das betonte der Direktor der Agentur, der Japaner Nobuo Tanaka, der gestern eine "Energie-Revolution" anmahnte.
Seine Experten weisen vor allem auf die weltweit schwindenden Ölreserven hin. Sie könnten den 2030 im Vergleich zu heute um 45 Prozent höheren globalen Bedarf nicht mehr decken, warnt die Agentur. Sie hat dafür erstmals alle bekannten Ölfelder analysiert.
Der Europaabgeordnete Claude Turmes spricht von einem Paradigmenwechsel. "Bislang ist die Agentur von ständig sprudelnden Ölquellen ausgegangen", sagt der Energieexperte der Grünen. Jetzt aber "warnt sie, dass uns die aktuell fallenden Preise nicht beeindrucken sollten". Denn der enorme Bedarf in Staaten wie China und Indien werde bald für eine "preistreibende Lücke" zwischen Angebot und Nachfrage sorgen. Für 2030 beziffere die IEA den Preis für ein Barrel Rohöl (159 Liter) auf rund 200 Dollar.
Nur einen Tag nach der Veröffentlichung des IEA-Ausblicks legt die Europäische Kommission heute eine neue Strategie vor, die Europas Energiepolitik in den nächsten vier Jahren zugrunde liegen soll. Mit ihr will die Union die Versorgung langfristig sichern. Gleichzeitig soll das Konzept im Einklang mit den ehrgeizigen klimapolitischen Zielen Brüssels stehen. Der zuständige Kommissar Andris Piebalgs formuliert in dem Papier fünf Punkte: Zum einen brauche die Union massive Investitionen in neue Leitungsnetze innerhalb und außerhalb der EU. Zum anderen müssten die energiepolitischen Beziehungen Brüssels ausgeweitet werden, um die Abhängigkeit von einzelnen Lieferländern, wie etwa Russland, zu verringern. Hoffnung setzt Piebalgs unter anderem auf Afrika.
Darüber hinaus verlangt Brüssel von den Mitgliedstaaten, ihre Vorschriften für Energiereserven zu ändern, um in Krisenfällen effizienter reagieren zu können.
In einem weiteren Punkt kündigt die EU an, künftig mehr für die Energieeffizienz zu tun. Bestehende Vorschriften will sie ausweiten, energieeffiziente Neubauten und die Sanierung von Altwohnungen fördern. Schließlich berücksichtigt die Kommission bei ihrem Energiesicherungskonzept auch heimische Quellen. Dazu zählt sie neben den Erneuerbaren auch Kohle und Atomenergie.
Das hat im Europaparlament bereits Kritiker diverser Fraktionen auf den Plan gerufen. Sie betonen, dass die in der Union verbrauchte Kohle zu 40 Prozent importiert sei und die EU beim Uran vollständig von Einfuhren abhängig sei. Turmes zufolge unterschätzt die Kommission überdies "die Ölproblematik". Ohne grundsätzliche Änderungen der Verkehrspolitik bleibe die Union mit ihrem extrem hohen Anteil an Straßentransporten extrem abhängig vom Öl. Hier versäume Brüssel, etwas zu tun - vor dem Hintergrund der IEA-Analyse sei das unverantwortlich.
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