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28. Oktober 2012

Exporte: Europa wird deutsch: Deutschland zeigt Europa wie es geht

 Von Stephan Kaufmann
Die deutsche Industriepolitik soll zum Vorbild werden.  Foto: dapd

Um aus der Krise herauszufinden, setzt die Euro-Zone neuerdings hemmungslos auf Export und die Förderung der Industrie. Das Problem: Genau das versuchen die anderen Staaten in Amerika und Asien auch.

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Um aus der Krise herauszufinden, setzt die Euro-Zone neuerdings hemmungslos auf Export und die Förderung der Industrie. Das Problem: Genau das versuchen die anderen Staaten in Amerika und Asien auch.

Brian Hayes glühte vor leisem Stolz. Irland könne als Beispiel für andere Krisenstaaten dienen, sagte der Staatsminister im Dubliner Finanzministerium kürzlich in Berlin. Tatsächlich erhält Irland seit Monaten Lob von allen Seiten, trotz hoher Defizite und Schulden, trotz steigender Arbeitslosigkeit und sinkender Löhne. Denn es hat eine Stärke: Exportüberschüsse. Irland verkauft in alle Welt und saniert sich auf Kosten des Auslands. Schrittweise schwenken die anderen Euro-Länder auf denselben Kurs ein. Das sieht man in Amerika und Asien mit Unbehagen.

Die Euro-Zone steht vor einem Dilemma. Die Schuldenstände sind durch die Krise gewachsen. Die klammen Staaten legen Sparprogramme auf, die Arbeitslosigkeit steigt. Damit bricht die inländische Nachfrage zusammen und die Wirtschaftsleistung sinkt, was den Abbau der Schulden unmöglich macht. Zum dringend benötigten Wachstum führt nur ein Weg: Export, mehr Waren ins Ausland verkaufen, weniger dort einkaufen. „Europas Erholung“, so formulieren es die Ökonomen der Schweizer Bank Crédit Suisse, „hängt ab vom Wachstum im Rest der Welt“, – also von der Fähigkeit der Länder, die Kaufkraft des Auslands auf sich zu ziehen.

Löhne in Europa
Löhne in Europa

Dies ist der Kern der Anti-Krisenstrategie. Während Euro-Rettungsschirm, Anleihekäufe der Zentralbank und Sparprogramme nur die Investoren an den Finanzmärkten beruhigen sollen, führt der Weg zur Stabilität über Wirtschaftswachstum per Export. Die Euro-Zone ändert ihr Geschäftsmodell – und als Vorbild dient dabei weniger Irland als vielmehr der Exportgigant Deutschland.

Mehr Wachstum wird gebraucht

Handelsbilanz der Krisenländer
Handelsbilanz der Krisenländer

Um ihre Position auf dem Weltmarkt zu stärken, setzen insbesondere die Krisenstaaten der Euro-Zone auf den Lohn. Er soll sinken, um die Produktion zu verbilligen. Das funktioniert über drei Hebel, erklärt Christoph Weil von der Commerzbank. Zum einen haben Rezession und hohe Arbeitslosigkeit die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften geschwächt. Zum anderen haben viele Peripherieländer die Löhne der öffentlich Beschäftigten gekürzt. Und schließlich sorgen Arbeitsmarktreformen, Streichung von Feiertagen, Kürzung des Mindestlohns und andere Maßnahmen für Lohndruck.

Ergebnis: „Die Euro-Peripherie macht große Fortschritte bei der Wettbewerbsfähigkeit“, loben die Crédit-Suisse-Ökonomen. Diese Fortschritte machen die Menschen ärmer und lassen ihre Kaufkraft sinken. In den südlichen Ländern der Währungsunion schrumpfte die reale inländische Nachfrage zuletzt mit Raten von 15 Prozent. Damit sinken auch die Importe. Auf Grund der Krise kaufte Griechenland in den ersten sieben Monaten dieses Jahres 13 Prozent weniger im Ausland ein, Italien und Portugal sechs Prozent weniger und Spanien drei Prozent weniger. Da die Exporte gleichzeitig zulegen, verschwinden langsam die Defizite im Außenhandel, Spanien und Italien sind mittlerweile wieder im Plus. Insgesamt verzeichnen die Peripheriestaaten als Gruppe inzwischen einen Überschuss im Außenhandel.

Irland exportiert
Irland exportiert

Da gleichzeitig die Überschüsse exportstarker Länder wie Deutschland nicht sinken, vollzieht sich ein fundamentaler Wandel: Die Euro-Zone, die früher eine mehr oder weniger ausgeglichene Leistungsbilanz hatte, wird zum globalen Netto-Exporteur. Und zwar, wie es scheint, auf Dauer. „Die Euro-Zone wird Deutschland immer ähnlicher“, stellt Crédit Suisse fest.

In den ersten acht Monaten des laufenden Jahres legten die Ausfuhren der Euro-Zone um neun Prozent zu, die Einfuhren nur um zwei Prozent. Der Überschuss steigt, im Handel erzielte die Währungsunion ein Plus von 47 Milliarden Euro. Im Vorjahreszeitraum fiel noch ein Defizit von 27 Milliarden an.
Treiber der Entwicklung ist bislang die Rezession im Süden Europas, die die Importe drückt. Gleichzeitig aber „brauchen die Euro-Krisenstaaten dauerhafte Exportüberschüsse“, so Credit Suisse. Grund sind die hohen Auslandsschulden, die in Griechenland, Portugal und Spanien zwischen 80 und 100 Prozent der Wirtschaftsleistung betragen. Über Exportüberschüsse sollen diese Schulden jetzt abgetragen werden.

Kampfansage an Asien und Amerika

Das dürfte ihnen innerhalb der Euro-Zone allerdings schwer fallen – der deutsche Vorsprung ist gewaltig. Selbst wenn die Lohnstückkosten in der Euro-Peripherie weiter fallen, „ist es zweifelhaft, ob die Lücke zu Deutschland bald geschlossen werden kann – wenn überhaupt jemals“, so Carsten Brzeski von der Bank ING. Zudem hätten Exportländer wie Deutschland oder die Niederlande auf die sinkenden Produktionskosten der südeuropäischen Konkurrenten ihrerseits mit Preissenkungen reagiert. „Sie drücken ihre Gewinnspannen, um ihre starke Marktposition zu halten“, erklärt Brzeski.
Daher suchen die Euro-Staaten ihr Glück im fernen Ausland und nehmen die Märkte in Fernost und Amerika ins Visier. „Europa muss sich dem Druck aus allen Ländern der Welt stellen, inklusive China und Indien“, forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel kürzlich in Berlin.

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In Asien und Amerika erkennt man dies als Kampfansage. Denn dort verfolgt man eine ähnliche Strategie. So hatte US-Präsident Barack Obama angekündigt, die USA wollten vermehrt über den Weltmarkt wachsen. Dies funktioniert mit dem Europageschäft derzeit allerdings schlecht. Im August stagnierten die amerikanischen Ausfuhren in die Alte Welt.
Ähnlich in China: Dort hat das Wirtschaftswachstum auf Grund sinkender Exportzuwächse zuletzt nachgelassen. Die Ausfuhren nach Europa lagen in den ersten acht Monaten dieses Jahres auf dem Niveau des Vorjahres, gleichzeitig sind die Importe aus Europa um zehn Prozent gestiegen.

Sorgen macht man sich auch in Japan, wo die Ausfuhren nach Europa dieses Jahr um sechs Prozent geschrumpft sind, die Importe von dort jedoch um 18 Prozent gestiegen. Das drückt das Wirtschaftswachstum in Japan. Wirtschaftsminister Seiji Machara warnte daher in der vergangenen Woche davor, die Ratingagenturen könnten das Land abermals herabstufen.
Mit seiner Exportoffensive versucht Europa also, anderen Staaten Wachstumsanteile abzunehmen. „Die steigenden Leistungsbilanzüberschüsse des Euro-Raums bedeuten einen negativen Schock für die Weltwirtschaft“, so Crédit Suisse. Und dies in einer Zeit, in der die Wachstumsraten für den Welthandel sinken.

Gefahr von Handelsstreitigkeiten

Damit steigt die Gefahr von Handelsstreitigkeiten. „Viele Industrieländer leiden unter schwachem Wachstum und hohen Schulden“, sagt Patrick Artus von der französischen Bank Natixis. „Das setzt starke Anreize für nicht-kooperative Politik.“ Die USA beispielsweise würden weiter versuchen, die Lohnkosten zu senken und liebäugelten mit der Abschottung ihres Marktes.
Umfragen des Ifo-Instituts belegen insbesondere in Asien, „aber auch in vielen anderen Teilen der Welt einen Trend zum Protektionismus“. Die großen Handelsblöcke versuchen, die Kosten der Krise auf die anderen abzuwälzen.

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