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24. Oktober 2013

Fachkräfte und Demografie: Manche werden schneller alt

 Von Stefan Sauer
Pflegekräfte sind heute so alt wie nie zuvor.  Foto: REUTERS

Der Altersdurchschnitt steigt in einigen Berufsgruppen besonders stark - etwa bei den Pflegekräften. Dass die den Job so lange machen können, liegt an technischen Hilfen wie Hydraulikbetten oder Pflegerobotern.

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Die deutsche Gesellschaft altert und alle altern mit: Chemiearbeiter und Krankenschwestern, Buchhalter und Elektroingenieure, Erzieherinnen und Zerspanungsmechaniker, Hebammen und Bankkaufleute. Dass mit fortschreitender Lebensdauer der Babyboomer, die zwischen 1955 und 1970 zur Welt kamen, auch die Belegschaften in Kliniken, Behörden, Unternehmen und Handwerksbetrieben allmählich ergrauen, ist keine sonderlich neue Erkenntnis. Das gilt ebenso für die Sorge der Wirtschaft um ausreichenden Nachwuchs. Neu – und überraschend – sind hingegen manche Forschungsergebnisse, die Alterungsprozesse in einzelnen Berufen betreffen.

Im Auftrag der Initiative Neue Qualität der Arbeit (Inqa) haben Wissenschaftler der Universität Rostock zwölf Berufsgruppen aus den Bereichen Industrieproduktion, Gesundheit und Pflege, Ingenieurs- und Naturwissenschaften sowie kaufmännische Tätigkeiten genauer unter die Lupe genommen. Um es vorweg zu nehmen: Mit Ausnahme der Wirtschaftsingenieure ist das Durchschnittsalter der Beschäftigten in allen Berufen während des Untersuchungszeitraums 1993 bis 2011 deutlich gestiegen. 1993 wiesen nur drei der untersuchten Berufsgruppen ein Durchschnittsalter von über 40 Jahren auf, 2011 lagen alle Werte jenseits der 40. Für 2020 prognostizieren die Wissenschaftler je nach Beruf einen Anstieg auf 42 bis 48 Jahre.

Zahl der Pflegekräfte steigt

Besonders ausgeprägt ist dieser Trend bei Hebammen, Kranken- und Altenpflegerinnen. Vor 20 Jahren lag das Durchschnittsalter in dieser Berufsgruppe noch bei 35 Jahren, mittlerweile sind es fast 42 Jahre. Die Zahl der 61 Jahre alten Krankenschwestern erhöhte sich im gleichen Zeitraum von bundesweit 600 auf 6240. Im Jahr 2020 werden es nach Hochrechnungen der Forscher bereits 19 000 sein.

Der Befund ist nach Worten der Rostocker Projektleiterin Thusnelda Tivig in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert: er widerspreche sowohl herkömmlichen theoretischen Annahmen als auch der verbreiteten Ansicht, Pflegeberufe seien für ältere Arbeitnehmerinnen wegen der hohen Belastungen grundsätzlich nicht geeignet. Nach gängiger Lehrmeinung nämlich hätte das Durchschnittsalter nicht so stark steigen dürfen: „Besonders ausgeprägte Alterungsprozesse werden eigentlich in Berufen erwartet, in denen die Beschäftigung stagniert oder zurückgeht.“ Im Kranken- und Pflegebereich aber stieg die Zahl der Beschäftigten zwischen 1993 und 2011 um 35 Prozent auf fast 800 000, trotzdem alterten die Belegschaften besonders rasch.

Arbeit altersgerecht verteilen

Dabei fanden die Forscher heraus, dass nur ein Drittel des Alterungsprozesses demografisch bedingt war. Maßgeblicher sind andere Ursachen: In keiner anderen Berufsgruppe gibt es so viele Frauen jenseits der 40, die im Anschluss an die Kinderphase erstmals oder erneut in den Beruf einsteigen. Zugleich nahm die Teilzeitarbeit stark zu, die Quote stieg von 23 auf 41 Prozent. Dass zunehmend auch ältere Arbeitnehmerinnen die eigentlich stark belastenden Tätigkeiten ausüben können, liegt laut Tivig unter anderem an technischen Assistenzsystemen: Hydraulische Betten, die Wundliegen verhindern, maschinelle Hebehilfen und gar Pflegeroboter, die die Medikamentengabe übernehmen, erleichterten Krankenschwestern und Pflegern den Arbeitsalltag. Auch eine altersgerechte Verteilung von Aufgaben sei hilfreich.

Ohne Zuwanderer geht es nicht

Ganz anders stellt sich die Situation der Elektroingenieure dar. Zwar ist auch bei ihnen eine deutliche Alterung festzustellen: Der Altersdurchschnitt stieg von 39,5 auf fast 45 Jahre an. Anders als im Pflegebereich kommen in späteren Jahren aber nicht etwa Fachkräfte hinzu, im Gegenteil kehren sie ihrer Arbeit bereits ab dem 35. Lebensjahr den Rücken. Von 8000 Elektroingenieuren, die 1993 genau 31 Jahre alt waren, verrichteten 2011 nur noch 5560 ihren Job. Tivig nennt als Gründe den Aufstieg auf der Karriereleiter sowie die starke Spezialisierung auf die Elektronik mit ihrer extrem schnellen Entwicklung.

Die Studienergebnisse zeigten eines ganz deutlich: Um dem drohenden Fachkräftemangel, den die Forscher für alle untersuchten Berufsgruppen außer den kaufmännischen vorhersagten, zu begegnen, bedürfe es unterschiedlicher Strategien der Unternehmen: Von der körperlichen Entlastung über die Aktivierung von Frauen und Geringqualifizierten bis zum Angebot neuer Karrierechancen. Auf eines, so Tivig, ist die deutsche Wirtschaft aber angewiesen: „Ohne qualifizierte Zuwanderung wird der Bedarf nicht zu decken sein.“

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