Es klingt wie das Ende der Dinosaurier. „Das mechanische Fahrrad wird verdrängt“, und zwar von elektrifizierte Drahteseln, sagt Hannes Neupert mit fester Stimme. Der Prophet ist Vorsitzender des Vereins Extra Energy und gilt hierzulande als Elektrofahrrad-Papst. Angesichts jährlicher Wachstumsraten von 50 Prozent wirkt seine Vorhersage plausibel, dass 2014 in Deutschland mehr als eine Million E-Bikes und sogenannte Pedelecs fahren. Im Vorjahr waren es laut Zweiradindustrieverband (ZIV) 200.000 Stück. 2011 erwartet die Branche 300.000 bis 340.000 Verkäufe. Wenn das „Prepaid-Rad“ kommt, ist ein zusätzlicher Schub drin, sagt Neupert.
Mietbatterie könnte Preis senken
Elektrofahrräder sind in Rekordzeit vom Nischen- zum Boomprodukt geworden. Es gibt Pedal Electric Cycles (Pedelecs), deren Elektromotor ohne Treten keine Leistung abgibt. Bei einer Geschwindigkeit ab 25 Stundenkilometer schaltet er ab. Bei den E-Bikes kann man ohne Montor fahren oder mit. Die Räder bringen es auf bis zu 45 Stundenkilometer, auch ohne zu treten. Experten halten die Technologie mit Batteriereichweiten von bis zu 140 Kilometern mittlerweile für ausgereift.
Bei der Münchner Messe Bike Expo stehen Elektrofahrräder im Zentrum. Die Schau öffnet am Donnerstag ihre Pforten für vier Tage. Mit einem Zuwachs von fast einem Fünftel auf über 300 Aussteller ist sie hinter der Friedrichshafener Eurobike die zweitgrößte Branchenschau ihrer Art in Deutschland.
Darunter versteht er Elektrofahrräder mit einer Mietbatterie. Das würde den Verkaufspreis drastisch senken und vermutlich mehr jugendliche Kunden anlocken. Zurzeit sind rund 42 Prozent der deutschen Käufer von Elektrofahrrädern über 65 Jahre alt, erläutert Adrianus Roest. Er ist Deutschland-Manager von Europas zweitgrößtem Fahrradhändler Biretco. Nur 8,4 Prozent der Kunden seien jünger als 40 Jahre und das hat vor allem mit dem Preis zu tun. 2000 Euro kostet ein E-Bike im Schnitt, vor allem wegen der teueren Batterien. Für elektrische Mountainbikes muss man sogar rund 7000 Euro berappen. Neuperts Prepaid-Bike würde 300 Euro Einstiegspreis kosten plus monatlich 35 Euro Batteriemiete. Das könnte weniger betuchte Menschen locken.
Bereits heute ist das E-Rad ein Trendsetter und Vorreiter der Elektromobilität weit vor Elektroautos. Das haben erste Automobilzulieferer erkannt. Im Geschäft mit der Kfz-Branche werden ihre Renditen immer mehr gedrückt, bei Elektroantrieben für Fahrräder seien satte Gewinne möglich, sagt Neupert. So sieht er das Unternehmen Bosch auf dem Weg zu Marktführerschaft in diesem Bereich noch vor Panasonic aus Japan. „Mit dem E-Bike wandert Wertschöpfung von Japan nach Europa“, ist sich der Fahrrad-Papst sicher. Die Batterien blieben allerdings eine asiatische Domäne.
Niederländer fahren mehr Rad
Das wirtschaftliche Potenzial weist weit über Deutschland hinaus. „Das Fahrrad ist weltweit das Verkehrsmittel Nummer eins“, betont Roest. Auch hierzulande gebe es 73 Millionen Drahtesel, die Zahl der Autos nicht nicht mal halb so groß. Aber erst zwölf Prozent aller Fahrten werden derzeit mit dem Rad erledigt. Das ist zwar eine Steigerung von zwei Prozentpunkten seit 2008, aber noch liege viel Potenzial brach. So würden in den Niederlanden rund 30 Prozent aller Fahrten mit mechanischen oder Elektrobikes erledigt. Dahin könne Deutschland auch kommen. In den Niederlanden wird bereits gut die Hälfte aller Fahrradumsätze mit dem E-Bike gemacht. In Deutschland sind es bei stark steigender Tendenz zwölf Prozent.
E-Bikes taugen als umweltfreundliches Statussymbol und gewinnen auch bei Besserverdienenden an Bedeutung, vor allem für die Fahrt zur Arbeit, sagen Experten. „Wer kurze Strecken mit dem Fahrrad fährt, kann auch viel Geld sparen“, betont Roest mit Blick auf steigende Spritpreise. Seine Branche hat es ausschließlich E-Bikes zu verdanken, dass sie wächst. Um rund zwei Prozent auf 1,84 Milliarden Euro hat der Umsatz der Fahrradhändler bei vier Millionen verkauften Drahteseln hierzulande 2010 zugenommen. Dem Boom bei E-Bikes steht ein Niedergang mechanischer Fahrräder gegenüber. Nimmt man Fahrradtourismus dazu, der mit E-Bikes an Reichweite und Bedeutung gewinnt, sind Drahtesel in Deutschland schon heute für 13,5 Milliarden Euro Umsatz verantwortlich. Und die Zeiten dürften für die Branche noch besser werden.
Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.
Am 31. Mai diskutiert FR-Redakteur Tobias Schwab mit Fernsehköchin Sarah Wiener und weiteren Gästen das Thema "Wer verdient am Kaffee?"
Die Schuldenkrise hat Europa im Griff: Nachrichten zur Eurokrise, Konjunktur, Eurobonds und Ratingagenturen.