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Faktenblatt: Die Zeitarbeitsbranche

Branchen, Rechtslage, Klebeeffekt.

Die Beschäftigungsgewinne der vergangenen Jahre gingen fast durch- weg auf das Konto prekärer Jobs wie Ein-Euro- und Minijobs sowie Leiharbeit. In den vergangenen beiden Jahren entstanden 26 Prozent aller neuen sozialversicherungspflichtigen Stellen in der Leiharbeitsbranche, berichtet das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung in Nürnberg (IAB).

Im vorigen Jahr zählte die Bundesagentur für Arbeit über 700.000 Leiharbeiter - und damit mehr als doppelt so viele wie vier Jahre zuvor. Damit waren 2,6 Prozent aller Stellen Zeitarbeitsjobs - ein Spitzenwert in der Geschichte der Branche. Bis heute ist die Zahl wohl noch einmal gestiegen - im nächsten Jahr dürfte die Branche allerdings wieder schrumpfen, vermutet IAB-Fachmann Lutz Bellmann.

Wie hart die Einschnitte werden und wie viele Menschen entlassen werden, könne man noch nicht abschätzen. Löhne Die Einkommen der Leiharbeiter liegen im Schnitt 30 Prozent unter dem Niveau der jeweiligen Entleihfirma. Viele Beschäftigte können von ihrem Gehalt nicht leben: Jeder achte Leiharbeiter bezieht zusätzlich Hartz IV.

Gewerkschaften prangern die schlechte Bezahlung an und fordern gleichen Lohn für gleiche Arbeit. In einigen Firmen ist dies bereits Realität: Etwa ein Viertel der Leiharbeiter würden gleich entlohnt wie die Stammkräfte, berichten Insider.

Die Zeitarbeitsfirma richte ihr Angebot nach den Wünschen des Kundenbetriebs, argumentieren Branchenvertreter. Wenn dieser eine Kraft zu seinem eigenen Tariflohnniveau haben will, bekommt er dies.

Wenn er dagegen eine reine Billigkraft haben möchte, bekommt er auch dies. Die Verantwortung liege beim Entleiher und Betriebsrat. Die IG Metall hat in diesem Jahr eine Kampagne gestartet und erreicht, dass in rund 400 Betrieben die Arbeitsbedingungen und Löhne der Leiharbeiter verbessert wurden.

Die Rechtslage: Laut Gesetz müssen Leiharbeiter und Stammkräfte gleich entlohnt werden - es sei denn, ein Tarifvertrag regelt etwas anderes. Und genau das ist für die meisten Realität. In der Zeitarbeitsbranche haben die christlichen Gewerkschaften und die DGB-Gewerkschaften Tarifverträge abgeschlossen. Gemessen an Tarifregeln in der Industrie sehen sie relativ niedrige Einkommen vor.

Die Vereinbarungen sind aber nicht viel schlechter als in vielen anderen Dienstleistungsbranchen.

Der Klebeeffekt: Die Zeitarbeit verspricht Arbeitslosen den Einstieg in ein Normalarbeitsverhältnis durch den sogenannten Klebeeffekt. Gemeint ist damit, dass die Leiharbeiter vom Einsatzbetrieb übernommen werden. Doch das klappt nicht sehr oft. In Studien werden unterschiedliche Zahlen genannt. Mal heißt es, zehn Prozent der Leih-Leute werden binnen eines Jahres abgeworben, mal ist von bis zu 25 Prozent die Rede.

Ersatz für Festangestellte: Kritiker bemängeln, dass Firmen billige Leihkräfte anheuern und so reguläre Stellen ersetzen. Wissenschaftlichen Studien zufolge halten sich die Anteile der Leiharbeiter, die Stammkräfte ersetzen und derjenigen, die als zusätzliches Personal dienen, etwa die Waage.

Die Branchen: In Deutschland sind im internationalen Vergleich extrem viele Leiharbeiter in der Industrie tätig. Etwa 65 Prozent waren im vorigen Jahr in Fertigungsberufen tätig, berichtet das IAB. Nachgefragt würden vor allem Schlosser, Mechaniker, Elektriker und Hilfarbeiter. In anderen Ländern sind die Leute viel häufiger im Dienstleistungssektor tätig.

Fachleute nennen für dieses deutsche Besonderheit mehrere Gründe: Industriebetriebe hätten wegen des hohen Lohnniveaus für Festangestellte immer mehr Leiharbeiter angeheuert. Bei der Autoindustrie sei noch ein Faktor dazu gekommen: Die Branche habe sich in den vergangenen Jahren rasant entwickelt. Weil Managern klar war, dass dies nicht ewig so weiter geht, hätten sie im großen Stil Zeitarbeiter angeheuert.

Laut IAB hat die Autoindustrie mit rund zehn Prozent den höchsten Leiharbeiter-Anteil aller Branchen. Im deutschen Dienstleistungssektor sei Zeitarbeit vermutlich nicht so stark verbreitet wie anderswo, weil die Unternehmen hier Minijobs als "Flexibilisierungsinstrument" nutzen können, so das IAB. Minijobs gibt es in anderen Ländern nicht. (rb/rt)

Datum:  24 | 11 | 2008
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