Der deutsche Aufschwung ist im zweiten Quartal fast zum Stillstand gekommen. Sinkende Konsumausgaben und schrumpfende Bauinvestitionen ließen das Bruttoinlandsprodukt nur noch um 0,1 Prozent im Vergleich zum ersten Vierteljahr steigen, teilte das Statistische Bundesamt am Dienstag in einer ersten Schätzung mit. „Das ist das langsamste Wachstum seit Jahresbeginn 2009, als die Finanzkrise ihren Höhepunkt erreichte“, sagte ein Statistiker. Die 45 von Reuters befragten Analysten hatten im Schnitt mit einem Plus von 0,5 Prozent gerechnet, wobei ihre Prognosen von 0,2 bis 0,8 Prozent reichten. Das Wachstum für das erste Quartal korrigierten die Statistiker von 1,5 auf 1,3 Prozent nach unten.
„Die privaten Konsumausgaben und die Bauinvestitionen bremsten die deutsche Wirtschaft im zweiten Vierteljahr 2011“, hieß es. Weil die Importe schneller stiegen als die Exporte, kamen auch vom Außenhandel negative Impulse. Dagegen zogen Investitionen der Unternehmen an und hielten die Wirtschaft damit auf Wachstumskurs. Details wollen die Statistiker am 1. September nennen.
"Wir können uns nicht völlig von der Welt abkoppeln"
Experten reagierten überrascht auf die unerwartet starke Konjunkturabkühlung. „Das ist eine herbe Enttäuschung“, sagte WestLB-Analyst Jörg Lüschow. „Wir kennen noch nicht die genauen Ursachen“, sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. „Aber es liegt natürlich auch am Bau, der im ersten Quartal von einer ungewöhnlich milden Witterung profitiert hatte. Diese Nachfrage fehlte jetzt.“ Die weltweite Konjunkturabkühlung habe der Exportnation ebenfalls zugesetzt. „Auch Deutschland kann sich nicht völlig abkoppeln vom Rest der Weltwirtschaft“, sagte Krämer. „Die Frühindikatoren zeigen mittlerweile auch bei uns nach unten.“
Abkühlung auch anderswo
Auch in anderen führenden Industriestaaten hatte sich das Wachstum im Frühjahr merklich abgekühlt. Die weltgrößte Volkswirtschaft USA schaffte ein Plus von rund 0,3 Prozent, während die japanische Wirtschaft sogar um 0,3 Prozent schrumpfte. In Frankreich - dem wichtigsten deutschen Handelspartner - stagnierte die Wirtschaft.
Im Vergleich mit dem Vorjahresquartal legte das Bruttoinlandsprodukt um kräftige 2,8 Prozent zu. Zu Jahresbeginn waren es allerdings noch 5,0 Prozent. Die meisten Institute hielten in diesem Jahr bislang ein Wachstum von deutlich mehr als drei Prozent für möglich. Das arbeitgebernahe Forschungsinstitut IW bekräftigte erst zu Wochenbeginn seine Prognose von 3,5 Prozent und geht für 2012 von 2,25 Prozent aus. Nach den aktuellen Daten dürften viele Fachleute nun aber skeptischer werden: „Viele Wachstumsprognosen werden jetzt wohl gesenkt werden, wir werden das auch machen“, sagte WestLB-Experte Lüschow. (rtr)
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