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05. Mai 2009

Faule Studien: Wie Lobbyisten uns manipulieren

 Von EVA ROTH
Lobbyisten sind überall - erst recht im Berliner Reichstag.  Foto: dpa

Ein Gutachten übt harsche Kritik an einer Studie der Arbeitgeber zum Kündigungsschutz. Einmal mehr zeigt sich, dass Lobbyisten mit allen Mitteln die Politik beeinflussen wollen. Von Eva Roth

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Lobbyisten wollen die Politik beeinflussen. Die Arbeitgeber sind in dieser Disziplin recht erfolgreich. Sie verweisen gern auf Studien, die belegen sollen, dass ihre Forderungen nicht nur ihren Interessen entsprechen, sondern wissenschaftlich fundiert sind.

Doch kürzlich sind zwei widersprüchliche Studien frontal aufeinandergeprallt. Der Unfall wurde - was sehr selten passiert - aufgeklärt, und der Untersuchungsbericht zeigt: Die Lobbyisten scheuen sich nicht, uns mit fragwürdigen Methoden zu manipulieren.

Was ist geschehen? Am 10. Februar berichtet das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW): "Die Regelungen des Kündigungsschutzes kosten die Wirtschaft hierzulande 7,5 Milliarden Euro pro Jahr." Mehr noch: Der Kündigungsschutz verhindere, "dass jährlich mehr als 40000 neue Stellen geschaffen werden". Das habe das IW mit IW Consult in einer "repräsentativen Unternehmensbefragung" ermittelt.

31 oder doch nur 12 Prozent?

Damit stützen die Forscher die Position der Arbeitgeber. Die fordern seit jeher, den Arbeitsmarkt zu flexibilisieren - und haben schon einiges erreicht. So hat die Politik Leiharbeit und befristete Jobs erleichtert, mit denen sich der Kündigungsschutz prima umgehen lässt.

Aber das reicht der Arbeitgebervereinigung BDA nicht, sie will den Kündigungsschutz selbst aufweichen: Künftig sollen Unternehmen den Beschäftigten ihre Rechte abkaufen können: Der Arbeitnehmer verspricht, in keinem Fall gegen eine Kündigung zu klagen. Als Gegenleistung erhält er bei seiner Entlassung eine Abfindung. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt hat diese Forderung im April in einem Positionspapier bekräftigt, das er an Politiker schickte.

Die IW-Studie liefert jede Menge Argumentationshilfe: Sage und schreibe 31,2 Prozent aller Beschäftigten, die gekündigt werden, würden gegen ihre Entlassung klagen. In Wirklichkeit ist vielleicht alles noch viel schlimmer, meinen die Autoren der Studie. Wirklich?

Am 10. Februar veröffentlicht zufällig auch die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung eine Pressemitteilung zum Kündigungsschutz. Danach klagen nicht 31,2 Prozent, sondern gerade mal 12 Prozent aller Entlassenen. Dies habe eine "repräsentative Befragung" von TNS Infratest im Auftrag des Instituts WSI ergeben. Hmm. Beide Studien sind repräsentativ und trotzdem so unterschiedlich. Was ist da faul?

Die Forscher der Böckler-Stiftung haben Professor Rainer Schnell von der Uni Duisburg-Essen gebeten, sich die beiden Studien anzuschauen. Schnell ist spezialisiert auf Methoden der empirischen Forschung und kennt sich mit Umfragen bestens aus. Das IW stimmte der Prüfung zu, was löblich ist - und mutig.

Denn Schnell hat der IW-Studie ein miserables Zeugnis ausgestellt. Das IW hat zunächst über eine Zufallsauswahl Unternehmen telefonisch kontaktiert und die Umfragewilligen anschließend angemailt. Weiter heißt es in der Studie: "Zur Optimierung wurden weitere Unternehmen um Teilnahme gebeten, deren Beitrag an der Stichprobe ungefähr sechs Prozent beträgt." So kann man das nicht machen, meint Schnell: "Ein solches Verfahren ist in dieser Weise nicht zulässig und kann zu gravierenden Verzerrungen führen."

Von den rund 10.000 angemailten Unternehmen antworteten 1770 Firmen. "Bei dieser Studie ist es hoch plausibel, dass sich überwiegend Unternehmen, die Probleme mit dem Kündigungsschutz erfahren haben, an der Befragung teilnehmen", betont Schnell. Demnach ist es wahrscheinlich, dass die Klagezahl überschätzt wurde. Diese möglichen Verzerrungen würden gar nicht untersucht - das sei der größte Mangel.

Schnell vermutet, dass der wahre Anteil der Klagen "deutlich" unter den IW-Angaben liegt. Das IW wollte von den Firmen auch wissen, welche Kosten ihnen durch den Kündigungsschutz entstanden sind. Schnells Urteil: Es sei "naiv" zu glauben, dass eine derartige Befragung zu einer "validen Schätzung führt".

Ist die Studie trotzdem eine wissenschaftliche Publikation? "Nein", sagt Schnell. Das IW weist den Vorwurf zurück, methodisch nicht sauber gearbeitet zu haben. Ein Kritikpunkt sei jedoch "relevant", sagt IW-Geschäftsführer Hans-Peter Klös der FR. Nämlich die Gefahr, dass Firmen mit Kündigungsschutz-Problemen eher an der Umfrage teilnehmen. Das IW arbeite daran, solche Verzerrungen zu minimieren.

Auch WSI-Studie hat Macken

Milder fällt Schnells Urteil zu der WSI-Studie aus. Hier wurden Beschäftigte telefonisch befragt, die in den letzten Monaten ein Arbeitsverhältnis beendet haben. Weil man nicht genau weiß, wer sich warum an der Umfrage beteiligt oder eben nicht, könnte es auch hier zu Verzerrungen kommen, jedoch wird der "Nettoeffekt dieser Ausfälle eher gering sein", schreibt Schnell.

Natürlich kann niemand erwarten, dass Umfragen unter Beschäftigten und Firmen zu gleichen Ergebnissen führen. Die beste Lösung wäre, meint Schnell, Daten der Bundesagentur für Arbeit für eine Stichprobe zu verwenden. Die Böckler-Stiftung will dies aufgreifen.

Es seien wohl kaum Einzelfälle, dass Lobbys aus Studien unzulässige Schlüsse ziehen, sagt Schnell. Ärgerlich, dass das nur selten von dritter Seite durchleuchtet wird.

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