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10. September 2014

Ferrari: Einvernehmlicher Rauswurf

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Muss das Steuer bei Ferrari aus der Hand geben: Luca Cordero di Montezemolo wurde von Fiat-Chef Sergio Marchionne entmachtet.  Foto: REUTERS

Es sollte aussehen wie eine Trennung in gegenseitigem Einverständnis, in Wahrheit ist es ein Rausschmiss: Hinter Montezemolos Abgang bei Ferrari steht ein seit langem schwelender Konflikt zwischen zwei sehr unterschiedlichen Männern, Lebensstilen und Unternehmensphilosophien.

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Rom –  

Es sollte aussehen wie eine Trennung in gegenseitigem Einverständnis. Luca Cordero di Montezomolo, Präsident des Sportwagenherstellers Ferrari, gab am Mittwoch seinen Rücktritt bekannt. Er habe sich entschieden, den Posten zu räumen, erklärte er, „nach 23 herrlichen und unvergesslichen Jahren.“ Sergio Marchionne, Chef des Mutterkonzerns Fiat, dankte dem 67-Jährigen artig für seine Leistungen – um gleichzeitig bekannt zu geben, dass er selbst künftig die Geschicke der Firma mit dem weltberühmten Markenzeichen „Cavallino Rampante“ übernehmen wird, dem schwarzen Pferd auf gelbem Grund.

In Wahrheit ist der Abschied Montezemolos allerdings ein Rausschmiss. Marchionne hatte den Ferrari-Chef bereits am Wochenende öffentlich und überraschend deutlich abgekanzelt. Die wirtschaftlichen Ergebnisse von Ferrari seien zwar gut, aber die roten Formel-1-Rennwagen hätten seit Jahren keinen Sieg mehr eingefahren, kritisierte der Fiat-Boss und betonte: „Niemand ist unersetzlich“. Das war bereits als klares Zeichen für einen bevorstehenden Machtwechsel gewertet worden.

Ausbleibende Erfolge im Rennsport sind aber wohl nur ein Vorwand. Hinter Montezemolos Abgang steht ein seit langem schwelender Konflikt zwischen zwei sehr unterschiedlichen Männern, Lebensstilen und Unternehmensphilosophien.

Montezemolo, aus dem piemontesischen Adel kommend, elegant und kultiviert, verkörpert auf geradezu ideale Weise den exklusiven Anspruch der Marke Ferrari und auch das Italienische an ihr. „Drake“ nennen ihn Motorsport-Fans – der Graf. Schon als junger Mann war er Assistent und Vertrauter des Firmengründers Enzo Ferrari. In dessen Tradition versuchte er, die Unabhängigkeit des Unternehmens mit Sitz in Maranello zu verteidigen, obwohl Ferrari zu 90 Prozent dem Fiat-Konzern gehört. Unter seiner Regie erlebte der Rennstall mit Michael Schumacher reihenweise Erfolge. Auch seine wirtschaftliche Strategie ging auf: 2013 stieg der Nettogewinn von Ferrari um 246 Millionen Euro, obwohl die Produktion der Luxusautos auf nur noch 6900 heruntergefahren wurde – um sie noch begehrenswerter zu machen. In Italien gehört Montezemolo zu den einflussreichsten Persönlichkeiten, er war Chef des Unternehmerverbands und gründete die Denkfabrik „Italia Futura“.

Marchionne, kühler Rechner und Sanierer, ist dagegen für viele ein Prototyp der Globalisierung. Der Sohn eines Carabiniere aus den Abruzzen wanderte mit 14 Jahren mit der Familie nach Kanada aus und hat heute seinen Wohnsitz in der Schweiz. Der 62-Jährige trägt grundsätzlich Wollpullover, selbst wenn er von Staatspräsidenten empfangen wird oder vor hochkarätigem Publikum spricht. Als er 2004 Fiat übernahm, stand das Unternehmen mit Verlusten von zwei Millionen Euro täglich vor dem Bankrott. Marchionne baute es zum Weltkonzern um. Seine Strategie kulminierte in der Fusion mit US-Autobauer Chrysler Anfang des Jahres. Der Firmensitz der neuen Fiat-Chrysler-Holding, des siebtgrößten Autokonzerns der Welt, wird von Turin nach Holland verlegt. Neue Modelle sollen in Detroit gebaut werden.

Montezemolo war ein Gegner der Fusion. Erst kürzlich hatte er davor gewarnt, Ferrari könnte zu amerikanisch werden. Vor dem für den 13. Oktober geplanten Börsengang von Fiat-Chrysler an der New Yorker Wall Street kann sich Marchionne aber interne Widersacher und Alleingänge nicht leisten, glauben Beobachter. Dem US-Kapitalmarkt wolle er sich als Herrscher über ein Imperium präsentieren, in dem Ferrari das Juwel sei. Maranello solle unter seiner Leitung viel enger in den Konzern eingebunden werden, Synergien würden genutzt. Marchionne hat angekündigt, dass er die Nachfolge von Montezemolo just am 13. Oktober antritt.

Am historischen Firmensitz ist er nicht willkommen. In der Kleinstadt nahe Modena fürchtet man um die Aura der Marke Ferrari. Die habe Montezemolo in langen Jahren aufgebaut und gepflegt, sie könne aber rasch wieder zerstört werden, so Medien zufolge Manager und Beschäftigte. In Italien hat Marchionne sowieso viele erbitterte Kritiker, nicht nur in den Gewerkschaften. Immer wieder habe er versprochen, die italienischen Fiat-Standorte auszubauen, statt dessen seien Arbeitsplätze ins Ausland verlagert und Produktionsstätten geschlossen worden, wird ihm vorgeworfen. „Wenn Marchionne kommt, dann streicht er uns sofort alle Zulagen“, zitierte die Zeitung La Repubblica einen Ferrari-Werksarbeiter.

Modeunternehmer Diego della Valle, ein Freund von Montezemolo, nannte Marchionne einen „kosmopolitischen Schlaukopf“. Wegen Leuten wie ihm stecke das Land in der Krise. Der Fiat-Chef solle zuerst einmal Steuern in Italien zahlen statt in der Schweiz.

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