Nicht nur die Deutsche Börse selbst, auch Analysten von Investmentbanken kritisieren die Entscheidung der EU-Kommission. Ihre Analyse sei gleich in drei Punkten fehlerhaft, rügt Christian Muschick, der bei Silvia Quandt Research auf Finanzdienstleister wie Börsen spezialisiert ist
Herr Muschick, die EU-Kommission stoppt die Fusion von Deutscher Börse und New York Stock Exchange...
...ja, das bedaure ich sehr. Da wird eine große Chance vertan, für die Aktionäre der Deutschen Börse und für den Finanzplatz.
Sie können die wettbewerbsrechtlichen Bedenken der EU-Kommission nicht nachvollziehen?
Genau. Der EU-Kommission mangelt es ganz offenkundig an einer genauen Kenntnis der Situation an den Derivatemärkten.
Da fahren Sie aber starke Geschütze auf...
Im Prinzip gibt es drei massive Fehler in der Analyse der EU-Kommission...
...Lassen Sie hören!
Erstens ist es nicht richtig, nur auf Europa zu schauen. Die zehn größten Investmentbanken handeln auf dem gesamten Globus.
Aber es kann doch nicht nur um einige Investmentbanken gehen...
...Aber sie bewegen überall die größten Volumina. Die jeweiligen regionalen Player sind nur von untergeordneter Bedeutung. Wichtig ist also in erster Linie, dass es weltweit Wettbewerb gibt. Außerdem ist es unredlich, auf der einen Seite den außerbörslichen Handel mit Derivaten auf Börsen oder börsenähnliche sogenannte Zentrale Gegenparteien zwingen zu wollen, weil der immer größer werde und weniger reguliert sei als der klassische Handel an den Börsen, ihn zugleich aber in der Wettbewerbsanalyse unter den Tisch fallen zu lassen.
Das kann aber doch kein Grund sein, weniger Wettbewerb im Börsenhandel hinzunehmen...
... aber den gibt es doch sowieso nicht wirklich. Das ist mein dritter Punkt: Jede große Börse auf dieser Welt hat sich auf bestimmte Umsatzbringer spezialisiert, die die anderen nicht haben. Die Claims sind abgesteckt.
Ein Beispiel bitte!
Die Liffe in London, die zur New York Stock Exchange gehört, ist auf den Handel mit kurzfristigen europäischen Zinsderivaten spezialisiert, die Eurex der Deutschen Börse auf das Geschäft mit langfristigen europäischen Zinsderivaten. Die konkurrieren nicht miteinander, die ergänzen sich.
Schwächt die EU-Entscheidung die Deutsche Börse?
Es ist schade, dass es nicht klappt, aber keine Katastrophe.
Werden das die Aktionäre auch so sehen?
Wir hatten von der Fusion einer Steigerung der Profitabilität um 15 Prozent erwartet. Die fällt jetzt natürlich flach. Außerdem wurden einige Millionen für Berater verbrannt. Aber die Deutsche Börse ist ein gut gemangtes Unternehmen. Um die muss sich keiner sorgen.
Börsenchef Reto Francioni warnte zuletzt aber immer wieder vor globalen Ambitionen aus Asien. Wird die Deutsche Börse bald geschluckt?
Sicherlich sind kleinere Unternehmen leichter zu schlucken als größere. Aber ich sehe nicht, dass ein asiatischer Börsenbetreiber kurz oder mittelfristig in der Lage wäre, die Deutsche Börse zu übernehmen. Da hätte auch die Politik etwas dagegen.
Wie in Australien?
Genau. Da hat Finanzminister Wayne Swan auch die geplante Übernahme der australischen Börse ASX durch die Singapurer Börse SGX platzen lassen. Die ASX sollte nicht zum Juniorpartner werden.
Warum diese Vorbehalte?
Andersherum würde es ja auch nicht funktionieren. Oder glauben Sie, China würde einer ausländischen Börse bereitwillig das Land öffnen. Das gilt übrigens auch für Japan.
Welche Alternativen hat Francioni jetzt?
Die werden sich jetzt erst einmal sortieren und nicht gleich den nächsten Deal aus dem Hut ziehen. Sicherlich werden sie bestehende Kooperationen zu vertiefen versuchen, etwa mit der koreanischen Börse. Auch Gedankenspiele, die spanische Börse zu übernehmen, sind denkbar. Gegen einen Schulterschluss mit der London Stock Exchange sprechen wieder politische Probleme, die sofort die Tagesordnung bestimmen würden, sollten entsprechende Ambitionen öffentlich werden.
Hätten Francioni und sein New Yorker Kollege Duncan Niederauer die Fusion noch retten können?
Ich glaube nicht. Der Deal lebte von der Vereinigung von Liffe und Eurex. Es war richtig, da hart zu bleiben und keine der beiden zu verkaufen. Derart weitgehende Konzessionen wären an den Märkten nicht gut angekommen.
Muss Francioni nun mit Ärger aus dem Aktionärslager rechnen?
Lohnte sich das? Sein Vertrag läuft ohnehin in einem Jahr aus. Ihm ist aber auch kein Fehler anzukreiden. Der Prozess war höchst professionell gemangt. Man wusste genau, welche Themen man wann anspricht. Ich hätte auch nicht gedacht, dass die EU-Kommission ihrer verqueren Marktsicht treu bleiben würde.
Das Interview zur gescheiterten Börsenfusion führte Bernd Salzmann
Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.
Am 31. Mai diskutiert FR-Redakteur Tobias Schwab mit Fernsehköchin Sarah Wiener und weiteren Gästen das Thema "Wer verdient am Kaffee?"
Die Schuldenkrise hat Europa im Griff: Nachrichten zur Eurokrise, Konjunktur, Eurobonds und Ratingagenturen.