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30. Juni 2011

Finanzkrise: Schattenbankensektor "völlig undurchsichtig"

 Von Timot Szent-Ivanyi
Der Präsident der Bundesanstalt für Finanzdeinstleistungsaufsicht (BaFin) Jochen Sanio.  Foto: dpa

Der Oberaufseher der deutschen Banken will den Schattenbankensektor in die Mangel nehmen und mahnt schärfere Regulierung an.

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Berlin –  

Jochen Sanio ist für seine mitunter drastischen Formulierungen bekannt. Am Mittwoch wurde der Oberaufseher der deutschen Banken wieder einmal sehr deutlich: Wenn man nicht endlich beginne, den völlig unregulierten Schattenbankensektor an die Leine zu nehmen, werde von hier aus die nächste Finanzkrise ihren Ausgang nehmen, warnte er auf einer Konferenz der Unions-Bundestagsfraktion zur Finanzmarktregulierung.

„Dieser Bereich ist völlig undurchsichtig“, erklärte der Chef der deutschen Bankenaufsicht Bafin. Niemand kenne die Risikokonzentration auf diesem Markt. Deshalb werde man das Entstehen einer Krise noch nicht einmal erkennen. Das sei „ein unhaltbarer Zustand“. Zum Schattenbankensektor werden vor allem Hedgefonds und Beteiligungsgesellschaften gezählt. Auf dem ungeregelten Markt handeln die Akteure unter anderem mit Finanzderivaten wie Kreditausfallversicherungen oder tätigen Devisentermingeschäfte. Sanio beklagte, es sei international derzeit kein Konsens darüber herstellbar, ob und wie man diesen Bereich in den Griff bekommen könne. Er sprach von einem „ganz gravierenden Regulierungsversagen“. Es könne nicht sein, dass einerseits die Regulierung im Bankenbereich verstärkt werde, sich andererseits aber die „Pappenheimer“ in den unregulierten Markt absetzten.

Rating-Agenturen in der Kritik

Sanio forderte zudem eine stärkere Überwachung der drei großen Ratingagenturen. „Die Ratingagenturen benötigen eine Aufsicht, die diesen Namen verdient“, sagte der Bafin-Chef. Diese Aufsicht müsse am besten global sein. Da müsse man „hart zur Sache gehen“. Derzeit agierten die Agenturen praktisch in einem aufsichtsfreien Raum, kritisierte der Bankenaufseher. Ratingagenturen verdienen ihr Geld damit, im Auftrag von Banken die Kreditwürdigkeit von Staaten, Unternehmen und Finanzprodukten zu bewerten sowie die Ausfallwahrscheinlichkeit von Anleihen. Der Markt wird von den drei Agenturen Fitch, Moody’s und Standard & Poor’s beherrscht.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sprach sich ebenso dafür aus, die Macht der Ratingagenturen zu begrenzen und dort für mehr Wettbewerb zu sorgen. „Wir müssen die Machtfülle des Oligopols der drei großen Ratingagenturen im Blick haben“, sagte er auf der Konferenz der Unionsfraktion. Die Agenturen seien nicht frei von Interessenkonflikten. Der CDU-Politiker mahnte zugleich, bei der Finanzmarktregulierung müsse eine ausgewogene Balance gefunden werden. „Zu wenig an Regulierung ist so gefährlich wie ein Zuviel.“ Der Minister verteidigte jedoch deutsche Alleingänge bei der Regulierung, wie die Bankenabgabe oder das Verbot von Leerverkäufen. Wenn man immer darauf setze, eine globale Lösung zu suchen, werde es nie Fortschritte geben.

Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann beklagte jedoch, die Bundesregierung habe bei der Regulierung „des Guten zu viel getan“. Damit werde nicht nur die heimische Finanzbranche geschwächt, die ohnehin schon unter einer strukturellen Ertragsschwäche leide. Die Folgen bekäme auch die Industrie zu spüren.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ließ die Kritik allerdings einfach abtropfen. Zwar habe sich Deutschland durch die Alleingänge „durchaus benachteiligt“, räumte sie ein. Aber dies sei besser, als international immer nur den kleinsten gemeinsamen Nenner zu suchen. Die Politik müsse schließlich aufpassen, dass sie nicht von den Finanzmärkten getrieben werde, sondern den Handlungsrahmen für eine soziale Marktwirtschaft setze.

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