Wirtschaft
Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse, Finanz-Themen

02. Januar 2013

Finanzplatz Frankfurt: Stiller Sieger

 Von Grit Beecken und Bernd Salzmann
Frankfurts Banker können zuversichtlich ins neue Jahr starten. Foto: Getty Images

Die Stimmung am Finanzplatz Frankfurt ist miserabel. Doch abseits von Sparrunden und Skandalen gibt es viele gute Nachrichten.

Drucken per Mail

Die Stimmung am Finanzplatz Frankfurt ist miserabel. Doch abseits von Sparrunden und Skandalen gibt es viele gute Nachrichten.

Das Betonskelett überragt alle anderen Gebäude am äußeren Mainufer. Eingerahmt von zwei riesigen gelben Kränen entsteht in Frankfurt das neue Gebäude der Europäischen Zentralbank (EZB). Schon lange reichen die drei bislang genutzten Gebäude in der Innenstadt nicht mehr aus, um alle Geldwächter zu beherbergen. Und künftig werden es noch ein paar Hundert mehr, wenn die EZB ab 2014 die Kontrolle der europäischen Kreditinstitute übernimmt. Es ist also höchste Zeit für neuen Platz.

Für Frankfurt ist der Bau ein Symbol der Stärke. Schließlich steigert die neue Superaufsicht die Bedeutung des Finanzplatzes. Denn wo beaufsichtigt wird, spielt die Musik. Und besonders die größeren Banken Europas dürften ein starkes Interesse daran haben, vermehrt Mitarbeiter nahe an den Kontrolleuren zu platzieren.

2012 war extrem unerfreulich

Das sind gute Nachrichten für die gebeutelten Frankfurter Banker. Schließlich war 2012 ein extrem unerfreuliches Jahr: Die Euro-Krise ist eskaliert, Manipulations- und Geldwäscheskandale haben das öffentliche Vertrauen in die Finanzwirtschaft bis ins Mark erschüttert. Das ohnehin schlechte Ansehen der Banker sank ins Bodenlose. Gleichzeitig kündigten etliche Institute massive Sparprogramme an: Die Deutsche Bank steicht insgesamt gut 2000 Stellen, die Commerzbank Gerüchten zufolge 6000. Die DZ Bank plant, 100 Arbeitsplätze abzubauen, die Hessischen Landesbank Helaba 450.

In Frankfurts Bürotürmen grassiert die Angst. Wer wird der nächste sein, wer kann bleiben und wer wird arbeitslos? Und – wer stellt die freigesetzten Fachkräfte ein, wenn alle Banken entlassen? Einige meinen, sie hätten allenfalls in der Selbstständigkeit noch eine Chance. „Die haben ihren Job noch, orientieren sich aber schon mal“, sagt Ellen Bommersheim, Geschäftsführerin des Frankfurter Gründerzentrums Kompass.

Geht Frankfurt gestärkt aus der Krise hervor?

Doch wer die schlechte Stimmung beiseite schiebt und sich auf die Suche nach Zahlen macht, entdeckt einen ganz anderen Trend. Manch ein Experte vermutet bereits, dass Frankfurt gegenüber anderen Finanzplätzen am Ende gestärkt aus der Krise hervorgeht. Ein Blick auf Daten der Bundesbank zeigt: Seit Ausbruch der Krise im Herbst 2008 ist die Zahl der Beschäftigten bei Frankfurter Kreditinstituten gestiegen. Um mehr als 500 – von rund 74000 auf 74500 im März 2012. Und das, obwohl die Zahl der Banken am Finanzplatz im gleichen Zeitraum von 229 auf 215 gesunken ist.

Das beobachtet auch die Arbeitsagentur. „Seit 2007 haben wir sogar einen leichten Anstieg der Beschäftigten im Bereich Banken und Versicherungen“, heißt es dort. Einen Stellenabbau beobachte man vor allem bei den Versicherern. Also sind die angekündigten Jobstreichungen leere Ankündigungen?

Der Arbeitsplatzabbau sei ein „schleichender Prozess“, sagt die Gewerkschafterin Birgit Braitsch, Leiterin des Fachbereichs Finanzdienstleistungen bei Verdi Hessen. Alle Banken versuchten, den Personalaufwand so gering wie möglich zu halten. Rabenschwarz sieht sie für die Arbeitsplätze in den Hochhäusern der Kreditinstitute aber nicht. „Ich glaube nicht, dass wir von 75000 auf 50000 kommen.“

"Enorme Bandbreite an Jobs"

Lutz Raettig, Präsident der Lobbyorganisation Main Finance und Aufsichtsratsvorsitzender von Morgan Stanley Deutschland, erklärt, warum: „Frankfurt verfügt über eine enorme Breite an verschiedenen Jobs.“ Das sorge für Ausgleich und Stabilität. Schließlich gibt es am Main inländische und ausländische Institute, private, genossenschaftliche und öffentliche. Hinzu kommen die Notenbanker, deutsche Aufsichtsbehörden wie Bundesbank und Bafin, die europäische Versicherungsaufsicht Eiopa sowie Förderbanken wie die KfW und etliche Wirtschaftsprüfer wie KPMG und PwC.

Zudem wollen die Institute, die sparen, oft sozialverträglich und über mehrere Jahre abbauen. So will die Helaba die Stellen bis 2015 streichen, auch andere Institute strecken die Ziele über mehrere Jahre. Gleichzeitig stellen die Banken immer noch ein. Die Deutsche Bank sucht derzeit auf ihrer Internetseite in Hessen 35 Berufserfahrene, auch Trainees sind gefragt. Und wöchentlich kommen neue Stellenangebote dazu. Darunter sind Juristen für die Dokumentation des Derivategeschäfts und Compliance-Spezialisten. Der Bereich Compliance soll die Einhaltung von Gesetzen und Richtlinien sicherstellen. Auch die Helaba sucht Spezialisten für diese Aufgabe, die ING Diba stellt Risikoanalysten ein. „Es gibt immer wieder Neueinstellungen, wo spezielle neue Qualifikationen nachgefragt werden“, sagt Raettig.

Regulierung schafft Jobs

Tatsächlich hat vor allem die zunehmende Regulierung neue Jobs geschaffen. Banken müssen deutlich strengere Vorschriften einhalten und viel mehr Daten an die Aufseher melden als bislang. Und das dürfte mit Inkrafttreten des neuen Regelwerks Basel III und diverser anderer Gesetze noch weitergehen.

Weiterhin ist das Gros der Frankfurter Banker im vergleichsweise soliden Privat- und Firmenkundengeschäft tätig. Besonders letzteres lief angesichts der erfreulichen Konjunktur gut. Zwar stöhnen die Banken unisono, sie würden damit kaum noch was verdienen. Trotzdem sei die Lage der deutschen Institute alles in allem gut, sagt Michael Kemmer, Geschäftsführer des Bankenverbands. Deutschlands Banken haben gut zu tun: Exporte müssen abgewickelt, Kreditlinien verlängert werden. Viele Unternehmen lassen sich Wechselkurse absichern oder emittieren eigene Anleihen. Für all das benötigen sie Banken.

„Wir brauchen so einen Finanzsektor, sonst funktioniert unser ganzes Wirtschaftssystem nicht mehr“, sagt Peter Kania, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Frankfurt. „Und Frankfurt ist nach wie vor das Zentrum eines Landes, das wirtschaftlich von großer Bedeutung ist.“ Und eines Landes, dessen Finanzsektor vergleichsweise solide ist. Skandale toben vor allem bei der Deutschen Bank, um andere Institute ist es recht ruhig bestellt. Libor, Geldwäsche und Betrug scheinen vor allem das Werk britischer und amerikanischer Banken zu sein. Gleichzeitig fahren deutsche Banken vor allem das Investmentbanking zurück. Und das sitzt in der Regel in London.

Erst werden in London Jobs abgebaut

Von den 2000 Stellenstreichungen der Deutschen Bank sollen rund 1400 in diesem und nachgelagerten Bereichen entfallen. Und das vor allem an der Themse, sagen Insider. „Der Vorstand hat gemerkt, dass Deutschland im Investmentbanking ein Niedriglohnland ist“, frotzelt ein Banker. In London könnte in den kommenden Jahren jeder dritte Arbeitsplatz wegfallen. Die Stadt hängt wie kaum ein anderer Finanzplatz am Handel. „London ist die europäische Metropole des Investmentbankings“, sagt Ulrike Bischoff, Referentin Finanzplatz-Research bei der Helaba.

So ist die Stadt der größte Umschlagplatz für Währungen und Termingeschäfte. 38 Prozent der weltweit gehandelten Devisen wechseln in der britischen Hauptstadt den Besitzer, bei Derivaten sind es sogar 46 Prozent. Frankfurt hingegen hat in beiden Bereichen einen Anteil von jeweils gerade mal zwei Prozent. Wenn Banken diese Geschäfte zurückfahren, trifft es die Mainmetropole nicht allzu hart. „Die Banken bauen erst einmal in London ab, nicht in Frankfurt“, bestätigt Oliver Wagner, Geschäftsführer des Verbandes der Auslandsbanken.

Beim Aktien- und Anleihengeschäft sitzt in Frankfurt mit der Deutschen Börse ein äußerst anerkanntes Unternehmen: Sie ist einer der wenigen Handelsplätze, der in den vergangenen Jahren nicht regelmäßig kollabiert ist, wenn die Handelsvolumina stiegen. Investoren schätzen die Verlässlichkeit der Börse, vor allem angesichts der inzwischen häufig zusammenbrechenden Londoner Börse LSE. Der europäische Marktanteil der Deutschen Börse liegt bei knapp 40 Prozent.

Der Finanzplatz Frankfurt hält Winterschlaf

Doch trotz dieser Wettbewerbsvorteile hält der Finanzplatz Frankfurt derzeit Winterschlaf. Denn keiner weiß, wie genau die neuen Regelwerke aussehen werden. Und so lange schmiedet keiner große Geschäftspläne. Commerzbank-Chef Martin Blessing erklärte kürzlich, er tue sich schwer, Zehnjahres-Projektfinanzierungen zu vergeben, so lange er nicht wisse, wie viel Eigenkapital er dafür künftig vorhalten muss.

Blessings Überlegungen zeigen: In Frankfurt konzentriert man sich auf andere Geschäfte als London. „London ist ein internationaler Finanzplatz, der mit der nationalen Volkswirtschaft nicht viel zu tun hat“, sagt Finanzplatz-Experte Raettig. Die Institute am Main konzentrieren sich auf das einst als langweilig verschriene Firmenkundengeschäft, gerne mit dem Mittelstand und das Privatkundengeschäft. „Die Chancen für Frankfurt stehen im internationalen Vergleich durchaus gut“, sagt auch Wolfgang Kirsch, der Vorstandschef der DZ Bank.

Denn: „Der Finanzplatz Frankfurt betreibt das Brot-und-Butter-Geschäft mit deutschen Kunden. Aber wir beherrschen auch das internationale Geschäft“, sagt Raettig. Am Ende der Krise könnte diese Kombination vorteilhaft sein. Zusammen mit dem Pfund des EZB-Sitzes wird das möglicherweise ein großer Standortvorteil: „Mir ist da überhaupt nicht bange.“

Zur Homepage

Jetzt kommentieren

Ressort

Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.

Videonachrichten Wirtschaft
Umfrage

Die FR möchte auch nach wissenschaftlichen Maßstäben das Gerechtigkeitsempfinden erforschen. Dabei setzen wir auf Sie, liebe Leserinnen und Leser - und Ihre Beteiligung an einer wissenschaftliche Studie der Universität Köln.

Koffein-Junkies

Die Jobs mit dem höchsten Kaffee-Konsum

Ohne den Wachmacher geht es nicht: 70 Prozent der befragten Berufstätigen glauben, ihre Arbeitsleistung wäre ohne Kaffee beeinträchtigt.

In TV-Serien sitzen Polizisten oft mit einem Becher Kaffee im Auto und observieren. Doch eine Umfrage belegt: Gesetzeshüter sind gar nicht die größten Kaffeetrinker unter den Berufsgruppen. In diesen zehn Jobs sind Mitarbeiter süchtig nach Koffein. Mehr...

FR-Schwerpunkt

Was ist gerecht?

Was ist gerecht?

WIRKLICH? Wie ungleich darf eine Gesellschaft sein – und was ist eigentlich Gerechtigkeit? Der große Schwerpunkt der Frankfurter Rundschau.

FR-Online: Ergänzende Informationen und ausgewählte Texte zum Thema im Online-Dossier.

iPad-App: Alle großen Stücke des Schwerpunkts - interaktiv in preisgekrönter Aufbereitung. Informationen und Bestellformular.

Zeitung: Sämtliche Analyen und Interviews im Vorteils-Abonnement - keine Folge verpassen und dabei noch anderen helfen. Das ist gerecht. Bestellformular.

Wie würden Sie Deutschland gerechter machen? Gibt es eine Ungerechtigkeit, der die Frankfurter Rundschau unbedingt nachgehen sollte? Reden Sie mit - auf unserer interaktiven Webseite.

STUDIE! Die FR möchte auch nach wissenschaftlichen Maßstäben das Gerechtigkeitsempfinden erforschen. Nehmen Sie teil an unserer Umfrage!

Premium-Fotostrecke

Das Frankfurter Bankenviertel - eine Welt für sich. Schlendern Sie mit uns um die Mittagszeit über Opernplatz, Platz der Republik und Taunusanlage.

Zur Premium-Fotostrecke
Brutto-Netto-Rechner
Optimieren Sie Ihr Gehalt:
Bruttogehalt (Euro mtl.)
St.-Kl.
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen