Wie viele Arten es auf der Erde gibt, weiß niemand so genau. Experten schätzen ihre Zahl auf etwa 15 Millionen, bekannt ist jedoch nur knapp ein Zehntel. 130 davon sterben täglich aus. Als "dramatisch" hat Professor Manfred Niekisch, Direktor des Frankfurter Zoos, diesen Schwund an Biodiversität am Montag beim vierten "Forum Entwicklung" von Frankfurter Rundschau und Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) bezeichnet.
"Ohne Biodiversität gibt es keine Entwicklung", unterstrich Niekisch und sprach gar von einer "Überlebensfrage". Nur Vielfalt gewährleiste, dass die Menschheit ernährt werden könne. Bei weitem nicht alle Pflanzen würden etwa den Klimawandel überleben, so der international renommierte Naturschutzexperte vor 130 Besuchern. Schon jetzt kämen immer mehr Menschen von Afrika nach Europa, weil die Ressourcen in ihrer Heimat schwinden oder ungerecht verteilt sind.
Die fünfte Folge des Forum Entwicklung trägt am Mittwoch, 2. Juni, den Titel "Kindersoldat - und dann?". Zu Gast sind im FR-Foyer ab 18.30 Uhr Wolfgang Niedecken, Sänger und Gründer der Rock-Gruppe BAP, und Achim Koch, Leiter eines GTZ-Programms zur sozialen und wirtschaftlichen Reintegration von Kindersoldaten in der D.R. Kongo. (tos)
Dabei kommt auch die Pharmaindustrie ins Spiel. Gerade das Karlsruher Unternehmen Spitzner hat sich unbeliebt gemacht, weil es das Bronchitis-Medikament Umckaloabo aus zwei nur in Südafrika vorkommenden Pflanzenarten herstellt. Der Evangelische Entwicklungsdienst und das African Centre of Biosafety sprechen von "Biopiraterie". Spitzner beute die Ressource aus, ohne die Einheimischen angemessen am Gewinn zu beteiligen.
Das wollte Traugott Ullrich, Geschäftsführer von Spitzner, beim Forum nicht auf sich sitzen lassen. Die Sammler der Pflanze würden zu "marktgerechten Preisen" entlohnt. Zwar gab er Kritikern im Publikum recht, dass es wünschenswert sei, das Herkunftsland auch durch eine dortige Produktion zu beteiligen. Doch noch fehle dort das nötige Wissen für Entwicklung und Herstellung. Daher sei es umso wichtiger, die Bevölkerung der Entwicklungsländer beim ressourcenschonenden Wirtschaften zu unterstützen, betonte Harald Lossack, Biodiversitätsexperte der GTZ.
Gerade für den kurzfristigen Profit zum eigenen Überleben würden der Natur oft so viele Stoffe entzogen, dass eine langfristige Nutzung unmöglich sei. Auf absehbare Zeit werde dann nichts mehr aus der Erde zu holen sein. Armut und Artensterben nähmen zu, sagte Lossack. "Diesen Teufelskreis gilt es zu durchbrechen", forderte er und präsentierte GTZ-Projekte zur nachhaltigen Waldnutzung und Armutsminderung im Kongobecken. Ganz im Sinne der UN-Konvention über die biologische Vielfalt (CBD), die mittlerweile von 168 Staaten unterzeichnet wurde.
Die CBD fordert auch einen gerechten Vorteilsausgleich für Staaten und Gemeinschaften, mit deren genetischen und biologischen Ressourcen Unternehmen anderer Länder Profit machen. Niekisch und Lossack waren sich einig, dass es für den Vorteilsausgleich gesetzliche Regeln brauche, damit Entwicklungs- und Schwellenländer nicht auf den guten Willen von Firmen wie Spitzner angewiesen seien. Auf der CBD-Vertragsstaatenkonferenz steht das Thema nun immerhin wieder auf der Tagesordnung.
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